Berlinale-Palast mit Banner 2017 (Foto: imago/STPP)
Audio: Kulturradio | 24.11.2017 | Interview Christoph Hochhäusler | Bild: imago/STPP

Filmemacher fordern Neuanfang - "Berlinale hat an Profil und Rang verloren"

Wichtige Regisseure fordern eine neue Ausrichtung der Berlinale. Anlass ist der auslaufende Vertrag von Chef Dieter Kosslick. Er habe zwar positive Impulse gesetzt, sagt etwa Mitunterzeichner Christoph Hochhäusler. Trotzdem sei das Festival "abgeschlagen".  

Insgesamt 79 deutsche Filmemacher verlangen eine Neuausrichtung der Berlinale. Es gelte, "das Festival programmatisch zu erneuern und zu entschlacken", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Regisseurinnen und Regisseure, die rbb|24 vorliegt. Zuerst hatte "Spiegel Online" darüber berichtet.

Zu den Unterzeichnern gehören Fatih Akin, Dominik Graf, Maren Ade, Volker Schlöndorff, Andreas Dresen, Caroline Link, Simon Verhoeven und Rosa von Praunheim.

Internationale Kommission soll Kosslick-Nachfolger finden

Anlass für die Erklärung ist die Suche nach einem Nachfolger für den Chef der Internationalen Filmfestspiele, Dieter Kosslick. Seit 2001 leitet Kosslick die Berlinale - sein Vertrag läuft 2019 aus. Die Filmemacher schlagen vor, eine internationale, zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern besetzte Findungskommission einzusetzen, die auch über die grundlegende Ausrichtung des Festivals nachdenken soll.

"Ziel muss es sein, eine herausragende kuratorische Persönlichkeit zu finden, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen", heißt es in der veröffentlichten Erklärung. "Wir wünschen uns ein transparentes Verfahren und einen Neuanfang."

Die Erklärung im Wortlaut

"Die Berlinale ist eines der drei führenden Filmfestivals weltweit. Die Neubesetzung der Leitung bietet die Chance, das Festival programmatisch zu erneuern und zu entschlacken. Wir schlagen vor, eine internationale, zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern besetzte Findungskommission einzusetzen, die auch über die grundlegende Ausrichtung des Festivals nachdenkt. Ziel muss es sein, eine herausragende kuratorische Persönlichkeit zu finden, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen. Wir wünschen uns ein transparentes Verfahren und einen Neuanfang."

Kosslicks Auswahl in der Kritik

An Kosslicks Filmauswahl für den offiziellen Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären hatte es in den vergangenen Jahren Kritik gegeben. Im Vergleich zu den Festivals in Cannes und Venedig kann der Berlinale-Wettbewerb nach Meinung mancher Filmexperten nicht mithalten.

Schwochow: "Profil der Berlinale verwässert"

Der Regisseur und Drehbuchautor Christian Schwochow, der die Erklärung unterzeichnete, sagte am Freitag der rbb-Welle Radioeins, Kosslick habe in den vergangenen Jahren viel Gutes erreicht. Unter Kosslick habe sich die Berlinale zu einem großen Publikumsfestival entwickelt. "Aber gleichzeitig hat sich dadurch das Profil der Berlinale verwässert", so Schwochow.

"Wir finden, man sollte die Chance unbedingt nutzen und das Festival neu auf die Beine stellen." Und zwar zum einen personell durch den Festivalleiter, zum anderen durch eine Entschlackung. Bei der Berlinale liefen mit etwa 400 bis 500 Filmen viel mehr als in Cannes oder Venedig. "Es ist unübersichtlich geworden, die Sektionen haben nicht mehr so richtig ein klares Profil", kritisiert er. Nun sei es Zeit zu verkleinern und das Profil zu schärfen. 

Hochhäusler: "Berlinale ist abgeschlagen"

Ein weiterer Mitunterzeichner, der Regisseur Christoph Hochhäusler, sagte im rbb-Kulturradio: Anlass für die Erklärung sei auch gewesen, dass in der Nachfolge-Debatte häufig zu hören gewesen sei, Kosslick wolle als Präsident weitermachen und so das Festival noch eine weitere Dekade prägen. In der Ära Kosslick habe es zwar auch viele positive Impulse gegeben, so Hochhäusler. "Aber ich denke, dass das Festival insgesamt an Profil verloren hat, an Stellung auch, an Rang." Die Berlinale "ist schon eher abgeschlagen", sagte Hochhäusler. Sie rangiere eher nach den Filmfestivals in Toronto und Locarno. "Das hat natürlich auch viel zu tun mit Entscheidungen, die Dieter Kosslick getroffen hat." Nach rund 18 Jahren brauche es eine neue Ausrichtung. 

Eine internationale Findungskommission würde der Berlinale guttun, so Hochhäusler. Denn innerhalb des deutschen Films seien alle irgendwie voneinander abhängig und es gebe Beißhemmungen in alle Richtungen. Toll wäre es, wenn "wirklich unabhängige Köpfe" eine Person finden würden, die "auch eine Perspektive auf das Weltkino hat, die über oberflächliche Trends hinausgeht".

Berlinale-Chef Dieter Kosslick am 14.02.2017 in Berlin © imago/Seeliger
Berlinale-Chef Dieter Kosslick. | Bild: imago/Seeliger

Kosslick zeigt Verständnis

Am Freitagnachmittag regierte Kosslick auf die Forderungen der Filmemacher. "Ich kann den Wunsch der Regisseur*innen nach einem transparenten Prozess der Neugestaltung der Berlinale verstehen", teilte Kosslick mit. Sein Vertrag ende am 31. Mai 2019. "Der Aufsichtsrat hatte mich aufgefordert, einen Vorschlag zu einer möglichen Neustrukturierung der Berlinale zu unterbreiten. Diesen Vorschlag werde ich - völlig unabhängig von meiner Person - dem Aufsichtsrat vorlegen", erklärte der Festivalleiter.  

Grütters kündigt "transparente" Debatte an

Für die Wahl der nächsten Festivalleitung ist Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) verantwortlich. Sie ließ am Freitag über ihren Pressesprecher mitteilen, die Erklärung der Filmemacher sei bereits am 1. Mai dieses Jahres erstmals veröffentlicht worden. Sie habe sich schon Mitte September mit Unterzeichnern über eine strukturelle und personelle Neuausrichtung der Berlinale  intensiv ausgetauscht.

Weitere "transparente Debatten" soll es Grütters zufolge am 4. Dezember bei einer Podiumsdiskussion in Berlin geben.  

Ein Name fehlt auf der Liste

Sowohl etablierte Filmschaffende als auch Newcomer haben die Erklärung unterzeichnet - es ist eine breite Allianz über Generationen und Genres hinweg. Einige von ihnen wie Fatih Akin, Maren Ade und Christian Petzold sind selbst bei vergangenen Berlinalen mit Bären ausgezeichnet worden.

Ein Name allerdings fehlt auf der Liste: Tom Tykwer hat nicht unterzeichnet. Er ist im kommenden Jahr Präsident der internationalen Berlinale-Jury. Das Filmfestival findet vom 15. bis 25. Februar 2018 statt.

Sendung: Inforadio, 24.11.2017, 10.45 Uhr

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Kosslick hat unübersehbar auf Masse statt Klasse gesetzt: Ein Riesenprogramm mit zirka zwei Dutzend Sektionen, Sektiönchen und Sonderreihen. Motto: Wer vielen vieles bietet ... Dazu dann noch "Berlinale Goes Kiez" - voilà: Die höchsten Zuschauerzahlen aller Zeiten.

    Und natürlich die konsequente Orientierung auf irgendwelche "Events", bei denen es vor allem darum geht, welche "Promis" über irgendeinen roten Teppich schlurfen oder, schnell eingeflogen, andernorts in Kameras grinsen und mit nichtssagenden Äußerungen Reklame für ihren neuen Film machen - für dessen Inhalt, geschweige denn Form sich kaum jemand interessiert, jedenfalls nicht in den Medien.

    Paßt natürlich zu unserer Zeit, ebenso wie daß die Berlinale in den weniger auf Oberflächlichkeiten und Tralala gepolten Siebzigern und Achtzigern als eher dröges "Arbeitsfestival" galt. Heute aber nahezu unvorstellbar, daß etwa Filme aus dem Forum als große Ereignisse gelten und auch so in den Medien erscheinen (gell, RBB?).

  2. 3.

    Auch ich finde den Kommentar von "Kinogänger" sehr treffend. Die Besonderheit der Berlinale sollte erhalten bleiben.
    Die Gefahr besteht doch in der Absenkung des Niveaus. (wie dramatisch geschehen beim rbb Fernsehen unter Patricia Schlesinger und Jan Schulte-Kellinghaus)

  3. 2.

    Ich schließe mich dem Kommentar von "Kinogänger" an. Die Kunst ist es ja alle Genres anzusprechen ... abheben kann jeder.

  4. 1.

    Im Gegensatz zu Venedig und Cannes ist die Berlinale vor allem ein Publikumsfestival, für alle Filmfreunde ist etwas dabei und deshalb halte ich vor diesem Hintergrund das, was die Kritiker als programmatische Unschärfe kritisieren, für passend, und ich halte es für geboten, dass eine demokratisch legitimierte Institution, wie die Staatsministerin für Kultur und Medien, die Nachfolge von Dieter Kosslick verantwortet (oder seinen Vertrag verlängert) und nicht irgendeine Findungskommission, die die Berlinale zu dem macht, was Cannes und Venedig in meinen Augen immer war: eine für Außenstehende mausetote Nabelschau einer sich abschottenden Szene.

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