Archivbild von 2015: Die Regisseurin und Drehbuchautorin Jutta Brückner (Quelle: imago/gezett)
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Interview | Jutta Brückner - "Sex und Liebe waren die einzigen Waffen der Frau"

Jutta Brückner gehört zu den Filmemacherinnen, die in den 70er-Jahren in eine von Männern dominierte Branche einbrachen. Schon damals forderten sie eine Frauenquote - vergeblich. Heute dagegen wirke die "MeToo"-Bewegung wie ein "Turbo", sagt Brückner.

rbb|24: Frau Brückner, für ihren Debütfilm "Tue recht und scheue niemand", der am Montag und Dienstag in der Retrospektive gezeigt wird, mussten Sie sich das Filmemachen erst einmal selbst beibringen. Wie kam es dazu?

Jutta Brückner: Mit Anfang 20 wollte ich unbedingt einen Roman schreiben und bin gescheitert. Dann begann ich zu studieren, habe aber gemerkt, dass mich an der Universität nichts hält. Durch einen Zufall lernte ich dann einige Filmemacher des Jungen Deutschen Films in München kennen. Die waren alle auf Umwegen zum Film gekommen, da war der Gedanke, als Autodidaktin einen Film zu machen, nicht abwegig. Die anderen hatten es ja auch geschafft.

War es schwer, als junge unerfahrene Filmemacherin für dieses Debüt eine Finanzierung zu bekommen?

Im Gegenteil: Die Türen sind förmlich vor mir aufgeflogen. Der Redakteur beim "Kleinen Fernsehspiel" fand meinen Ansatz neu und interessant. Einen so persönlichen Film zu machen und dabei die Biographie einer ganz normalen Frau in den Mittelpunkt zu stellen - das hatte bis dahin noch niemand gemacht. Bei der Umsetzung gab es ein paar Katastrophen. Im Kopierwerk haben sie mir reduzierte Filmrollen verkauft, die überlagert waren. Dadurch mussten wir manche Szenen doppelt drehen und konnten den Ausstrahlungstermin nicht halten. "Learning by doing" eben.

Das Ergebnis kam dann aber bei der Kritik gut an ...

So einstimmig positive Kritiken habe ich danach nie mehr bekommen. Ich habe dann direkt mit meinem zweiten Film "Hungerjahre" weitergemacht - ein autobiographischer Spielfilm. Es lief so gut, dass ich dachte: Jetzt stehen mir alle Türen offen. Aber stattdessen saß ich in der Falle.

Warum?

Autobiographische Filme sind eine Nische. Ich bekam nur noch Angebote nach dem Schema: Verfilmen Sie die Geschichte eines alkoholkranken Mädchens. Das wollte ich aber nicht. Außerdem lautet die wichtigste Regel im Filmgeschäft: Die Budgets müssen von Film zu Film größer werden.

Und das wurden sie nicht?

Nein, weil inzwischen der Autorenfilm in Deutschland beerdigt worden war. Es begann die Zeit des Genrefilms, Komödien oder Krimis waren gefragt. Außerdem änderte sich die Filmförderlandschaft: Finanziert wurden Erfolge, keine Experimente. Die männlichen Kollegen hatten früher angefangen und  sich schon international einen Namen gemacht, das war für sie ein gewisser Schutz. Wir Frauen bekamen dagegen Konkurrenz aus den eigenen Reihen: Eine neue Generation von professionell ausgebildeten Filmemacherinnen drängte auf den Markt, erklärte sich zu Alphamädchen und fand Feminismus völlig überflüssig. Die wollten Erfolg haben und hatten kein Problem damit, den Geschmack der Entertainment-Industrie zu bedienen.

Filmstill aus "Tue recht und scheue niemand - Das Leben der Gerda Siepenbrink" in der Regie von Jutta Brückner (Quelle: Deutsche Kinemathek)
Gerda Siepenbrink (Mitte), die Mutter von Jutta Brückner - aus dem Foto-Film "Tue recht und scheue niemand" (1975)Bild: Deutsche Kinemathek

Sie meinen Kolleginnen wie Katja von Garnier? Von ihr läuft mit "Bandits" auch ein Film in der Retrospektive. Klingt nicht so, als würden Sie sich auf die Begegnung freuen.

Ihre Filme sind ganz anders als meine, aber das ist okay. Männer machen ja auch ganz unterschiedliche Filme. Der Unterschied ist: Wenn Frauen bei Fördergeldern gegeneinander ausgespielt werden, hat man nicht die innere Distanz zu sagen: Netter Film, hat mir Spaß gemacht. Diese Freiheit werden wir vermutlich erst haben, wenn Frauen 50 Prozent der Filmbudgets bekommen.

Unterstützen Sie deshalb die Forderungen von "ProQuote Film"?

Die Hälfte von allem ist eine alte Forderung, mit der wir schon in den 70er-Jahren als "Verband der Filmarbeiterinnen" an die Öffentlichkeit gegangen sind. Nur hat sich das damals nicht durchgesetzt. Man könnte sagen die "MeToo"-Debatte war wie ein Turbo für die Quotenforderungen. Wo die Macht gerechter verteilt ist, gibt es weniger Machtmissbrauch.

Als die Vorwürfe gegen den Regisseur Dieter Wedel bekannt wurden, haben Sie gesagt, das sei nur die Spitze des Eisbergs. Überrascht es sie, dass danach keine anderen bekannt wurden?

Ich meinte damit, dass viele Übergriffe eher in einem hellgrauen Bereich stattfinden und deshalb nicht vor Gericht landen. Außerdem ist die Rolle der Frauen nicht immer klar zu beurteilen.

Sie meinen, junge Frauen spielen mit ihrer sexuellen Attraktivität, um im Filmgeschäft voranzukommen?

Ja, und das kann man Ihnen auch nicht verdenken. Sex und Liebe waren die einzigen Waffen der Frau in der Zeit, als sie noch keine Rechte hatte. Sie musste sich über einen Mann eine Stellung in der Welt erobern - anders ging's ja nie. Solche Verhaltensmuster lassen sich nur langfristig gesellschaftlich ändern. Da kann man einzelnen Frauen nur selten Vorwürfe machen.

Finden Sie einige "MeToo"-Vorwürfe übertrieben?

"MeToo" ist enorm wichtig. Aber ich denke, die Beschwerde über die Hand auf dem Knie ist oft ein Ventil für einen generellen Unmut: Frauen merken, dass sie es in der Filmbranche schwer haben, wenn sie und ihre Filme nicht unkompliziert, sexy und bereitwillig sind.

Vielen Dank, Frau Brückner, für dieses Gespräch.

Das Interview führte Franziska Walser.

Sendung: Kulturradio, 09.02.2018, 17.00 Uhr

Aufbruch der Filmemacherinnen

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