Die Taube auf dem Dach © DEFA-Stiftung / Klaus Goldmann
DEFA-Stiftung
Audio: Inforadio | 11.02.2019 | Nadine Kreuzahler | Bild: DEFA-Stiftung

Retrospektive | Filmemacherinnen in Ost und West - "Die sexuelle Freiheit, die Selbstbestimmung - das hat missfallen"

Die Retrospektive widmet sich unter dem Titel "Selbstbestimmt" den Perspektiven von Filmemacherinnen zwischen 1968 und 1999. Wie war die Situation damals in Ost und West? Und wie hat sie sich verändert für Frauen im Filmgeschäft? Von Nadine Kreuzahler

Blond, schön, selbstbewusst und selbstbestimmt - das ist Linda, die Bauleiterin und Heldin in "Die Taube auf dem Dach", einem Defa-Film von Iris Gusner aus dem Jahr 1973. In der DDR wurde er verboten und nie gezeigt. Das Farbnegativ blieb verschwunden. 1990 konnte der Film in einer Schwarz-Weiß-Kopie gezeigt werden, verschwand dann aber wieder, bis er 2010 in einer rekonstruierten und restaurierten Schwarz-Weiß-Kopie noch einmal uraufgeführt werden konnte.

Iris Gusner ist überzeugt, dass das Frauenbild ausschlaggebend für das Verbot war. "Ich glaube, diese sexuelle Freiheit, also diese Selbstbestimmung - dass sie sich den Jungen im Prinzip nimmt und dass sie sich nicht von Anfang an klar zwischen den beiden Männern entscheidet -, das hat missfallen", sagt die heute 78-Jährige. "Aber noch mehr missfallen hat das Bild des Arbeiters, dass der eigentlich eher eine tragische Figur war."

"Das lag aber nicht an der DDR"

Das Verbot sei damals schmerzlich gewesen, "Die Taube auf dem Dach" war ihr Debütfilm. Sie habe danach zwar weiterarbeiten können, sagt Gusner, aber: "Trotzdem habe ich, als ich den Film jetzt wieder auf der großen Leinwand gesehen habe, gemerkt, dass da viele unaufgelöste Verletzungen übrig geblieben sind. Denn meine Karriere hätte von Anfang an einen anderen Schwung bekommen." Und es käme noch hinzu, sagt sie, dass sie danach angefangen habe, mehr Kompromisse zu machen. "Ich fing an, traditioneller zu erzählen in den nächsten Filmen".

"Die Taube auf dem Dach" ist einer von 26 Spiel- und Dokumentarfilmen in der Retrospektive von Regisseurinnen aus Ost und West und dem wiedervereinigten Deutschland. Alltag und Arbeit, Familie, Beziehungen, der Umgang mit dem Körper, das sind die Themen. Entstanden sind sie unter unterschiedlichen Voraussetzungen: in der alten Bundesrepublik oft im Kontext der Frauen- oder Studentenbewegung. In der DDR in einem staatlich gelenkten Studiosystem.

Iris Gusner war eine der nur wenigen weiblichen Defa-Regisseure. "Dass ich eine der wenigen war, lag aber nicht an der DDR", sagt sie, "das lag daran, dass die Frauen nicht den Mut dazu hatten." Die Chance dazu, sagt Gusner, hätten alle möglichen Frauen gehabt. "Also, wer sich darum bemüht hat und die Aufnahmeprüfung bestanden hat." Sie sagt: "Ich wollte das und da habe ich das gemacht."

Aufbruch der Filmemacherinnen

Ganz andere und doch ähnliche Erfahrungen

Im Rahmen dieser Berlinale steht auch Hermine Huntgeburth auf der Bühne eines Kinos. "Hallo, ich freu mich wirklich sehr, hier zu sein mit meinen ersten Filmen, meinem ersten langen und einem meiner Kurzfilme", sagt sie. Huntgeburth stammt aus Paderborn, sie ist Jahrgang 1957. Sie hat ganz andere, aber auch ähnliche Erfahrungen wie Gusner gemacht. "Ich wusste, dass ich das machen wollte und dann hab ich versucht, meinen Wunsch in die Realität umzusetzen."

Seit Anfang der 90er Jahre ist sie eine der erfolgreichsten Regisseurinnen hierzulande. Die Retrospektive zeigt "Im Kreise der Lieben" - ihren ersten langen Spielfilm von 1991 über ein mörderisches Frauentrio - ihre Eintrittskarte ins Filmgeschäft. Es sei damals fast zu einfach gewesen, den Film zu produzieren, erzählt die heute 61-Jährige. Danach aber wurde es schwieriger. Aber nicht etwa, weil sie eine Frau ist, betont sie. "Ich hab das persönlich nie so empfunden. Das heißt aber nichts. Denn ich glaube, ich bin eine Ausnahme gewesen. Ich kenne das von vielen anderen Frauen: die Dinge waren und sind auch immer noch nicht paritätisch und gleichberechtigt."

"Ohne Quote geht es nicht"

Deshalb engagiert sich Hermine Huntgeburth im Bündnis Pro Quote Film, das sich dafür einsetzt, dass Aufträge, Fördergelder und Rollen zu gleichen Teilen an Frauen und Männer vergeben werden sollen. Ohne Quote geht das leider nicht, findet sie. Auch wenn sich gerade vieles verändere. Iris Gusner sieht das anders: "Ich bin nicht für Quote, ich bin für Qualität". Sie schiebt aber hinterher: "Ich bin da etwas am Zweifeln". Vielleicht habe der Ruf nach einer Quote doch seine Berechtigung im Moment. "Denn es gibt wirklich Männerbündnisse. Und um die vielleicht zu durchbrechen, bis wirklich eine gewisse gleiche Aufteilung vorhanden ist, dafür ist die Quote höchstwahrscheinlich berechtigt".

Auf zu weiblicher Kraft

Am vergangenen Wochenende hat Noch-Berlinale-Chef Kosslick - in Abstimmung mit seinen Nachfolgern - eine Selbstverpflichtung unterschrieben, die sogenannte "5050x2020"-Pledge. Bis 2020 sollen die Leitungen und Auswahlgremien des Festivals paritätisch besetzt werden. Auch in diesem Jahr setzt die Berlinale schon Zeichen - nicht nur mit der Retrospektive. Sieben von 16 Wettbewerbsfilmen kommen in diesem Jahr von Frauen, so viel wie noch nie. Hört man sich auf der Berlinale um, dann werten die meisten das als Aufbruch - so wie die Schauspielerin Aylin Tezel, 36 Jahre alt. "Ich würde mir wünschen, dass es jetzt so weitergeht. Weil ich glaube, es gibt so eine ganz besondere weibliche Kraft, die die Welt vertragen kann."  Und ihre Kollegin Meret Becker, 50, hofft, dass es irgendwann selbstverständlich sein wird, dass Frauen genauso im Filmgeschäft vertreten sind wie Männer: "Noch ist es aber leider nicht so weit".

Andrea Sawatzki, 55 Jahre alt, sagt dagegen, sie schaue nicht auf Zahlen: "Es kommt auch immer aufs Können an. Aber es ist doch schön, wenn sich das so entwickelt."

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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