Christiane Paul und Mark Waschke in "8 Tage" (Quelle: rbb)
Christiane Paul und Mark Waschke in "8 Tage" | Bild: rbb

Serien-Kritik | "8 Tage" auf der Berlinale - Berlin taugt visuell für den Weltuntergang

Die ersten beiden Teile der Serie "8 Tage" mit Mark Waschke und Christiane Paul, die in der Sektion "Berlinale Series" läuft, zeigen die Stadt in einem präapokalyptischen Überlebenskampf: Ein Asteroid wird auf die Erde prallen und Berlin liegt in der Todeszone. Von Anna Wollner

Es ist ein absolutes Schreckensszenario, das die Sky-Serie "8 Tage" provoziert. Ein Asteroid rast auf die Erde zu, wird in acht Tagen unseren Planeten erreichen und in Westeuropa einschlagen. Irgendwo in Frankreich. Die Auswirkungen werden den ganzen Kontinent erschüttern und in Schutt und Asche legen. Auch in Deutschland wird kein Stein mehr auf dem anderen stehen, denn selbst Berlin liegt noch in der Todeszone. Acht Tage, das heißt hier: acht Folgen präapokalyptischer Überlebenskampf.

Jeder ist zurückgeworfen auf seinen moralischen Kompass

Mittendrin in diesem Weltuntergangsszenario ist eine mehrköpfige Familie aus der Berliner Vorstadt – generationenübergreifend hadern sie mit ihrem Schicksal und müssen sich der Realität stellen. Die einen, eine Ärztin (Christiane Paul) und ihr Mann, ein Physiklehrer (Mark Waschke) versuchen, mit ihren pubertierenden Kindern möglichst weit gen Osten zu fliehen, nach Sibirien – entgegensetzt dem aktuellen, wirklichen Flüchtlingsstrom. Ihr Bruder (Fabian Hinrichs) versucht, mit seinen Kontakten in die Regierung, gemeinsam mit seiner hochschwangeren Frau einen der letzten Flieger nach Amerika zu bekommen und der Nachbar hat einen vermeintlich sicheren Bunker für sich und seine Tochter gebaut.

In "8 Tage" machen die Produzenten um Rafael Parente und die beiden Regisseure Stefan Ruzowitzky und Michael Krummenacher Ernst. Die Ausweglosigkeit der Situation lässt ausnahmslos alle Protagonisten ihren moralischen Anker über Bord werfen. "Das Interessante - sowohl individualpsychologisch als auch soziologisch - ist, dass wir von einer Welt erzählen, in der es keine Konsequenzen gibt, weil sie untergeht", erklärt Regisseur Ruzowitzky den erzählerischen Ansatz der Serie. Jeder kann Verbrechen begehen, es gibt keine Strafen, kein funktionierendes politisches System und keine Ordnungsmacht. Jeder ist zurückgeworfen auf seinen eigenen moralischen Kompass. Ein Kompass, der bei allen aussetzt.

Gerade darin liegt der Reiz der Serie. Wozu ist der Mensch in der Lage? "8 Tage" verzichtet ganz bewusst auf einen Heldenplot, wie ihn die meisten amerikanischen Katastrophenfilme haben. Alle Figuren – von den verängstigten und panischen Erwachsenen bis zu den Teenagern, die sich gebührend und vor allem feiernd aus dem Leben verabschieden wollen – sind in ihrem Handeln zu tiefst menschlich. Wenn auch verstörend.

"8 Tage" erzählt eine erschütternde Geschichte

Um "Emotionen larger than life" ging es dabei Regisseur Stefan Ruzowitzky. "Es ist Sommer, es ist heiß, es hat eine ganz eigene Vitalität. Wer schläft schon, wenn er weiß, dass die Welt zu Ende geht." "8 Tage" fühlt sich mitunter fast schon aufgedreht fiebrig an, nervös und hysterisch. Die Bilder sprechen eine Sprache jenseits des mittlerweile für Serien fast schon standartisierten kühlen Looks mit desaturierten Bildern.

Dabei war es Produzent Rafael Parente wichtig, möglichst nah an einem potenziellen Realismus zu bleiben. Auch wenn es bei der ESA eine eigene Abteilung gibt, die genau dieses Szenario immer und immer wieder durchspielt, kann niemand vorhersagen, was in solch einer Extremsituation wirklich passieren würde. "Wir wollten kein didaktisches Fernsehen" machen, meint Parente. "Wir sind keine Journalisten, wir sind Geschichtenerzähler". "8 Tage" liefert einen Interpretationsansatz – und der ist erschütternd.

Denn es dauert nicht lange und Berlin liegt im Chaos. Das Herz der Geschichte ist dabei geografisch der Stadtrand, der Berliner Speckgürtel mit seinen Villenvierteln, gedreht wurde in Grunewald und Zehlendorf. Die Massenhysterie-Szenen entstanden unter anderem in Mitte, rund um den Hausvogteiplatz, allein schon die Dreharbeiten sorgten für große Aufmerksamkeit. Wann hat man das schon mal, dass mitten in Berlin Aufständische gegen Militär und Polizei kämpfen.

Berlin ist die Filmstadt schlechthin

Berlin ist dabei nicht nur als heimlicher Hauptdarsteller wichtig, sondern auch als Location. Egal ob der Parkplatz an der U-Bahn-Station "Britz Süd", die Villenviertel, die Versorgungsschächte im Tempodrom oder eben der Hausvogteiplatz. Berlin taugt auch visuell für den Weltuntergang. Und wird für den deutschen Serienmarkt immer attraktiver. "Berlin ist ein kreatives Zentrum geworden", schwärmt Produzent Parente. "Die Kreativteams hier sind wahnsinnig gut. Nicht nur die Schauspieler, sondern auch die Departements hinter der Kamera. Von Szenenbild über Maske, Kostüm und Spezialeffekte findet man hier alles auf einem internationalen Niveau". In Berlin würde mittlerweile so viel gedreht, so Parente weiter, dass es schwer sei genügend Fachpersonal zu finden.

Dass die ersten zwei Folgen der Sky-Serie ihre Premiere jetzt auf der Berlinale haben, sei für ihn, Parente, ein schöner Kreis, der sich schließe. "Ich würde am liebsten alle Folgen auf der Berlinale zeigen. Aber ich weiß nicht, ob wir die Leute acht Stunden lang an den Kinosessel festbinden können". Der finale Weltuntergang muss also doch noch warten. Vorerst. Aber in Jogginghose auf dem Sofa stirbt es sich ja auch am bequemsten.

Sendung: Berlinale Studio, 12.02.2019, 22:20 Uhr

Beitrag von Anna Wollner

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