Nazif Mujic mit seinem jüngsten Sohn, Danis (Quelle: dpa/Durgut)
Bild: dpa/Durgut

Berlinale trauert um Preisträger Nazif Mujic - Bären-Gewinner stirbt verarmt in seiner bosnischen Heimat

Schrottsammler Nazif Mujic spielte sich selbst - und wurde bei der Berlinale 2013 als bester Schauspieler ausgezeichnet. Abseits davon lebte er ein Leben in Armut. Er beantragte Asyl in Deutschland und verkaufte den Bären. Am Wochenende ist er verarmt gestorben.

"Mit großem Bedauern haben die Internationalen Filmfestspiele Berlin erfahren, dass Nazif Mujic am 18. Februar 2018 verstorben ist", teilte die Berlinale mit. Sein Cousin Mehmed Mujic sagte dem Nachrichtenportal Klix.ba (Sarajevo) er sei am Sonntagmorgen tot in seinem Haus in dem nordbosnischen Dorf Svatovac 125 Kilometer südlich von Sarajevo aufgefunden worden. "Gestern waren wir noch zusammen, es ging ihm gut, und dann ruft mich heute Morgen jemand an und sagt, dass er gestorben ist", sagte der Bruder von Nazif Mujic der Nachrichtenagentur AFP.

Nazif Mujic am 28.12.2016 in Svatovac, Bosnien-Herzegovina
Mujic Ende 2016 in Bosnien. | Bild: Pixsell

Eigentlich hat er nur sich selbst gespielt: Einen Roma, der Metalle jeder Art sammelt, um seine Familie zu ernähren. Für den halbdokumentarischen Film "Aus dem Leben eines Schrottsammlers" von Regisseur Danis Tanović hatte Nazif Mujic 2013 den Silbernen Bär als bester Schauspieler auf der Berlinale gewonnen. Oscar-Preisträger Tanovic ("No Man's Land") nahm für den Film den Großen Preis der Jury entgegen.

"Ich würde jeden Job machen in Deutschland"

Mujic war Diabetiker, auf Insulin angewiesen, und lebte mit seiner Familie in Bosnien in Armut. "Er war sehr besorgt wegen seiner materiellen Situation", sagte sein Bruder Suljo Mujic. "Im Januar hat er versucht, in Deutschland Lösungen zu finden, aber er ist zurückgekommen."

Mujic ist Angehöriger der Minderheit der Roma und hatte nach seiner Auszeichnung im November 2013 einen Asylantrag in Berlin gestellt. Berlinale-Direktor Dieter Kosslick unterstützte Mujic bei dem Wunsch, in Deutschland zu bleiben. Die Filmfestspiele besorgten eine Anwältin, um den Bosnier bei seinem Asylgesuch zur Seite zu stehen. "Ich würde jeden Job machen in Deutschland", sagte Mujic damals. "Ich würde meinen Bären zurückgeben, wenn ich bleiben könnte."

Kosslick hatte sich im Januar 2014 noch vorsichtig optimistisch gezeigt: Für Mujics Aufenthaltswunsch sei "noch nicht das Ende der Tage" gekommen. Mujic befand sich zu diesem Zeitpunkt mit seiner Familie in einer Berliner Flüchtlingsunterkunft. Doch der Asylantrag wurde abgelehnt.  

4.000 Euro für den Silbernen Bären

Nach seiner Rückkehr von der Berlinale 2013 wurde Mujic in seinem Dorf als Held empfangen. Doch der Ruhm verblasste schnell und der preisgekrönte Schauspieler fiel in Armut zurück. Mit Eisensammeln versuchte er, seine Frau und die drei Kinder - ein Sohn und zwei Töchter - zu ernähren. Damit verdiente er umgerechnet etwa 3,50 Euro am Tag.

2017 verkaufte er aus Geldmangel den Silbernen Bären für 4.000 Euro an eine örtliche Bar. "Ich habe zuerst ein altes Auto verkauft, dann ein paar persönliche Sachen, dann war der Bär dran", erzählte er damals AFP. Mujic hatte offenbar geplant, zur diesjährigen Berlinale zu reisen, um über sein Schicksal nach der Auszeichnung vor fünf Jahren zu berichten. Dafür habe er sich schon ein Busticket gekauft, sagte er. Für Mittwoch sei seine Beerdigung geplant.

Sendung: Abendschau, 18.02.2018, 19.30 Uhr

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Hallo, Herr Lothar,
    ich habe gerade Herrn Merten und Frau Fischer angeschrieben, evtl. können Sie sich kurzschließen, denn es geht um das Spendenkonto für die Hinterbliebenen des Herrn Nazif Mujic, das nunmehr eingerichtet wurde. Oder Sie schreiben mir eine Mail, ich würde Ihnen dann gerne Fragen beantworten.
    Schöne Grüße Brit Rosengart

  2. 11.

    Sehr geehrte Frau Fischer,
    ich habe gerade eine Mail an Herrn Merten gesandt, es geht um das Spendenkonto für die Hinterbliebenen von Herrn Nazif Mujic. Vielleicht können Sie sich mit Herrn M. in Verbindung setzen. Ansonsten auch mir eine Mail senden, um Einzelheiten zu erfahren.
    Schöne Grüße Brit Rosengart

  3. 10.

    Sehr geehrter Herr Merten,
    ich hoffe, es wird Sie freuen, dass wir - das bin ich (s.o.) und die bekannte Moderatorin Cecile Schortmann von "Kulturzeit" 3sat - soeben ein Spendenkonto für die Hinterbliebenen von Herrn Nazif Mujic eingerichtet haben. Ich bin derzeit dabei, "Bettelbriefe" an meine Freunde und Bekannten zu senden, meine Familie hat bereits gespendet.
    Wenn es Ihnen also ernst ist mit Ihrem Wunsch, der Familie zu helfen, kontaktieren sie mich doch bitte per Mail, ich könnte Ihnen dann Einzelheiten mitteilen. Wunderbar wäre es natürlich, wenn auch Sie Freunde, Familie und Bekannte ansprechen würden, jeder € zählt in diesem Fall.
    Ich würde mich also freuen, von Ihnen Post zu bekommen.
    Schöne Grüße von Brit Rosengart

  4. 9.

    Ja, Thomas! Das denke ich schon seit Tagen, was wohl aus seiner Frau Senada und den drei Kindern wird. Ich weiß ja nicht, wie gut der familiäre Zusammenhalt mit der Verwandtschaft ist. Die werden auch nicht im Geld schwimmen. Wenn ich die Zeit und etwas mehr Geld hätte, würde ich da runter fahren. Wie könnte man Hilfe organisieren? Hätte, könnte, sollte ......, traurig. Erst so viel Hoffnung zu wecken in dieser scheinheiligen Glamourwelt und dann so alleingelassen. So ist es halt in Babylon. Wenn jemand eine Idee hat, wie wir helfen könnten ........
    Wenn genügend Zeit vergangen ist, denkt wahrscheinlich kein Mensch mehr an Nazif Mujic, außer seine Familie!
    In Gedanken bei der Familie ist die Evelyn!

  5. 7.

    so sieht es aus .. es ist eine Show .. wo metoo geheuchelt wird und sich anschliessend auf Sekt und Schnittchen und auf den VIP-Service mit Audi gefreut wird ; wo Stars politisch korrekt ins Mikro flöten ; fragen wir doch mal die Stars, ob sie Herrn Nazif Mujic gekannt haben, natürlich vor dem jetzigen Medienecho ...

  6. 6.

    Nach diesem Artikel stellen sich mir drei Fragen: Todesursache? Ist seine Familie menschenwürdig versorgt? Wie ist das Gesundheitssystem in Bosnien beschaffen?

  7. 5.

    Sehr gut Ihr Vorschlag und ich bin sofort mit dabei. Kann hier nicht der RBB mal im Büro von Herrn Kosslick nachfragen, ob und wie es möglich ist seiner Familie etwas Geld zukommen zu lassen. Gerade jetzt zur Berlinale sollten doch insbesonders die großen in der Filmbranche auch hierfür ein offenes Ohr haben.

  8. 4.

    Aber natürlich ist diese BERLINALE - Show in Berlin eine SHOW. Dort gibt es Gewinner und Verlierer. Selten sind die Verlierer so drastisch in Erscheinung getreten. Die Verarmung, der Notverkauf des BÄREN und schließlich der eigene Tod zeichnen exakt das Wesen dieser Veranstaltung nach. Kein Film kann dies leisten! Eine menschliche Reaktion dieser schamlosen Gesellschaft zu erwarten wäre dann wohl doch zuviel verlangt. Es geht einfach um zuviel. Geld, Macht Karriere... Alles andere sind nur Krokodilstränen in einem warmen, weichen Kinosessel, im kostenlosen Auto von AUDI und der anschließenden Party mit Leckerchen. Mahlzeit.

  9. 3.

    Ich finde wir sollten jetzt an seine Familie denken und jemand der sich auskennt, leider kann ich das nicht selber machen, sollte bitte und wenn es nur für meine Spende ist, ein Spendenkonto einrichten und das dann bitte auch so öffentlich machen, dass ich davon erfahre und spenden kann und außerdem sollte das Geld schnell zur Familie überbracht werden.

  10. 2.

    ein sehr trauriges Schicksal ... nur stellt sich hier die Frage, der Herr kommt aus Bosnien ... ein Land, das demnächst in die EU aufgenommen werden soll ... die Filmfestspiele, auch in Form der Unterstützung von Herrn Kosslick, besorgten eine Anwältin --- wer hat das finanziert ? ... nicht jedem dem es in der Welt schlecht geht, kann Asyl bekommen in Deutschland, auch ist in Bosnien kein krieg. Da fragt man sich, was und warum Herr Kosslick diesem Herrn so viel Hoffnung gemacht hat ...
    wer wollte sich hier wieder am Schicksal armer Menschen profilieren ?

  11. 1.

    Nazif Mujic

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