Audio: Kulturradio | 12.02.2019 | Claudia Ingenhoven

Kommentar | Zu oft gesehen, auch auf der Berlinale - Bitte keine leidenden Frauen mehr!

Bei ihrer persönlichen Auswahl von Berlinale-Filmen hat Claudia Ingenhoven das immer gleiche Bild tapfer leidender Frauen gesehen. Was ist mit Frauen, die auf den Putz hauen, fragt sie, was mit den Vätern?

Beim dritten Mal bin ich ausgestiegen. Ich habe in drei Berlinale-Filmen Frauen kennengelernt, die bitter arm sind, die sich aber tapfer durchschlagen:  Eine ("The Kindness of Strangers") flieht vor ihrem prügelnden Ehemann, ohne Geld und ohne Bleibe. Sie klaut sich das Essen bei Galas und Empfängen zusammen und erzählt ihren Kindern noch eine lustige Geschichte dazu.

Warum erzählen die Regisseurinnen diese Geschichten?

Die zweite ("Fern von uns") hat weder Geld noch Mann. Sie räumt mutterseelenallein eine von Tauben besiedelte Hütte aus, um einen Platz für sich und den kleinen Sohn zu schaffen. Die dritte ("El despertar de las hormigas") hat einen netten Mann, der so gerne noch ein Kind möchte und nach einem schönen Haus sucht, das Platz für die große Familie bietet. Während sie, seine Ehefrau, noch nicht mal weiß, wie sie eine neue Arbeitslampe für die Schneiderei bezahlen soll. Sie ist die Vernünftige, die Duldsame, die Kränkungen runterschluckt und ihren Mann geschickt von seinen Plänen abbringt, ohne seinen Groll zu provozieren.

Natürlich sind all das wirklichkeitsnahe Geschichten, sie passieren tagtäglich auf der ganze Welt. Hier im Film in New York, in Argentinien und in Costa Rica. Aber warum erzählen die Regisseurinnen sie uns? Immer wieder. Aus pädagogischen Gründen? Wollen sie den Zuschauerinnen mit ähnlichen Erfahrungen sagen: Ihr seid nicht allein? Wollen Sie prügelnden oder egoistischen Männern sagen: Hört auf damit? Als könnte das irgendjemanden überzeugen.

Es gibt doch längst Geschichten, wo Frauen auf den Putz hauen

Ich kann diese tapferen Frauen im Film nur noch schwer ertragen. Sie sind hundertfach im Kino und im Fernsehen gezeigt worden. Und es gibt doch längst andere Geschichten. Es gibt Frauen, die auf den Putz hauen, und es gibt Väter, die selbst sehen, was ihre Kinder brauchen, die ihnen ein Hochbett bauen, weil der Platz sonst nicht ausreicht, die sie zur Schule bringen, weil der Weg zu gefährlich ist, die Nachtschichten fahren, um vormittags auf sie aufzupassen. Auch das führt sicher zu Konflikten, die würden mich interessieren.

Wieder und wieder Geschichten von abgemagerten, traurigen Frauen mit großen Augen zu erzählen, die im durchscheinenden Unterhemd am Waschbecken stehen und entgeistert ihr Spiegelbild betrachten - ich finde, das reicht. Der Aha-Effekt ist gleich Null, der Ermüdungseffekt hoch Zehn.

Da lobe ich mir die Unternehmensberaterin aus dem österreichischen Wettbewerbsfilm "Der Boden unter den Füßen". Auch sie hat ihr Päckchen zu tragen, sie ist alleinverantwortlich für ihre schwerkranke große Schwester. Aber immerhin hat sie mit ihrer Liebsten Sex auf der Bürotoilette. Ganz selbstverständlich.

Beitrag von Claudia Ingenhoven, Kulturradio

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2 Kommentare

  1. 2.

    hä?

  2. 1.

    Auf die hysterischen Antworten freue ich mich jetzt mehr als auf ihren tollen Kommentar.

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