Monika Grütters und Dieter Kosslick bei der Eroeffnung der 67. Berlinale am 9.2.2017 (Bild: imago/APress)
Video: rbb Aktuell | 04.12.2017 | Christian Titze | Bild: imago/APress

Zukunft der Berlinale - "Schwarze Zahlen und stiller Stand"

Der Vertrag von Berlinale-Direktor Dieter Kosslick läuft 2019 aus. Wohin soll sich das Fimfestival danach entwickeln? Darüber wird gestritten - und Kosslick heftig kritisiert. Doch seine Unterstützer formieren sich zunehmend um Kosslicks Erbe. Von Anne Kohlick

Soll die Berlinale bleiben, wie sie ist? Oder sich ab 2020 von Grund auf verändern, wenn Dieter Kosslicks Vertrag als Direktor ausgelaufen ist und ein Neuer die Leitung des weltweit größten Publikumsfilmfestivals übernimmt? Und wie wird der oder die Neue gefunden?

Zu einer Podiumsdiskussion über diese Fragen hatte am Montagabend Monika Grütters (CDU), die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, ins Haus der Kulturen der Welt in Berlin eingeladen. Neben den Regisseuren Volker Schlöndorff und Christoph Hochhäusler diskutierten Christiane Peitz vom Tagesspiegel, Filmproduzent Thomas Kufus und Bettina Reitz, Präsidentin der Hochschule für Fernsehen und Film München.

Podiumsdiskussion im HKW in Berlin zur Zukunft der Berlinale (Quelle: rbb/Anne Kohlick)
Bild: rbb/Anne Kohlick

Bären-Gewinner für Neuanfang

In ihrem eröffnenden Statement ging Gastgeberin Monika Grütters auf den Brief mit Forderungen zur Zukunft der Berlinale ein, den rund 80 deutsche Regisseurinnen und Regisseure unterzeichnet und Ende November veröffentlicht hatten. In diesem Brief wünschen sich unter anderem bekannte Bären-Gewinner wie Fatih Akin, Christian Petzold oder Maren Ade einen Neuanfang für die Berlinale nach der Ära Kosslick.

Grütters betonte, dass der Brief sie in einer unveröffentlichten Variante schon im Mai erreicht habe und sie eine Abordnung der Unterzeichner im September persönlich gesprochen habe. Ihr sei es wichtig, in der Diskussion um die Berlinale "nicht nur die Soll-, sondern auch die Haben-Seite zu betrachten." Das Filmfestival stehe für eine "Weltoffenheit, die gut tut".

Berlinale als "dezidiert politisches Film-Volksfest"

Dieter Kosslick wurde von Grütters für seine "im besten Sinne des Wortes prägenden Jahre" als Festivaldirektor gelobt: Er habe mit der Einführung des Filmbranchentreffs "European Film Market" und der Nachwuchsförderung "Berlinale Talents" für die Zukunftsfähigkeit des Festivals gesorgt. Grütters sieht die Berlinale als "dezidiert politisches Film-Volksfest" - in diesem Sinne solle sie sich weiter profilieren.

Als Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien ist Monika Grütters dafür verantwortlich, den oder die Neue an der Spitze der Berlinale zu bestimmen. Angeblich suche sie dafür "nach einer deutschen Frau", doch diese Gerüchte seien falsch - genauso wie das Gerücht, dass Dieter Kosslick in einer prägenden Berlinale-Funktion auch nach 2019 vorgesehen sei. "Das stimmt nicht", sagte Grütters.

Noch keine Namen von Kandidaten

Es gebe bislang keine Festlegungen. Sie führe aber "schon seit Monaten Gespräche mit Persönlichkeiten - auch international", sagte Grütters. Sie bat um Verständnis für ihre Diskretion: Namen möglicher Kandidaten könne man während der Suche nicht bekanntgeben.

Für die Findung der neuen Festivalleitung wird Grütters nicht allein verantwortlich sein. Die Berlinale unterstehe gemeinsam mit den Berliner Festspielen und dem Haus der Kulturen der Welt der "Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH" (KBB). Der Aufsichtsrat der KBB, dem Monika Grütters vorsitzt, werde aus seinen Mitgliedern - fast alle Politiker - eine Findungskommission bilden. Diese werde "Experten aus der Filmbranche beratend hinzuziehen".

Die Unterzeichner des offenen Briefes hatten dagegen eine "internationale, zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern besetzte Findungskommission" vorgeschlagen, die "auch über die grundlegende Ausrichtung des Festivals nachdenkt." Im kommenden Jahr solle die Entscheidung über die Kosslick-Nachfolge fallen und der oder die Neue an der Spitze der Berlinale bekanntgegeben werden.

"Vernunftentscheidungen" und Klüngel

Dem lobenden Eröffnungsstatement von Monika Grütters setzten die Regisseure Christoph Hochhäusler und Thomas Heise - beide Unterzeichner des offenen Briefes - in ihrem Vortrag harsche Kritik an der Berlinale unter Kosslick entgegen. Sie warfen dem Festival vor "schwarze Zahlen", aber nur einen "stillen Stand" vorweisen zu können. "Kapitalismus lebt von Wachstum" - und das Festival wachse, man verkaufe viel mehr Tickets als noch vor zehn Jahren, habe aber kein eigenes Profil. Hochhäusler und Heise sprachen teilweise unter Buhrufen und Pfiffen. Sie warfen den Berlinale-Kuratoren vor, zu viele Filme zu zeigen, nicht pointiert genug auszuwählen, ihre Wahl von "Vernunftentscheidungen" und Klüngel abhängig zu machen.

Finanzen und künstlerische Leitung trennen

Dem widersprach Christiane Peitz, Ressortleiterin Kultur beim Berliner "Tagesspiegel". Zwar gebe es stärkere und schwächere Wettbewerbsjahrgänge der Berlinale, aber die Auswahl der Filme erfolge eindeutig "nach künstlerischen Gesichtspunkten". Die Berlinale ist für sie beides: ein Publikums- und ein Kunstfilmfestival.

Peitz machte sich dafür stark, nach der Ära Kosslick die Berlinale-Leitung zwischen zwei Personen aufzuteilen. Es solle einen Chef für Organisation und Finanzen geben, daneben einen künstlerischer Leiter. So handhaben es laut Peitz auch die Filmfestivals in Cannes und Venedig. Dieter Kosslick dagegen sei "beides in Personalunion" und habe deshalb zu wenig Zeit, "in der Welt herumzufahren und Regisseure zu schütteln: Gebt mir euren Film!"

"Viel Zeit in Schneideräumen verbringen"

Dem stimmte auch Produzent Thomas Kufus zu: "Ein künstlerischer Leiter der Berlinale muss hören, wie das Gras in der Filmbranche wächst." Dafür müsse er "viel Zeit in Schneideräumen und Kinos auf der ganzen Welt verbringen" können, damit es in Berlin häufiger gelänge, wichtige Filme zu entdecken. Ein Leitungs-Duo oder sogar -Trio für die Berlinale hält Kufus deshalb für sinnvoll.

Regisseur Volker Schlöndorff lobte Dieter Kosslick dafür, die deutschen Filmemacher zur Berlinale geholt zu haben. Im Gegensatz zum "elitären" Filmfestival in Cannes bezeichnete er die Berlinale als "allgemeinverständlich und politisch engagiert". Das passe zu Berlin. Dem Kosslick-Kritiker Christoph Hochhäusler schlug er vor, gemeinsam mit anderen Regisseuren eine Sektion in der Berlinale zu gründen, in der sie selbst Filme auswählen und präsentieren. Als Vorbild nannte er die "Quinzaine des Réalisateurs", einen Regiewettbewerb, der seit 1968 parallel zum Filmfestival in Cannes stattfindet.

Die Berlinale neu erfinden

Den Vorschlag fand Hochhäusler gut. Nur ob ihn Dieter Kosslick das umsetzen lässt? Wenn es nach Hochhäusler geht, soll in Zukunft Schluss sein mit der Berlinale als Eier legender Wollmilchsau - Kunst und Kommerz, Arthouse-Anspruch und Hollywood-Glamour, Sektionen für Kinder, Kochen und indigene Völker, die in ihrer Vielzahl kaum noch überschaubar sind. Hochhäusler plädiert für eine Berlinale mit weniger Filmen - die dann, so hofft er, eine Aussage darüber zulassen, was Kino heute eigentlich ist. Der oder die Neue an der Spitze des Festivals solle freie Hand bekommen, "die Berlinale neu zu erfinden".

Als expliziter Kosslick-Kritiker war er mit dieser Forderung auf dem Podium im Haus der Kulturen der Welt allein. Der Abend war voll des Lobes für die Leistungen des noch amtierenden Festivaldirektors, nachdem in der vergangener Woche vor allem die Schwächen der Berlinale im Fokus der Berichterstattung gestanden hatten. Wie sehr sich die Berlinale in der Nach-Kosslick-Ära also verändern wird - oder bleibt, wie sie ist: Die Findungskommission unter Monika Grütters hat es in der Hand.

Sendung: rbb aktuell, 4.12.2017, 21:45 Uhr

Beitrag von Anne Kohlick

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