Schauspieler Christian Bale stellt seinen Film "Vice" während einer Pressekonferenz auf der 69. Berlinale 2019 vor. (Bild: imago/Clemens Niehaus)
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Interview | Christian Bale zum Berlinale-Film "Vice" - "Ich mag es, meine eigenen Grenzen auszutesten"

Für seine Rolle als US-Vizepräsident Dick Cheney im Film "Vice" hat Schauspieler Christian Bale enorm zugenommen. Es war nicht die erste extreme Veränderung für eine Rolle. Das habe wohl auch mit seinem Werdegang zu tun, sagte er Anna Wollner auf der Berlinale.

rbb: Mister Bale, Sie sind Stammgast auf der Berlinale. Was war diesmal Ihr schönster Moment?

Christian Bale: Am Montagabend die Gala. Adam McKay und ich sind auf die Bühne, wir haben über Dieter Kosslick geredet - und er war gar nicht da. Das war komisch. Dieter war immer gut zu mir. Er ist exzentrisch und enthusiastisch. Es ist schade, ihn gehen zu sehen.

Wie oft waren Sie eigentlich schon auf dem Festival?

Es muss das sechste Mal sein, aber nageln Sie mich bitte nicht darauf fest. Ich bin gestern einmal alle Filme durchgegangen und bin auf fünf gekommen. Plus Vice. Macht sechs.

Sie spielen in "Vice" den wohl mächtigsten Vizepräsidenten, den Amerika je hatte: Dick Cheney. Was wussten Sie vor den Dreharbeiten über ihn?

Genauso viel wie alle anderen auch: So gut wie nichts. Er stand nie im Mittelpunkt, hat lieber im Hintergrund agiert und da die Fäden gesponnen. Ich kannte Gerüchte. Das Drehbuch war voller Überraschungen für mich.

Konnten Sie sich überhaupt vorstellen, auszusehen wie Cheney?

Nein. Wie auch? Ich weiß bis heute nicht, wie Adam McKay überhaupt auf die Idee gekommen ist, mich zu besetzen. Ich wusste, dass er an einem Drehbuch über Cheney arbeitet und dass ich eine Rolle darin übernehmen sollte. Aber ich wusste nicht, dass es die Hauptrolle wird.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie sich das erste Mal als Cheney im Spiegel gesehen haben?

Ich musste lachen. Er zu werden, war ein langer Prozess. So eine Verwandlung macht nicht auf einmal "Klick" und man hat die Rolle. Ich habe langsam zugenommen, ich habe schrittweise über ihn recherchiert. Das ist wie bei einer Achterbahnfahrt. Man denkt, man hat ihn und merkt, man hat ihn doch nicht. Es sind immer zwei Schritte vor und einer zurück. Das geht alles Sukzessive.

Inwiefern haben Kostüm und Maske geholfen, die Rolle zu verstehen?

Es wurde immer wichtiger. Sowohl die körperliche als auch die emotionale Komponente. Das kann man nicht voneinander trennen, das gehört zusammen. Wir wollten natürlich den Look haben, allein fürs Gefühl. Wir haben aber immer versucht, dass ich die Rolle beherrsche und nicht die Rolle mich. Denn darin liegt die Gefahr. Normalerweise ist es andersrum: dass eine Rolle einen so einnimmt, dass man nicht mehr man selbst ist. Der Moment, als ich ihn hatte, war ein absoluter Heureka-Moment. Zum Glück. Denn wir waren schon mitten in den Dreharbeiten und ich wäre aus der Nummer nicht mehr rausgekommen.

Wie haben Sie das Gewicht wieder verloren?

Viel Wasser, hungrig ins Bett und ständig schlechte Laune.

Sie haben schon öfter für Rollen extrem zu- oder abgenommen, zum Beispiel für "American Hustle" oder "The Machinist". Was sagt eigentlich Ihre Frau zu dem ständigen Spiel mit dem Körpergewicht?
Hier mochte sie es. Weil sie selbst neben mir dünner aussah. (lacht)

Woher kommt Ihre Obsession, Ihren Körper immer wieder diesen Extremsituationen auszusetzen?

Ich mag es wohl, meine eigenen Grenzen auszutesten. Ich war nie auf einer Schauspielschule, habe daher wohl immer noch das Gefühl, unter einer ständigen Beobachtung zu stehen, mich beweisen zu müssen und mir mehr den Arsch aufreißen zu müssen als andere, um den Job nicht zu verlieren. Da schwingt wohl ganz viel Verzweiflung mit.

Das klingt ja fast schon defätistisch ...

So schlimm ist es nicht. Ich mag es ja auch, ständig gefordert zu werden. Für mich ist das nicht einfach nur ein Spiel mit meinem Körper. Klar, ich war schon sehr dünn und sehr dick für meine Rollen. Aber das verändert nicht nur den Körper, sondern auch den Geist.

Inwiefern?

Bei Cheney war mir klar, dass ich auch seinen Nacken haben will. Gucken Sie sich mal Videos von ihm an. Es gibt Aufnahmen, da hat er keinen Hals. Da liegen seine Ohren auf seinem Jackett auf. Ich habe extra Gewichte gestemmt um meinen Hals verschwinden zu lassen. Ich wollte mich wie er fühlen. Ein unbewegliches Ding. Er ist das nicht nur körperlich, er ist das auch mental. Unbeweglich und stur. Jede Form von Verhandlung war für ihn eine Niederlage. Er bereut nichts und entschuldigt sich für nichts. Der passende Körper hat mir geholfen, mich in ihn hineinzuversetzen. Ich war einfach unbeweglich.

Haben Sie Dick Cheney getroffen?

Nein, dabei hätte ich das gerne. Aber unsere Anwälte haben uns davon abgeraten. Er hätte den Film nicht aufhalten, aber verzögern können. Das Risiko war uns zu groß.

Wäre die Welt besser dran, hätte Trump einen Vizepräsidenten wie Cheney?

Die beiden haben einen ganz anderen Ansatz in der Außenpolitik. Cheney war da eher wie der Hulk. Er würde Trumps Umgang mit Putin so bestimmt nicht tolerieren. Cheney liest zum Beispiel auch. Er passt bei den Sicherheits- und Präsidentenbriefings auf. Unterschiedlicher könnten die beiden da kaum sein. Wäre Trump mit Cheney gefährlicher? Definitiv ja, denn er hätte jemanden an der Seite, der wüsste, wie man die Regierungsmaschinerie am Laufen hält.

Können Sie sich vorstellen, eines Tages Trump zu spielen?

Nein, die Rolle gehört ganz allein Alec Baldwin.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sendung: Berlinale-Studio, 12.02.2019, 22:00 Uhr

Beitrag von Anna Wollner

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