Audio: Kulturradio | 13.02.2019 | Interview mit Kristin Shi-Kupfer

Interview | Absage des Berlinale-Wettbewerbsfilms "One Second" - "Es deutet auf Probleme mit der Zensurbehörde Chinas hin"

Der chinesische Film "One Second" wurde aus dem Berlinale-Wettbewerb genommen - angeblich wegen technischer Probleme. Kristin Shi-Kupfer vom Mercator Institute for China Studies vermutet einen anderen Grund: Chinas Führung sei derzeit besonders nervös.

"Yi miao zhong", das aktuelle Werk des vielfach preisgekrönten chinesischen Regisseurs Zhang Yimou, kann am Freitag nicht wie geplant im Wettbewerb der Berlinale gezeigt werden. Technische Probleme bei der Post-Produktion seien der Grund, hieß es.

rbb: Glauben Sie die Geschichte mit den technischen Problemen?

Kristin Shi-Kupfer: Nein. Das ist eine sehr unglaubwürdige Begründung, die die chinesische Produktionsfirma da geliefert hat. Es deutet daraufhin, dass es inhaltliche Probleme gegeben hat mit den Zensurbehörden in China.

Der abgesagte Film "One Second" spielt ja gegen Ende der Kulturrevolution. Es geht um jemanden, der aus einem Arbeitslager geflohen ist. Die Aufarbeitung dieser Zeit, die sogenannte Kulturrevolution war ja eine grausame Unterdrückungsaktion, ist doch heutzutage eigentlich in China erlaubt, oder?

Die Aufarbeitung ist sehr lückenhaft und beschränkt sich auf oberflächliche Feststellung wie die, dass es "die dunklen zehn Jahre" waren. Die Zeit wird ganz klar verknüpft mit Mao Tsetung beziehungsweise der Viererbande. Aber immer, wenn es um konkrete und persönliche Lebensgeschichten geht, mussten sich Filmregisseure mit den Zensurbehörden auseinandersetzen. Es ist doch immer noch ein Ringen. Letztendlich sind die Zensurmaßnahmen auch immer ein Ausdruck dafür, wie sicher sich die jetzigen Machthaber fühlen. Also dafür, wie nervös sie sind und was sie dann auch zulassen im Hinblick auf die historische Darstellung.

Jetzt ist der Film erst nominiert und dann zurückgezogen worden. Ist das ein Zeichen für Kämpfe und Auseinandersetzungen hinter den Kulissen?

Das ist in China natürlich nie auszuschließen. Aber ich denke doch, es ist eher ein Zeichen dafür, wie nervös die Führung ist im Moment. Die Entscheidung ist ja sehr kurzfristig gefällt worden. Es gab ja erst eine Freigabe. Man ist ja in China kurz vor einem wichtigen Treffen des sogenannten Parlaments, es ist zudem ein Jahr, wo viele sensible Jubiläen anstehen – die Niederschlagung der Protestbewegung auf dem Tian'men-Platz beispielsweise.

Wie läuft das eigentlich mit der Filmzensur ab? Muss der Regisseur schon das Drehbuch einreichen?

Es sind in der Regel mehrere Stufen, die ein Film durchlaufen muss. Auch jetzt auf der Berlinale gibt es interessanterweise einen Film, der zunächst freigegeben wurde, der aber jetzt innerhalb Chinas, bis er dort in die Kinos kommt, noch eine weitere Freigabe braucht. Und die ist jetzt verschoben worden. Es ist für Filmregisseure in China an sich nichts ungewöhnliches, das sie mit Verspätungen rechnen müssen. Das gilt auch für Fernsehserien. Da werden mitunter Serien, die eigentlich schon laufen, plötzlich aus dem Programm genommen.

Auf der anderen Seite gibt es ja China als aufstrebende Wirtschaftsmacht mit vielen modernen Projekten. Bleibt die Modernisierung im geistig-kulturellen Bereich aus?

Wir sehen zwei Systeme oder zwei Geschwindigkeiten. Es tut sich sehr viel - die wirtschaftliche Entwicklung Chinas ist sehr dynamisch. Aber im Politischen und Kulturellen gibt es eine zunehmend konservativere Haltung. Das ist sehr rückschrittlich und liegt auch weit hinter dem zurück, was wir von vorherigen Führungsgenerationen in China kennen.

Ist zu erwarten, dass sich der Regisseur Zhang Yimou deutlich äußert?

Das wäre eher ungewöhnlich. Weil er ja auch weiterhin Filme in China drehen möchte. Das wäre dann schon ein sehr großer und mutiger Schritt. Er ist eine interessante Figur, weil er sich eigentlich in den letzten Jahren wieder gefällig gegenüber der Führung gezeigt hat. Er hat ja auch die Olympischen Spiele inszeniert. Ich fand es eher überraschend, dass er wieder so einen kritischen Film macht. Was natürlich auch darauf hindeuten könnte, dass er das bewusst gemacht hat. Als Signal, um zu sagen: Das ist jetzt etwas, was auch mir zu weit geht. Diese Entwicklung in den letzten Jahren.

Wäre es hilfreich, wenn die Berlinale deutlicher protestieren würde? Es wird ja stattdessen nur der Spielplan geändert und ein alter Film von Yimou gezeigt.

Die Berlinale kann sich natürlich zum einen nur auf das berufen, was die Produktionsfirma gesagt hat. Zum zweiten kann man auch vermuten, dass es vielleicht gewisse Hinweise von der Produktionsfirma oder dem Regisseur gegeben hat, das bitte nicht zu groß und zu öffentlich zu machen, weil es ihnen schadet. Aber ich würde auch sagen, man könnte zumindest darüber Bedauern äußern. Und Sorge zum Ausdruck bringen, was das für die Bedingungen von Filmregisseuren in China bedeutet. Da hätte man sicherlich noch einen Schritt weiter gehen können – ohne jetzt die Hintergründe zu kennen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Frank Rawel, Kulturradio

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