Regisseurin Isabel Coixet hält auf der Premiere ihres Films "Elisa y Marcela" ihre Handtasche mit der Aufschrift "Unfuck the world" in die Kamera.(Bild: dpa/Jens Kalaene)
Audio: Kulturradio | 14.02.2019 | Anke Sterneborg | Bild: dpa/Jens Kalaene

Interview | Isabel Coixet über Netflix-Debatte - "Ich finde das alles sehr respektlos"

Isabel Coixet ist sauer: Sie kann die Diskussion über ihren Netflilx-Film nicht nachvollziehen. Ohne den Streamingdienst hätte sie "Elisa Y Marcela" nicht realisieren können. Ein Gespräch über Kritik, Privilegien und Liebesszenen zwischen Frauen.

rbb|24: Frau Coixet, bei Ihrer Premiere gab es einen kleinen Skandal: Die deutschen Kinobetreiber haben einen Ausschluss ihres Filmes aus dem Wettbewerb gefordert. Wie gehen Sie damit um?

Isabel Coixet: Ach, das Wort Skandal in diesem Zusammenhang regt mich schon wieder auf. Ich mache Filme. Für diesen hatte ich vier Wochen Zeit, zwei wunderbare Schauspielerinnen und eine mehr als interessante Geschichte. Es scheint für einige also ein Skandal zu sein, dass ich arbeite. Ich verstehe, was die Kinobetreiber meinen. Aber wenn wir mal ehrlich sind, verschwinden die Hälfte der Filme im Wettbewerb eines Festivals - und damit meine ich nicht nur Berlin - danach in der Versenkung. Selbst manche Bären- oder Palmengewinner erblicken nie das Licht eines Kinos.  

Aber Ihr Film "Elisa Y Coixet" wird im Kino laufen?

Ja! Das war das erste, was ich mit Netflix geklärt habe. Ich habe den Film für die große Leinwand geschrieben, und da will ich ihn auch sehen. In Spanien wird er im Kino laufen, das habe ich mir von Netflix schriftlich geben lassen – und zwar, bevor die Berlinale überhaupt ein Thema war.

Ich kann mich nur wiederholen: Es ist eine Low-Budget-Produktion, kein großer Film, der bei den Oscars eine Rolle spielen wird. Daher kann ich die ganze Diskussion noch weniger verstehen. Ich finde das alles sehr respektlos - mir gegenüber, aber auch gegenüber der Berlinale.

Wie sind Sie über die Geschichte von Elisa und Marcela gestolpert?

Ich habe vor zehn Jahren das erste Mal zufällig davon gehört. Eigentlich war ich mit etwas ganz anderem beschäftigt, aber ich fand ihre Geschichte einfach faszinierend – auch wenn es viele Leerstellen gibt. Wir wissen bei weitem nicht alles. Wir kennen die offiziellen Dokumente und die Zeitungsartikel über die beiden Frauen.

Einige behaupten, die Geschichte sei eine Fake News, aber das ist Quatsch. Zugegeben, ich war damals recht naiv zu denken, dass jeder von der Geschichte und von meinem Film fasziniert sein wird. Zehn Jahre gingen ins Land. Die Leute waren sehr zurückhaltend - schwarz-weiß, ein lesbisches Historiendrama. Vierzehn Produzenten waren involviert, und niemand hat es geschafft ihn zu finanzieren.

War es immer schon klar, dass Sie den Film nicht in Farbe drehen?

Ja. Die ersten beiden Zeilen des Drehbuchs sind: "Dieser Film ist in Schwarz-weiß." Daran habe ich immer festgehalten. Obwohl das die Produzenten wirklich verschreckt hat. Netflix waren die einzigen, die sich darauf eingelassen haben.

Sie haben gesagt, den Film zu machen, sei herausfordernd und privilegiert zugleich gewesen. Was meinen Sie damit?

Jeder Film ist eine Herausforderung, aber jede Möglichkeit einen Film zu machen, ist auch ein Privileg. Ich bin immer wieder erstaunt, dass man mich überhaupt noch Filme machen lässt. Vermutlich weil ich so stur bin. Aber so bin ich. Nur am Filmset bin ich glücklich. Also muss ich Filme machen, bis ich tot umfalle.

Nehmen wir 'Blau ist eine warme Farbe', das ist ein guter Film, die Schauspielerinnen sind toll, aber die Liebesszenen fühlen sich unecht an. So etwas will ich nicht sehen."

Isabel Coixet

Was war bei "Elisa Y Marcela" die Herausforderung?

So einen Film habe ich noch nie gemacht. Nehmen wir allein die Liebesszenen. Ich wollte, dass sie interessant sind. Und einen weiblichen Blick haben. Viele lesbische Liebesszenen haben oft einen männlichen Blick. Nehmen wir "Blau ist eine warme Farbe", das ist ein guter Film, die Schauspielerinnen sind toll, aber die Liebesszenen fühlen sich unecht an. So etwas will ich nicht sehen.

Ich wollte zeigen, was ich selbst sehen will, und was sie vermutlich auch machen würden. Ihre Körper erkunden, sich das erste Mal in ihrer Erziehung überhaupt frei fühlen. Ich wollte, dass die Szenen Spaß machen. Die Leute machen sich über den Tintenfisch lustig. Das kann ich verstehen. Damit muss ich leben.

Es wird viel über Frauen geredet – vor allem auch im Wettbewerb. Kein Festival hat so viele Filme von Regisseurinnen wie Berlin.

Warum auch nicht! Immerhin stellen wir Frauen 50 Prozent der Weltbevölkerung. Wir haben das Recht darauf, unsere Geschichten zu erzählen. Das sollte normal sein. Ich fühle mich geehrt in einem Wettbewerb zu sein, in dem drei der Regisseurinnen vertreten sind, die ich am meisten bewundere. Lone Scherfig, Agniezska Holland und Agnès Varda. Varda ist für mich Gott.  

Inwiefern ist die Frauenquote für Sie ein Thema?

Ich wünschte, ich müsste nicht ständig darüber reden. Wann reden wir endlich nicht mehr über unser Geschlecht, sondern über unsere Filme. Das wäre eine echte Erleichterung. Seit Beginn meiner Karriere muss ich mich für mein Geschlecht rechtfertigen. Das wird mit der Zeit langweilig.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Isabel Coixet sprach Anna Wollner.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren