Verleihung der Berlinale Bären 2018 (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Bild: dpa/Jens Kalaene

Filmkritiker im Interview - Das sind unsere Bären-Favoriten bei der Berlinale 2019

Alle Wettbewerbsfilme der Berlinale sind gelaufen, jetzt entscheidet die Jury. Unsere Kritiker Fabian Wallmeier und Anna Wollner diskutieren darüber, welche Favoriten sie auf dem Zettel haben - und welche Filme sie einfach grauenhaft fanden.  

rbb|24: Heftig gestritten wurde in der Presse über die beiden deutschen Wettbewerbsbeiträge "Ich war zuhause, aber" und "Der Goldene Handschuh". Die einen fanden sie genial, die anderen grottig. Was meint ihr dazu?

Fabian Wallmeier:
Ich halte den "Goldenen Handschuh" für den schlimmsten Film des Wettbewerbs. Er ist menschenverachtend und wird der subtilen Romanvorlage nicht im Mindesten gerecht. "Der Goldene Handschuh" zeigt und karikiert das Elend, ohne eine Aussage zu treffen, die irgendwie darüber hinaus reichen könnte.

Anna Wollner: Da kann ich mich nur anschließen. Der Regisseur stößt nicht nur an inszenatorische, sondern auch an moralische Grenzen. Dieses überstilisierte 70er-Jahre-Setting, der ganze Film ist eine einzige Kulisse. Ich fand ihn ekelerregend, abstoßend, und möchte mir als Frau einen solchen Film nicht angucken müssen. Ich hatte danach den dringenden Zwang zu duschen und habe das auch gemacht.

Und eure Meinung zu Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber"?

Fabian Wallmeier: Das ist für mich der beste Wettbewerbsbeitrag. Der deutsche Film macht also in diesem Wettbewerb ein ganz weites Spektrum auf. "Ich war zuhause, aber" ist ein Film, der künstlerisch etwas ganz anderes wagt, der zu Tode nervt mit seiner Künstlichkeit und die Berliner Schule nochmals einen Schritt weiterdenkt.

Anna Wollner: Der Film ist für mich Arbeitsverweigerung der Regisseurin!

Berlinale-Kritiker Fabian Wallmeier (links) und Anna Wollner (rechts) (Bild: rbb)
rbb|24-Filmkritiker Fabian Wallmeier und Film-Fritzin Anna Wollner | Bild: rbb

Fabian Wallmeier: (lacht)

Anna Wollner: Ich finde es lustig, was man in den Feuilleton-Debatten alles in diesen sehr puzzlehaften Film ohne Handlung hineininterpretiert. Schanelec selbst erklärte im Interview, naja, sie wollte halt einen Esel zeigen. Aber sie sieht kein Bild dahinter. Das ist blutleeres Pseudo-Akademikerkino!

Was sind euer Favorit für den Goldenen Bären?

Anna Wollner: Ich habe zwei Favoriten – beide haben eine Chance, wenn man an die Berlinale-Regel glaubt, dass der Gewinnerfilm in den ersten fünf Tagen um 9 Uhr in einer Pressevorführung läuft. (lacht) Das ist einmal das Langfilmdebüt "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt, weil es eine nachhaltige visuelle Kraft hat, das kaputte System und die Überforderung aller Beteiligten zeigt. Und weil die junge Hauptdarstellerin eine absolute Wucht ist. Mein zweiter Favorit ist der mazedonische Film "God Exists, and her name is Petrunya" von Regisseurin Teona Strugar Mitevska.

Warum?

Anna Wollner: Es gibt Filme, bei denen weiß man in den ersten zwei Minuten, dass sie etwas werden oder eben auch nicht. Bei diesem Film steht eine Frau in einem leeren Schwimmbad und dann setzt Musik ein – da waren wir alle sofort wach. Gerade in einem Jahr, in dem viel über Frauen diskutiert wird, ist "Petrunya" der stärkste Film auf der Leinwand. Ich würde mich freuen, wenn er den Goldenen Bären kriegt.

Fabian Wallmeier: Für mich ist So long, my son" von Wang Xiaoshuai der ganz klare Favorit in diesem Jahr. Allerdings ist der schon so passgenau auf die Favoritenrolle zugeschneidert, dass er dann am Ende vielleicht eben doch nicht gewinnt. Nicht nur im rbb-Kritikerspiegel hat er hervorragend abgeschnitten und wirklich alle unsere Kritiker überzeugt, sondern er verkörpert auch perfekt das Motto der Berlinale: "Das Private ist politisch". Man würde damit auch ein Zeichen setzen gegen die Filmzensur im China, denn man munkelt ja, dass die Absage von zwei Filmen auch China aus dem Berlinale-Programm damit zu tun hat. "So Long,  My Son" ist aber auch ein emotional sehr kraftvoller und dazu sehr klug gebauter Film - es wäre in jedem Fall ein würdiger Bärengewinner.

Welchen Hauptdarstellern würdet ihr einen Silbernen Bären wünschen?

Fabian Wallmeier: Zorica Nusheva, die Protagonistin in "Petrunija" kann ich mir gut vorstellen. Wenn ich den Silbernen Bären selber vergeben dürfte, würde ich ihn Helena Zengel geben, der kleinen Hauptdarstellerin aus "Systemsprenger". Ich bin mir nur nicht sicher, ob die Jury es einem Kind antun möchte, so ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Bei den männlichen Hauptdarstellern habe ich zwei Favoriten: Tom Mercier, der in Nadav Lapids "Synonymes" einen Israeli verkörpert, der nach Paris kommt und unbedingt Franzose werden will. Man erfährt nicht genau, warum. Er spielt die Figur des Yoav mit einer sehr großen Kraft und Zurückhaltung, bleibt rätselhaft. In seinem Blick zu sehen, wie es in ihm arbeitet, finde ich sehr beeindruckend. Würde es einen Ensemble-Preis geben, würde ich ihn an die Darsteller von "So long, my son" vergeben.

Anna Wollner: Geht mir genauso. Außerdem bekäme "Systemsprenger" von mir auch noch einen Ensemblepreis. Weil ich nicht nur Helena Zengel großartig finde, sondern auch die anderen Schauspieler: Albrecht Schuch als Anti-Agressions-Trainer, Gabriela Maria Schmeide als Sozialarbeiterin, das ist eine ganz starke Ensembleleistung. Tom Mercier aus "Synonymes" wäre für mich auch ein klassischer Silberner Bär, weil er so präsent ist. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass Jonas Dassler für seinen Fritz Honka im "Goldenen Handschuh" einen Darstellerpreis kriegt.

Fabian Wallmeier: Es würde mich auf die Palme bringen, wenn es für diesen furchtbaren Film überhaupt irgendeinen Preis gäbe. Völlig überzogen, maskenhaft und unglaubhaft ist da auch die  Darstellung.

Anna Wollner: Ich fände es nicht gut, aber ich könnte mir vorstellen, dass sich die Jury darauf einigt, weil es die extremste Männerfigur ist, die wir im Wettbewerb hatten.

Fabian Wallmeier: Extrem in jedem Fall!

Sie entscheiden über Gold und Silber

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Wer braucht denn diese "berlinale".....
    Kostet das den Steuerzahler etwa auch noch?

    Ich sage nur "HURZ"!!

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