Die Berlinale bekommt eine neue Leitung: Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek (Quelle: dpa/imago)
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Chatrian und Rissenbeek übernehmen - Wie wird die Berlinale nach Kosslick?

Bisher ist kaum etwas über die Pläne der neuen Berlinale-Spitze für das kommende Jahr bekannt. Vor Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek liegt eine schwierige Aufgabe, für die sie unterschiedliche Kompetenzen mitbringen. Von Fabian Wallmeier

Die 69. Berlinale war noch in vollem Gange, da stellte sich schon die Frage nach der Berlinale 2020: Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek werden als neue Doppelspitze die Jubiläums-Ausgabe des Festivals verantworten. Doch auf dem Festival tauchten sie nur hier und da als Zaungäste auf. Auch insgesamt halten sich die beiden bislang zurück mit Ankündigungen. Bis auf wenige wolkige Sätze haben sie noch nicht gesagt, was sie mit der Berlinale vorhaben.

Chance zu einem Befreiungsschlag

Nun gebietet es natürlich die Fairness, den scheidenden Direktor Dieter Kosslick erst einmal sein letztes Festival über die Bühne bringen zu lassen - doch dann wären ein paar klare Worte schon wünschenswert. Denn bis zur Übernahme ist es nun nicht mehr lange hin. Nach der Berlinale ist vor der Berlinale.

Die Einführung der Doppelspitze bietet die Chance zu einem Befreiungsschlag: Chatrian verantwortet als Künstlerischer Leiter das Programm, Rissenbeek als Geschäftsführerin die wirtschaftliche Seite des Festivals. Kosslick war beides in Personalunion - ein Pensum, das eigentlich kaum zu bewältigen war und unter dem nach Meinung vieler Kritiker das künstlerische Niveau des Wettbewerbs zunehmend gelitten hat. Daraus will die neue Leitung offenbar lernen: Rissenbeek kündigte im vergangenen Sommer in einem dpa-Interview an, sie sehe eine wesentliche Aufgabe darin, "Carlo den Rücken frei zu halten, damit er sich wirklich hundertprozentig um die künstlerische Gestaltung kümmern kann".

Balance zwischen Klasse und Masse

Chatrian wird auch einen Blick auf den Wildwuchs der Unter- und Nebensektionen werfen müssen. Das Festival ist unter Dieter Kosslick stetig gewachsen: Unter seiner Leitung sind die Perspektive Deutsches Kino, das Berlinale Special, das Berlinale Special Series, das Kulinarische Kino, die Berlinale Shorts und die Reihe Native dazugekommen. Kritiker werfen ihm vor, dass mit der großen Anzahl an Filmen (um die 400 waren es zuletzt immer) zu viel Beliebiges ins Programm gespült wird.

Auf der anderen Seite hat er das ausgebaut, was die Berlinale eben auch ausmacht: Er hat jedes Jahr hunderttausende Kinotickets verkauft und die Berlinale als das Publikums-Festival schlechthin gefestigt. Einen Kompromiss zu finden, der auf der einen Seite das so wichtige Publikum weiter an das Festival bindet und gleichzeitig dem künstlerischen Minus-Trend entgegenwirkt, wird Chatrians zentrale Aufgabe sein.

Dass dieser Spagat nicht gleich mit der Berlinale 2020 so gelingen kann, dass alle zufrieden sind, liegt auf der Hand. Man wird der neuen Führung schon Zeit geben müssen, sich mit dem Festival-Tanker Berlinale vertraut zu machen, bevor er vollends auf einen neuen Kurs gebracht wird.

Mariette Rissenbeek - in der deutschen Filmbranche verwurzelt

Mariette Rissenbeek (Jahrgang 1956) wird zu Beginn ihrer Amtszeit sicher noch einmal die Geschichte ihrer Ernennung rechtfertigen müssen: Das neue Führungsduo wurde von einer Findungskommission ermittelt, die aus drei Menschen bestand: Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), dem damalige Berliner Senatskanzleichef Björn Böhning - und Rissenbeek selbst.

Die Niederländerin ist in der deutschen Filmbranche verwurzelt: Sie hat lange für den Filmverleih Tobis akquiriert und koordiniert, hat als Produzentin gearbeitet und ist seit 2011 Geschäftsführerin der German Films und Marketing GmbH, die international die Werbetrommel für den deutschen Film rührt.

Carlo Chatrian - ein Cineast aus Italien

Carlo Chatrian (Jahrgang 1971) war seit 2012 Leiter des Filmfestivals Locarno - und ist nicht der erste, der von dort an die Spitze der Berlinale wechselt: Kosslicks Vorgänger Moritz de Hadeln leitete das italo-schweizerische Festival von 1972 bis 1977, 1980 übernahm er dann in Berlin.

Chatrian hat sich zunächst vor allem als Journalist und Publizist mit Film befasst. Er gilt, was für den Macher eines Filmfestivals selbstverständlich sein sollte, als ausgesprochener Cineast. Locarno gehört zwar nicht wie Berlin, Cannes und Venedig zur ersten Garde der sogenannten A-Festivals, doch unter Chatrians Leitung hat Locarno besonders stark auf sich aufmerksam machen können. So hat der neue Berlinale-Leiter in Locarno umfängliche Retrospektiven kuratiert, neben denen so manche Berlinale-Retro jüngeren Jahrgangs verblasste.

Zum anderen hat Chatrian stark auf radikale Filmkunst gesetzt, auf künstlerische Handschriften, die nicht in erster Linie gefallen wollen. Nach Berlin will er, wie zuerst das US-Filmmagazin "Variety" berichtete, den Kern seines Auswahlteams aus Locarno mitnehmen - der Wettbewerb könnte also in den nächsten Jahren in der Breite um einiges anspruchsvoller werden als zuletzt.

Neuer Termin nach den Oscars könnte der Berlinale helfen

Doch auch im Wettbewerb der Berlinale kann Chatrian nicht nur avantgardistische Filmkunst zeigen, er braucht schlichtweg auch ein paar Hollywood-Stars. Die Chancen stehen nicht allzu schlecht. Denn ein Problem, das die Berlinale seit Ewigkeiten hat und das sich in den vergangenen Jahren noch verschärft hat, könnte im kommenden Jahr etwas kleiner werden: die zeitliche Abfolge von Berlinale und Oscar-Verleihung.

Das Festival fiel Anfang Februar bislang mitten in die sogenannte "awards season", die in den USA ihren Höhepunkt mit den Oscars findet. In dieser Zeit ist Hollywood ganz auf die Bewerbung der Kandidaten konzentriert - und nicht auf Premieren neuer Filme mit Preispotenzial.

Hollywood-Filme in den Berlinale-Wettbewerb zu bringen, ist daher traditionell schwierig. Als die Academy of Motion Picture Arts and Sciences vor einigen Jahren die Verleihung von März auf Ende Februar vorverlegte, verschärfte sich das Problem zusätzlich. In diesem Jahr lief im Wettbewerb mit "Vice" nur ein einziger Hollywood-Film - außer Konkurrenz und nicht einmal als internationale Premiere, sondern schlicht als Deutschland-Premiere - wenige Tage vor dem regulären Kinostart.

Die Chance auf mehr Hochkaräter ist da

Ab dem kommenden Jahr sollen nun die Oscars noch früher stattfinden - am 9. Februar. Die Berlinale hat bereits reagiert: Das Festival findet nun etwas später statt: vom 20. Februar bis zum 1. März 2020. Möglicherweise steigert das für Chatrian und Rissenbeek die Chancen, hochkarätige Filme aus den USA nach Berlin locken zu können: Filme, die kurz nach den Oscars bereit sind, mit einer Premiere in Berlin schon früh ins Rennen um die Oscars 2021 zu gehen.

Chatrian und Rissenbeek sind nicht gerade als Hollywood-Insider bekannt. Locarno ist für die großen US-Produktionen eine Nummer zu klein - und Rissenbeek hat sich vor allem um die internationale Vermarktung des deutschen Films verdient gemacht. Doch die Chance auf etwas mehr US-Hochkaräter in Berlin ist da - und das bisherige Berlinale-Netzwerk wird nicht vollends zusammenbrechen, nur weil Dieter Kosslick nicht mehr da ist.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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