07.02.2019, Berlin: 69. Berlinale, Eröffnungsgala: Berlinale-Direktor Dieter Kosslick und die Schauspielerin und Jury-Präsidentin Juliette Binoche umarmen sich während der Eröffnung der Berlinale (Quelle: dpa/Nietfeld)
Video: rbb|24 | 07.02.2019 | Quelle: Abendschau, zibb, rbb|24 | Bild: dpa/Nietfeld

Eröffnung der 69. Berlinale - Viel Lob und Küsse für den Herrn der Bären

Stürmischer Applaus für den scheidenden Berlinale-Chef: Stars und politische Prominenz würdigten Dieter Kosslick für seine Verdienste. Nach der Gala lief der erste Wettbewerbsbeitrag, Lone Scherfigs "The Kindness of Strangers".

Lichterglanz draußen am Potsdamer Platz, festliche Garderobe im Berlinale-Palast: Viele nationale und internationale Stars sind zur Eröffnungsgala der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin gekommen: Nina Hoss, Andie MacDowell, Filmakademie-Präsidentin Iris Berben, Wim Wenders - dazu politische Prominenz, wie zum Beispiel Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) und die norwegische Kulturministerin, Trine Skei Grande. Mit stürmischem Applaus begrüßten sie am Donnerstagabend den scheidenden Festival-Direktor Dieter Kosslick, der im Mai nach 18 Jahren sein Amt abgeben wird.

Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigte Kosslick in ihrer Eröffnungsrede: Der Berlinale-Manager habe großes Kino zu einem echten Gemeinschaftserlebnis und die Berlinale zu einem Volksfest gemacht. "Das schönste Kompliment sind 350.000 verkaufte Eintrittskarten jährlich."

Regierender appelliert an politische Verantwortung

Anke Engelke, im grün-weißen Abendkleid und mit Pferdeschwanz, moderierte die Veranstaltung auf Englisch und Deutsch und begrüßte die prominenten Gäste gewohnt routiniert. Offiziell eröffnet wurde die Berlinale von Festival-Chef Kosslick und Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche, der Präsidentin der internationalen Jury.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) appellierte an die politische Verantwortung Film- und Kulturschaffender. Da es 30 Jahre nach dem Mauerfall wieder Diskussionen über den Bau von Mauern und nach wie vor auch antisemitische Übergriffe gebe, müsse man sich auch im Rahmen eines Filmfestivals klar machen, "dass nichts selbstverständlich ist".

Kosslick: "Ein bisschen viel Moll"

Geprägt war der Abend vor allem von Kosslicks bevorstehendem Abschied. Von Anke Engelke und Max Raabe bekam er ein Ständchen. Sänger Marius Müller-Westernhagen sagte im rbb: "Es geht eine Ära zu Ende in Berlin." Für Dieter Kosslick war es "ein bisschen zu viel Moll", wie er dem rbb sagte. Er wolle mehr "Dur" reinbringen. Seit 2001, also seit 18 Jahren, leitet "Mr. Berlinale" das wichtigste deutsche Filmfestival. Im Mai 2019 wird seine Ära definitiv enden, in der er unter anderem die Sektionen "Perspektive deutsches Kino" sowie "Kulinarisches Kino" eingeführt hat. Nach Kosslick steht eine paritätisch besetzte Doppelspitze in der Verantwortung für die Filmauswahl: Carlo Chatrian, bisheriger Chef des Festivals von Locarno, wird künstlerischer Direktor, die Niederländerin Mariette Rissenbeek leitet die Geschäfte.

Nach der Gala startete das Festival mit der Filmpremiere von Lone Scherfigs Drama "The Kindness of Strangers" über eine obdachlose Familie in New York.

Stars auf dem roten Teppich

Relativ hoher Frauenanteil im Wettbewerb

Zehn Tage lang steht die Hauptstadt nun im Zeichen der 69. Berlinale. Dass sich der Wettbewerb in diesem Jahr besonders "frauenstark" zeigt, hat am Donnerstag auch Jury-Präsidentin Binoche gewürdigt. Sieben der ingesamt 17 Beiträge sind von Frauen gedreht und konkurrieren um die Hauptpreise, den Goldenen und die Silbernen Bären. Das sei ein guter Schritt nach vorn, sagte die französische Schauspielerin.

Binoche betonte auch die politische Dimension der Films und des Festivals. Die Berlinale müsse "menschlich sein, und wenn sie das ist, ist sie auch politisch", betonte sie. Die Welt sei derzeit "ziemlich egoistisch". Sie verwies auf die Schließung von Grenzen und den Klimawandel.

Auch die sechsköpfige Internationale Jury ist zur Hälfte weiblich: Neben Juliette Binoche sind die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller sowie die britische Schauspielerin und Produzentin Trudie Styler dabei. Außerdem der chilenische Regisseur Sebastián Lelio sowie der Kritiker Justin Chang und der Kurator Rajendra Roy aus den USA.

Grütters kritisiert die Filmbranche

Berlin ist also wieder im Filmfieber - und das, obwohl die Kinobranche kurz vor dem Berlinale-Start einen herben Dämpfer erhielt: Am Mittwoch hatte die Filmförderungsanstalt eine Statistik veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass die Kinos 2018 so wenig Tickets verkauft haben wie seit 1992 nicht mehr.

Bundesweit sank die Zahl der Kinogänger um rund 14 Prozent auf rund 105,4 Millionen. In Berlin ging die Zahl im ersten Halbjahr 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 11,6 Prozent auf rund 4,3 Millionen zurück. In Brandenburg betrug der Rückgang im selben Zeitraum sogar 15,6 Prozent (auf rund 735.000). Mögliche Gründe: die Fußball-WM, der heiße Sommer und die Konkurrenz durch Streamingdienste.

Kulturstaatsministerin Grütters verwies angesichts der Zahlen auf die Filmbranche selbst: "Zur Wahrheit gehört, dass wir 2018 nicht nur viel Sonne, sondern auch wenig zugkräftige Filme hatten - auch zu wenig zugkräftige Filme aus Deutschland", sagte die CDU-Politikerin vor dem Berlinale-Start. Es brauche Reformen, sagte Grütters und kündigte einen Runden Tisch zur Filmförderung an.

Vorverkauf sehr gut gestartet

Trotz der Negativstatistik ist der Tickerverkauf für die Berlinale am Montag nach Veranstalterangaben "sehr positiv gestartet". Dabei sind die Tickets im Vergleich zum Vorjahr teurer geworden: So kosten etwa die teuersten Karten 16 Euro (2018: 15 Euro). Für die meisten Vorstellungen werden 13 Euro (2018: 12 Euro) fällig.

rbb-Koproduktionen und viel Familie im Wettbewerb

Insgesamt rund 400 Filme aus 74 Ländern wird das größte deutsche Filmfestival zwischen dem 7. und 17. Februar zeigen. Auch der rbb ist auf der Berlinale vertreten: Sieben rbb-Koproduktionen laufen im Festival-Programm, darunter die Weltpremiere von David Dietls "Berlin Bouncer" über drei legendäre Türsteher von Hauptstadtclubs.

Der Wettbewerb steht diesmal unter dem Motto: "Das Private ist politisch". Neben den 17 Filmen, die um den Goldenen und die Silbernen Bären konkurrieren, laufen sechs weitere  außer Konkurrenz. Viele Filme drehen sich um Themen wie Familie, Diversität und die Suche nach Geborgenheit. So auch zwei der insgesamt drei deutschen Wettbewerbsbeiträge.

In ihrem Drama "Ich war zu Hause, aber" erzählt Angela Schanelec von einem 13-Jährigen, der für eine Woche spurlos verschwindet. Im Mittelpunkt von Nora Fingscheidts Spielfilmdebüt "Systemsprenger" steht ein unangepasstes kleines Mädchen.

Der dritte deutsche Wettbewerbsbeitrag ist "Der Goldene Handschuh" von Fatih Akin, eine Verfilmung des Romas von Heinz Strunk. Darin geht es um Fritz Honka, den berühmt-berüchtigten Hamburger Serienmörder aus den 70er-Jahren.

Ehrenbär für Charlotte Rampling

Mit einer Hommage sowie dem Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk wird die britische Film- und Theaterschauspielerin Charlotte Rampling gewürdigt.

An Glamour auf dem roten Teppich wird es auch in diesem Jahr nicht fehlen - auch wenn diesmal keine Hollywood-Produktion ins Rennen um die Bären geht. Neben Charlotte Rampling haben Christian Bale, Bill Nighy, Tilda Swinton, Lars Eidinger, Franz Rogowski und viele andere ihr Kommen angekündigt.

Die Berlinale zählt neben Cannes und Venedig zu den drei großen Filmfestivals. Sie gilt als weltweit größtes Publikumsfilmfestival.

Sendung: Abendschau, 07.02.2019, 19.30 Uhr

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Mich würde interessieren, wer bzw. wie die jährliche Berlinade finanziert wird.

  2. 3.

    Danke Ottokar f0r diesen zutreffenden Kommentar. Ich teile uneingeschränkt ihre Meinung.

  3. 2.

    Die Berlinale ist ein Filmfestival, also ein Ereignis für Kino-Fans. Anders als jene in Cannes und Venedig, hat es einen politischen Anspruch, dieses Jahr stehen Filme von Frauen im Fokus, die in dem Metier nach wie vor marginalisiert werden. Soviel zum Hintergrund. Wenn man schon Kritik übt, dann doch bitte zielgerichtet.
    Davon abgesehen, muss sich niemand die Berichterstattung dazu antun oder zwingt Sie jemand?

  4. 1.

    Die „Wichtigkeit“ von Ereignis und Personen ergibt sich ausschließlich aus medialer Reichweite. Und die Medien erliegen immer wieder der Versuchung der Selbstbeweihräucherung.
    Wenn die Tagesschau über ARD-Personalien berichtet, wenn ein Showmaster den anderen oder einen Schauspieler Inteviewt, immer wieder kreisen Sie zu unserer „Unterhaltung“ um einander. So kommen dann ungezählte Sendestunden, Berichte und Sensationen zustande die eigentlich belanglos sind. Vor kurzem noch durfte Herr Sven Plöger einmal in einer Talkrunde ein wenig Klimawandel erläutern, gleichberechtigt gefolgt von den Erlebnissen Frau Furtwängler beim Tatortdreh. Eins das drängendste Problem der Menscheit, das andere eine private Episode.
    Fake News können deshalb so weit streuen, weil die Medien die aufklären sollten vor allem flache Unterhaltung und Nabelschau betreiben.

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