Collage von Charlotte Rampling - links: 1967 (Bild: imago), mittig: 1988 (Bild: imago), rechts: 2018 (Bild: imago/Hatim Kaghat)
Bild: links/mittig: imago, rechts: imago/Hatim Kaghat

Porträt Charlotte Rampling - Symphonie hinter den Augen

Charlotte Rampling will Grenzen ausloten, ihre verborgenen Seiten entdecken - ohne sich dabei ganz preiszugeben. Die Britin kann mit einem Blick erzählen, wofür andere einen Film brauchen. Nun bekommt sie den Ehrenbären der Berlinale. Von Sebastian Schneider

Ihr Blick wirke, als habe sie schon alles gesehen, hat der italienische Regisseur Luchino Visconti über sie gesagt. Überlegen, leicht spöttisch, anziehend und abweisend zugleich - all das lässt sich aus ihren jadegrünen Augen lesen. Ganz ergründen lässt sich Charlotte Rampling bei ihrer Arbeit nie. Den Beinamen "The Look" hat sie schon mit Anfang zwanzig bekommen. Ihre Kunst ist alterslos. Am Donnerstag bekommt die 73-Jährige dafür den Goldenen Ehrenbären der Berlinale.

Bei mehr als 100 Filmen hat die britische Darstellerin mitgewirkt, eine erstaunlich hohe Zahl - weil Rampling stets den Eindruck vermittelt hat, dass sie sich diesem Geschäft nur begrenzt auszuliefern bereit ist. "Ich musste mich nie anpreisen oder jemanden um eine Rolle bitten. Andererseits habe ich aber auch nie Filmen nachgeweint, die ich verpasst habe", hat sie in einem Interview mit der "Hannoverschen Allgemeinen" gesagt. Als sei ihr diese Weltkarriere einfach so passiert.

Suizid der Schwester

Geboren wurde Charlotte Rampling 1946 in Essex. Ihre Mutter Isabel war Malerin, ihr Vater Godfrey Offizier und erfolgreicher Sportler. Sie erzogen ihre beiden Töchter streng. Charlotte wuchs in Eliteschulen in England, Spanien und Frankreich auf. Ihr Vater steckte sie erst auf ein Internat, dann auf eine Schule für Sekretärinnen. Sie hasste es dort.

In London sprach sie ein Modelscout auf der Straße an. Die Karriere auf dem Laufsteg aber ließ Charlotte Rampling dann doch lieber bleiben, zu fade. Stattdessen lernte sie Schauspiel am Royal Court Theatre in London. Abgeschlossen hat sie die Ausbildung nie.

1966, da war Rampling gerade 20 Jahre alt, kam der Anruf, der ihr Leben für immer veränderte: Ihre drei Jahre ältere Schwester Sarah hatte sich erschossen. Charlotte und ihr Vater erfuhren davon, als die Schwester bereits beerdigt war. Verabschieden konnten sie sich nicht. Warum sie sich das Leben genommen hatte, hat die Familie nie erfahren. Um die Mutter zu schonen, log man ihr bis zu ihrem Tod vor, Sarah sei an einer Gehirnblutung gestorben. Dieser Verlust prägt Ramplings Arbeit bis heute, wie sie selber sagt.

Das Lebenswerk der Charlotte Rampling

Klischee: Unnahbarer Vamp

Nach dem Tod ihrer Schwester geriet Rampling in eine ernste Krise. Sie versuchte sich erst in Afghanistan, dann in einem buddhistischen Kloster in Schottland zu verstehen. Was ihre Rollen anging, war sie von Anfang an wählerisch. Sie ließ die Angebote zu sich kommen, nicht umgekehrt. "Ich mache grundsätzlich nicht Filme, um Leute zu unterhalten. Ich wähle die Rollen aus, die mich herausfordern, um meine eigenen Grenzen zu durchbrechen", hat sie über ihre Entscheidungen gesagt. Visconti drehte mit ihr 1969 "Die Verdammten", ein von Anfang an heftig umstrittenes Porträt einer Industriellenfamilie während der NS-Diktatur.

Rampling heiratete und zog nach Frankreich, ihre Karriere setzte sie in Italien fort: In Liliana Cavanis "Der Nachtportier" von 1974 spielte sie eine KZ-Überlebende, die nach dem Krieg in einem Hotel auf einen ihrer ehemaligen Peiniger trifft – und mit ihm eine sadomasochistische Beziehung eingeht.

Die Folge: Großes Geschrei, Aufführungsverbot in Italien. Der Film machte Rampling schlagartig bekannt und zog das Interesse von Regisseuren wie Woody Allen und Sidney Lumet auf sich - schrieb sie allerdings auch auf das Image als unnahbarer Vamp fest. Dabei ödete sie dieses Klischee an, wie sie später erzählte. Sie hat lange gebraucht, um sich von diesen Fesseln zu befreien.

Comeback mit François Ozon

Provozieren, Konventionen durchbrechen und das dann mit voller Hingabe: Was andere von ihr dachten, ob sie sich mit einem Schimpansen im Bett drehen ließ, eine alternde Sextouristin spielte, die Erzählstimme eines Videospiels war oder sich nackt mit der Mona Lisa im Louvre fotografieren ließ – Rampling hat ihre Arbeit immer als fortwährendes Experiment begriffen. Erwartungen zu entsprechen, sagt sie, habe sie dabei gelangweilt. "Das Schauspielen muss etwas sein, das einfach so passiert, wie von Zauberhand, wie ganz von selbst", beschrieb sie das.

In den achtziger und neunziger Jahren wurde es stiller um sie. Lange Jahre litt Charlotte Rampling an schweren Depressionen. Der französische Filmemacher François Ozon holte sie 2000 zurück ins Licht: Er gab ihr die Hauptrolle in "Unter dem Sand". Rampling spielt eine Frau, die mit ihrem Mann in einen Strandurlaub nach Südfrankreich fährt. Er verschwindet plötzlich spurlos. Ramplings Figur verdrängt und verneint den Verlust einfach, weil sie sich nicht mit ihm abfinden will. "Erst bei diesem Film habe ich verstanden, dass ich so bin wie ich bin, einsam, distanziert, weil ich nie wirklich um meine Schwester trauern durfte", sagte sie damals in einem Interview. Es sei für sie bis heute ihre wichtigste Arbeit.

Preise für "45 Years"

Die Zusammenarbeit mit Ozon ("Swimming Pool" folgte 2003) gab Ramplings Karriere nochmal einen kreativen Schub: Sie sang ein Album mit Liedern auf Englisch und Französisch ein, spielte im Alter von 57 Jahren zum ersten Mal Theater - auch auf der Bühne hat sie seitdem Erfolg. Die Berlinale lud sie 2006 als Jurypräsidentin ein. 70 Jahre zuvor hatte ihr Vater Godfrey in der Stadt die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen geholt, mit der 400-Meter-Staffel.

Und 2015 kehrte Rampling für ihren bisher größten Erfolg in den Berlinale-Palast zurück: Das Drama "45 Years" brachte ihr und ihrem Kollegen Tom Courtenay die Auszeichnungen als beste Darstellerin und bester Darsteller ein. "Was hinter diesen Augen vorgeht, ist wie eine Symphonie" hat der Regisseur Andrew Haigh über Ramplings vollendet zurückhaltendes Spiel in seinem Film gesagt.

Sie und Courtenay verkörpern das Paar Kate und Geoff, das gerade mitten in den Vorbereitungen zur großen Feier ihres 45. Hochzeitstages steckt. Dann bekommt Geoff plötzlich einen Brief - und die vermeintliche Gewissheit und Vertrautheit dieses scheinbar so vorbildlichen Paares ist auf einen Schlag weg. Dafür erhielt Rampling nicht nur den Silbernen Bären, sondern auch den Europäischen Filmpreis und eine Oscar-Nominierung. Zwei Jahre später folgte die "Coppa Volpi" bei den Filmfestspielen von Venedig, für die Titelrolle in "Hannah".

"Ein paar gute Filme, aber mehr auch nicht"

Nun wird die Frau mit der tiefen, rauchigen Stimme, die von sich gesagt hat, dass sie wirklich sehr gern verstöre, für ihr Gesamtkunstwerk geehrt - sie wird es mit Fassung und dem nötigen Humor tragen. Dass sich Rampling zur Ruhe setzt muss man nicht befürchten. "Es ist eben so. Ich habe ein paar gute Filme gemacht, aber mehr auch nicht", hat sie vor ein paar Tagen dem ZDF erzählt und dabei überaus kompetent untertrieben.

Diese "paar guten Filme" sind während der Berlinale nun zu sehen, die Festspielleitung widmet Charlotte Rampling ihre Hommage. Dabei ist auch das ausgezeichnete Porträt "The Look" aus dem Jahr 2011. Im Gespräch mit der Regisseurin Angelina Maccarone macht sich Rampling selbst über ihr Image als große Verschleierartistin lustig: Vielleicht seien einfach nur ihre schweren Augenlider das große Geheimnis. Immer wieder hätten Schönheitschirurgen ihr vorgeschlagen, das zu "korrigieren". Sie habe immer abgelehnt.

Sendung: Radioeins, 14.02.19, 09:50 Uhr

Beitrag von Sebastian Schneider, rbb|24

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5 Kommentare

  1. 4.

    In dem Punkt hatte ich Sie tatsächlich missverstanden, aber mir Ihrer Aufzählung wird er mir klar - es stimmt, wenn ich alle anderen Regisseure aufzähle, sollte ich nicht die eine Regisseurin nicht aufzählen. Das war mit Sicherheit keine Absicht und ist mir zuerst schlichtweg nicht aufgefallen. Danke für Ihren Hinweis.

  2. 3.

    Sehr geehrter Sebastian Schneider,

    ich beziehe mich bei der namentlichen Nennung auf ihren Text und nicht auf die Aufzählung der Filmografie im Kasten.
    Sie scheinen jedoch den Punkt nicht verstanden zu haben den ich kritisiere - selbstverständlich dürfen sie zitieren, wen sie wollen. Und ich finde ihren Artikel auch sehr lesenswert! Dennoch verstehe ich nicht wieso es so schwer fällt eine gleichberechtigte Sichtbarkeit herzustellen, denn Sie schreiben: „der italienische Regisseur Luchino Visconti, der französische Regisseur François Ozon, der britische Regisseur Andrew Haigh ...“
    Aber: „Im Gespräch mit der Regisseurin“.
    Warum?

  3. 2.

    Sehr geehrte(r) Mellom,

    danke für Ihren Kommentar. Sie haben recht, ich hätte Frau Maccarone als Zitatgeberin nehmen können - aber hier ging es mir darum, welches Zitat die Wirkung von Charlotte Rampling am stärksten auf den Punkt bringt - und von denen, die ich gelesen habe erschien mir das von Visconti am stärksten. Zitat Maccarone: "ihrem Blick aus diesen Augen, in denen schon Visconti zu erkennen vermeinte, dass sie alles gesehen hätten."

    Wenn Sie sich anders entschieden hätten, respektiere ich diese Meinung.Ich bin nur nicht der Ansicht, dass man dieses Porträt nur auf diese eine Weise schreiben kann.

    Frau Maccarone wird in dem Kasten zur Hommage übrigens durchaus namentlich erwähnt, außerdem lobe ich ihr Porträt in dem Text als ausgezeichnet. Insofern finde ich es etwas harsch, mir vorzuwerfen, ich würde sie bewusst ignorieren.

    Freundliche Grüße und einen schönen Tag,

    Sebastian Schneider

  4. 1.

    Ihr erster Satz in ihrem Artikel "über" Charlotte Rampling beginnt mir dem Zitat eines Mannes, einem männlichen Regisseur. Im Anschluss befassen Sie sich viel mit den Augen Charlotte Ramplings und ihrem „Look“. Dabei schaffen sie es tatsächlich innerhalb ihres geschrieben Textes nicht einmal die Regisseurin Angelina Maccarone namentlich zu erwähnen, sondern umgehen dies dauerhaft in ihrem Artikel. Wie kann das sein?

    Angelina Maccarone ist eine herausragende, mit Preisen ausgezeichnete Regisseurin die in ihrem Dokumentarfilm „The Look“ Charlotte Rampling ganz besonders nahe kommt. Wäre es da nicht etwas angebrachter gewesen vielleicht mit einem Zitat von ihr, anstatt von Luchino Visconti zu beginnen? Die Filmregisseurin Angelina Maccarone hätte sogar mit einem italienischen Background mithalten können.

    Sehr peinlich, eine Berliner Filmgröße während der Berlinale nicht zu erwähnen.

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