06.02.2019, Berlin: Dieter Kosslick, Direktor der Internationalen Filmfestspiele, eröffnet Berlinale Street Food Markt auf dem Posdamer Platz (Quelle: dpa/Kalaene)
Audio: Inforadio | 07.02.2019 | Interview mit Dieter Kosslick | Bild: dpa/Kalaene

Interview | Dieter Kosslick - "Ein wenig Wehmut"

Dass einer wie er, aus der "schwäbischen Prärie", die Berlinale leiten durfte, empfindet Dieter Kosslick auch noch nach 18 Jahren als Glück. Im Interview mit dem rbb blickt er zurück - aber auch nach vorn.

rbb: Herr Kosslick, gehen Sie mit gemischten Gefühlen in diese letzte Berlinale?

Dieter Kosslick: Nein. Ich bin froh, dass wir den Wettbewerb schön komponiert haben, das hat lange gedauert. Jetzt freue ich mich auf eine schöne Abschlussberlinale. Ein wenig Wehmut ist auch dabei – nicht dass es zu Ende ist. Aber ich habe viele Kontakte gemacht, sehr viele Menschen kennengelernt, es gab unglaublich viele Erlebnisse. Davon trennt man sich. Aber es bedeutet auch, dass man etwas Neues anfangen kann. Und das geht meistens nur, wenn man auch Tschüss sagt.

Wenn Sie zurückblicken: Was war das Wichtigste, das Sie für die Berlinale geschaffen, eingerichtet haben?

Die Berlinale neu zu strukturieren – und zwar rechtzeitig. Denn wir erleben gerade einen Abschied von der alten Filmwelt. Wir haben sehr viele junge Leute in die Berlinale geholt, haben den Market ausgebaut, haben das "Kulinarische Kino" oder "Native" installiert, um bestimmte Zielgruppen an uns zu binden. Wir haben die Sektion "Generation" erweitert für Jugendliche bis 18 Jahren. Da gehen heute 70.000 junge Leute hin. Dass wir dieses Festival von innen heraus in allen Dimensionen erfolgreich erneuert haben, dass wir das Publikum dabei nicht verloren, sondern vervielfacht haben – das ist ein gutes Gefühl, wenn man zurückblickt.

Die Neuausrichtung wurde zunächst mit viel Lob begleitet, später auch kritisiert: Es seien zu viele Filme, die Filmauswahl stand unter Beschuss. Welchen dieser Schuhe ziehen Sie sich an?

Keinen. Teilweise hatte das absurde Züge, teilweise wurden dieselben Sätze von denselben Leuten vor fast 25 Jahren gesagt und geschrieben. Damit muss man umgehen. Aber soll ich alles viel kleiner machen und die Leute abhalten, ins Kino zu gehen? Im Nachhinein wirkt das etwas lächerlich. Aber es nervt, wenn das immer wieder auf uns einprasselt. Das wird auch beim nächsten Direktor nach ein paar Jahren so sein – bis endlich diejenigen, die es nicht lassen können, vielleicht auch einmal in Pension gehen.

In Ihrer Zeit als Festivaldirektor fanden Umbrüche bei der Mediennutzung statt: Kino versus Streamingdienste, klassischer Kinofilm versus Serien. Sind Filmfestivals, wie wir sie kennen, noch zeitgemäß?

Filmfestivals sind wichtiger denn je. Sie haben aber ganz unterschiedliche Aufgaben. Auf der einen Seite zeigen sie weltweite Filmkunst. Auf der anderen Seite sind sie wirtschaftliche Faktoren: Sie müssen den Nachwuchs einer Branche fördern, müssen eine Veröffentlichungsstrategie haben für Filme, die man sonst nie sehen wird. Es gibt viele Dinge, die ein Festival heute tun muss, und das machen wir auch. Die Auseinandersetzung, ob ein Film von Netflix ist, ist eine interne Diskussion. Da geht es darum, wie der Kinofilm in den Kinos überleben kann. Aber den Kinofilm gibt es auch in anderen Medien.

Wie alt ist der durchschnittliche zahlende Berlinale-Gänger?

Zwischen 28 und 40. Wobei immer mehr junge Leute zur Berlinale kommen. Die Hauptgruppe der Besucher sind Frauen. Sie haben ein klares Interesse: Filme in der Originalsprache und aus den unterschiedlichsten Ländern zu sehen, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Und: Sie reden gerne darüber mit wildfremden Leuten. Dafür ist ein Festival ideal – Filme zu diskutieren und sich auszutauschen.

Dieter Kosslick sagt "Tschö"

Sie haben vieles für die Berlinale eingeführt. Was wünschen Sie sich, soll davon bleiben?

Ich bin schon sehr früh, 1968 in Berlin gewesen, die Stadt war immer eine Art Sehnsuchtsort. Ich bin glücklich, dass ich diese berühmte Berlinale 18 Jahre lang leiten durfte - ausgerechnet ich, einer aus der schwäbischen Prärie. Ich glaube, ich bleibe vielen Leuten wenigstens noch ein Weilchen in Erinnerung, als derjenige, der den Leuten die Schwellenangst genommen hat. Ich bin immer noch gerührt, wenn ich sonntags aus meinem Hotelzimmer schaue und dann alle diese Menschen sehe, die ins Kino gehen. Rund 80.000 Besucher kommen zum Publikumstag. Dann denke ich, das hat gut geklappt.

Warum?

Wir haben keine Barrieren, keine unterschiedlichen Zutrittsgenehmigungen, wie es sie bei Festivals manchmal gibt. Irgendwie sind wir auch ein Volksfilmfestival geworden. Die Berlinale wurde von der Bevölkerung und den Berlinale-Fans angenommen, den Berlinern und vielen ausländischen Gästen. Damit bin ich in der Tradition von 1951 geblieben: Völkerverständigung, Kultur in die Stadt bringen und Spaß haben.

Bei welchen Dingen Sie froh, sie nicht mehr machen zu müssen?

Oh, da gibt es vieles, ein ganzes Kästchen: Zum Beispiel muss ich keine Absagen mehr machen. Jährlich werden 7.000 Filme bei der Berlinale eingereicht, davon zeigen wir 400. Wir müssen also 6.600 Filme absagen. Das macht nun wirklich keinen Spaß. Auch die ganze Bürokratie ist nicht einfach: Auf der einen Seite, musste ich unterschreiben, dass wir neues Toilettenpapier bekommen. Auf der anderen Seite musste ich in Los Angeles versuchen, den Megastar auf die Berlinale zu holen. Ich war viel unterwegs, musste oft an Flughäfen rumlungern – mit dieser Zeit kann ich künftig etwas Tolleres machen. Darauf freue ich mich schon.

Was werden Sie vermissen?

Viele Freunde und meine Kollegen. Was wir die letzten Jahre gemacht haben, macht ja auch Spaß: die Berlinale mit neuen Initiativen zu bereichern. Schauen wir mal, wie es weitergeht. Es wird mir schon was einfallen, sagte die Kanzlerin einmal.

Es wird in der nächsten Zeit viel Schulterklopfen, Danksagungen und warme Worte geben, auch Tränen – ist es Ihnen ein Graus, oder stecken Sie das einfach weg?

Es ist mir nicht so superangenehm, aber natürlich nehme ich das auch als Zeichen der Zuneigung und werde damit schon zurechtkommen. Wir werden es so dosieren, dass ich diese Tage überlebe.  

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Dieter Kosslick sprach Reiner Veit, Inforadio. Das Interview ist eine gekürzte und leicht bearbeitete Version der Audiofassung. Das Originalgespräch in voller Länge können Sie mit Klick auf das Audio-Symbol im Header des Artikels nachhören.

Sendung: Inforadio, 07.02.2019, 10:45 Uhr

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