Berlinale-Chef Dieter Kosslick nimmt seinen Hut (Quelle: dpa/K.M.Krause)
Audio: Inforadio | 07.02.2019 | Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin Medienboard Berlin-Brandenburg | Bild: imago/K.M.Krause

Abschiedsfestival von Dieter Kosslick - Auf ein allerletztes Mal, Mister Berlinale!

Am Donnerstag startet die 69. Auflage der Berlinale. Ein letztes Mal wird sie geleitet vom Mann mit Hut und schwäbischem Charme. Dieter Kosslick hat neuen Schwung in das größte deutsche Filmfest gebracht - und nicht nur das. Er hat das Festival regelrecht umgekrempelt. Eine Würdigung von Knut Elstermann

Für Jüngere war Dieter Kosslick schon immer da - das Gesicht der Berlinale, so wie Angela Merkel für sie das ewige Gesicht der Bundesrepublik ist. Ältere werden sich an den neuen Ton, den neuen Schwung erinnern, den er seit seinem Amtsantritt 2001 in das größte deutsche Filmfest brachte. Sie werden vielleicht eine Ahnung davon verspüren, was sie vermissen werden. Es gehört leider zur Natur der Sache, dass sich Würdigungen zu seinem Abgang wie vorgezogene Nachrufe lesen, die er sicher, wenn er sie denn liest, mit amüsierten Bemerkungen kommentiert.

Kosslick ist auf unerhört unterhaltsame Weise unberechenbar

Kosslick ist ein begnadeter Kommunikator, der Dirigent eines vielstimmigen Orchesters und umtriebiger Manager eines verzweigten Wirtschaftsunternehmens, denn auch das ist die Berlinale. Der Mann mit dem roten Schal, der am Berlinale-Palast die Gäste vor den Premieren willkommen heißt, ein herzlicher Gastgeber und Zeremonienmeister, seine chaotischen Reden, in denen sich sein eigensinniger Humor, scheinbar sinnfreie Passagen und tiefsinnige, oft überraschende Betrachtungen mischten – all das ist zu medienwirksamem Markenzeichen der Berlinale geworden. Der öffentliche Dieter Kosslick ist auf unerhört unterhaltsame Weise unberechenbar.

Doch wichtiger war von Beginn an sein Prinzip der Öffnung - in die Stadt hinein, zum Publikum hin. "Berlinale Goes Kiez" ist trotz des merkwürdigen englischen Titels eine wunderbare Einrichtung, durch die wichtige Berlinale-Filme und ihre Macher in kleine Stadtteil-Kinos kommen. Mit Kosslick ist die Berlinale endgültig zu einem populären Fest für die ganze Stadt geworden, mit einem wachen, breiten Publikum, das es so weder in Cannes noch Venedig gibt. Das machte ihn zu einem Liebling des Publikums, nicht unbedingt der Filmkritik. Manche vermissten in ihm einen cineastischen Gesprächspartner, was der hochprofessionelle Macher Kosslick wohl nie leisten wollte. Der ästhetische Diskurs war seine Sache nicht.

Aufspaltung des Postens hätte längst geschehen müssen

Hier liegt sein Versäumnis: Die Aufspaltung seines Postens in Geschäftsführung, Mariette Rissenbeek, und künstlerische Leitung, Carlo Chatrian, im nächsten Jahr hätte im Grunde schon unter ihm vollzogen werden müssen. Dann wäre er der ideale, über allem stehende Präsident mit freien Rücken und mehr Zeit für die großen Anforderungen der Geschäftsführung gewesen, der künstlerische Entscheidungen anderen überlassen hätte.

Sicher angefeuert von dem stets wachsenden Zuspruch hat Kosslick das Festival immer mehr erweitert, viele Nebenreihen und zahllose Specials eingeführt. Die Berlinale ist wahrlich kein übersichtliches Festival, sie franst seit Jahren an den Rändern aus. Doch das Publikum, die ausverkauften Vorstellungen geben Kosslick recht. Sollte man weniger anbieten, weniger Karten verkaufen, weniger einspielen und damit Verluste hinnehmen? Ich bin gespannt, ob die neue Leitung hier Schneisen schlagen wird, ohne diesen Publikumszuspruch zurechtzustutzen.

Archivbild: Mick Jagger of the Rolling Stones (R) and festival director Dieter Kosslick chat on the red carpet at the 58th Berlin International Film Festival in Berlin, Germany, 07 February 2008. Martin Scorsese's concert movie 'Shine a Light' starring the Rolling Stones will kick off this year's festival. 21 films take part in the competition for the 'Golden' and the 'Silver Bear' awards. (Quelle: dpa/Jensen)Berlinale-Chef meets Rockstar: Kosslick mit Sir Mick Jagger

Vor Kosslick mieden deutsche Filmemacher die Berlinale

Man hat Kosslick vor allem die Schwächung des Wettbewerbs vorgeworfen, und sicher gab es starke und schwächere Jahrgänge. Die Vorverlegung des Oscar-Verleihung machte Berlin als Startrampe für große Hollywood-Produktionen weniger interessant, doch gerade dieser Umstand, der den Starauflauf sicher reduzierte, öffnete die Aufmerksamkeit für besondere, handverlesene Produktionen aus kleineren Filmländern. Viele Berliner Wettbewerbsfilme wie "Nader und Simin" aus dem Iran, "Eine Perle Ewigkeit" aus Peru, "Seefeuer" aus Italien, "Eine fantastische Frau" aus Chile oder "Körper und Seele" aus Ungarn erhielten den Oscar oder zumindest Nominierungen und traten von Berlin aus ihren Weg in die Filmwelt an, was merkwürdigerweise in der Berlinale-Bilanz der Kosslick-Jahre gern unterschlagen wird.

Archivbild: Jury members Susanne Bier (L-R), Ellen Kuras, Tim Robbins, Shsirin Neshat, Esther and Wong Kar Wai, Athina Raches Tsangari, Andreas Dresen and Berlinale director Dieter Kosslick arrive for the premiere of the movie 'The Grandmaster' ('Yi dai zong shi') during the 63rd annual Berlin International Film Festival, in Berlin, Germany, 07 February 2013. The movie has been selected as the opening film for the Berlinale and is running in the offical section out of competition. (Quelle: dpa/Hoppe)Regisseur Andreas Dresen, der neben Kosslick steht, gehörte 2013 zur Berlinale-Jury.

Berlin ist ein guter Ort für das deutsche Kino geworden

Und viele deutsche Filmemacher haben offenbar vergessen, wie sehr Kosslick die Berlinale für sie geöffnet hat. Ich erinnere mich gut daran, dass die Berliner Filmfestspiele vor ihm ein Schlachtfest waren, das von deutschen Regisseuren und Regisseurinnen möglichst gemieden wurde. Kosslick gab ihnen neue Aufmerksamkeit und Respekt. Nicht selten fanden Debütanten gleich den Sprung in den Wettbewerb. Berlin ist seither ein guter Ort für das deutsche Kino, für Regisseure wie Andreas Dresen oder Christian Petzold. Der in die Öffentlichkeit lancierte, kritische Brief von deutschen Filmemachern, darunter viele, die von Kosslick stets gefördert wurden, hat ihn tief getroffen und verletzt. Er hätte einen anderen Abschied verdient, und ich bin mir sicher, er wird ihn in diesen letzten Tagen seiner Amtszeit erhalten.

Die Berlinale sollte Dieter Kosslick immer dankbar sein

Unter dem neuen künstlerischen Chef, Carlo Chatrian, dem früheren Direktor des Filmfestivals in Locarno, wird die Berlinale vielleicht leiser, nachdenklicher, zurückhaltender, was zu den neuen Zeiten passen mag. Doch für den kräftigen Energieschub, für den anti-elitären Aufbruch, den Dammbruch einer neuen Popularität sollte die Berlinale Dieter Kosslick immer dankbar sein. Das waren keine kleinen Veränderungen, das war eine Revolution.

Dieter Kosslick sagt "Tschö"

Sendung: MoMa, 06.02.2019, 05:30 Uhr

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