Blick in einen leeren Kinosaal © radioeins/Chris Melzer
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Audio: Inforadio | 13.02.2019 | Jakob Bauer | Bild: radioeins/Chris Melzer

Netflix-Kontroverse auf der Berlinale - "In Berlin würde kein Wettbewerb mehr zustande kommen"

Netflix und Co. komplett von Filmfestivals auszuschließen - das fordern wohl nur die Hardcore-Cineasten und Kinobetreiber, doch auf der Berlinale gibt es Streit: um den am Mittwochabend laufenden Netflix-Wettbewerbsfilm "Elisa Y Marcela". Von Jakob Bauer

So richtig in Schwung kommt die Debatte kurz vor Start der Berlinale. Bei der Programm-Pressekonferenz positioniert sich Festival-Chef Dieter Kosslick klar. "Es ist ja so, dass Filmfestivals im Sinne der Erfinder Festivals für Filme sind, die ins Kino kommen sollen. […] Wir sind erstmal für das Kino da."  Warum "Elisa Y Marcela" trotzdem im Wettbewerb gelandet ist? Der Film soll in Spanien ins Kino kommen, bevor er nur noch auf der Streamingplattform erhältlich sein wird. Das hat Netflix dem rbb auf Anfrage bestätigt. Nur: Wann, wo und wie lange, dazu gibt es keinerlei Informationen.

Laut Regularien alles in Ordnung – die AG Kino zweifelt

Das ist kein Problem, wenn man sich die recht locker formulierten Wettbewerbs-Regularien der Berlinale anschaut. Dort heißt es: "Zugelassen sind Spielfilme […], die für eine Kinoauswertung vorgesehen sind." Die Betonung liegt auf "vorgesehen". Anders als zum Beispiel beim Filmfestival in Cannes, wo ein Kinostart in Frankreich Voraussetzung für die Aufnahme in den Wettbewerb ist, reicht es in Berlin aus, einen Film einzureichen, der für das Kino vorgesehen ist. Und das können nun wirklich viele Filme sein. Dass Netflix, wo ausnahmslos alle Vertriebsrechte an "Elisa Y Marcela" liegen, den Film auch tatsächlich ins Kino bringt, bezweifelt die AG Kino. Der Zusammenschluss deutscher Filmkunsttheater hat am Montag einen offenen Brief an Dieter Kosslick und Kulturstaatsministerin Monika Grütters verfasst. Einer der Kritikpunkte ist, dass Netflix ein "öffentlich gefördertes internationales Kino-Film-Festival als Werbeplattform für das eigene Angebot missbrauch[e]"

Die Berlinale, ein "Kino-Festival"? Kosslick sagt es, die AG Kino sagt es. Auf der Profil-Seite des Festivals im Internet fällt das Wort hingegen nur einmal: "Die Berlinale bringt die großen Stars des internationalen Kinos nach Berlin." Nicht unbedingt die Filme. Albert Wiederspiel, Leiter des Filmfests Hamburg und regelmäßiger prominenter Gast bei der Berlinale, hält nichts davon, aus Filmfestivals plötzlich Kinofestivals zu machen. "Wir sind ja ein Filmfestival, kein Kinofestival, sonst würden wir so heißen." In Hamburg haben sie sich letztes Jahr dazu entschieden, den Netflix-Film "Roma" zu zeigen. Und Wiederspiel würde das auch immer wieder machen. "Mein Auftrag als Festivalmacher ist es ja, die besten Filme zu zeigen, und wenn die guten Filme von Netflix sind, dann sind sie halt von Netflix. Ich bin ein unabhängiger Filmfestmacher, so wie Dieter Kosslick auch, insofern machen wir, was wir wollen."

Enger gefasste Regularien in Cannes – nichts für Berlin

Auf der Berlinale ist die Diskussion neu – in Cannes gab es sie schon letztes Jahr. Dort hat man die Regularien enger gefasst und "Roma" nicht gezeigt. Ein Film, der im Wettbewerb läuft, muss einen anschließenden Kinostart vorweisen können, hat Cannes-Chef Thierry Fremaux beschlossen. Keine Option für Berlin, mutmaßt Albert Wiederspiel: "Bei der Berlinale würde ja gar kein Wettbewerb zu Stande kommen. Wie wir alle wissen, starten Berlinale-Wettbewerbs-Filme anschließend manchmal nicht im deutschen Kino oder irgendwo. Es gab auch schon Gewinner, die gar nicht im Kino gelaufen sind." Behauptet Wiederspiel. "Für ein Land wie Deutschland kann man solche Regularien gar nicht einführen." In Frankreich ginge das, dort sei die Kino-Kultur und -Lobby viel stärker. Wiederspiel hat eine klare Meinung, aber auch Verständnis für die Kinobetreiber. Denn für die geht es ums Überleben. Die Zuschauerzahlen sinken drastisch. Letztes Jahr ist der deutsche Kinomarkt laut AG Kino um rund 16 Prozent geschrumpft. Eine Verbindung zu den Angeboten der Streaming-Services, ein strukturelles Problem, ist nicht unwahrscheinlich. Trotz anderer potentieller Schrumpffaktoren wie der WM und dem heißen Sommer 2018. Aber macht es Sinn, diesen Kampf auf dem Rücken der Filmfestivals auszutragen?

Albert Wiederspiel hat Respekt vor der Entscheidung von Cannes-Chef Thierry Fremaux, VOD-Only-Produktionen aus seinem Wettbewerb auszuschließen. Allerdings leite der auch das Lumière Film Festival in Lyon, auf dem wiederum Netflix-Produktionen laufen würden. Wo es hingeht, ist für ihn klar: "Am Ende werden wir alle Alles zeigen wollen und müssen. Und es ist ja schön und gut, wenn Cannes sich weigert, aber ich glaube, auch die kommen damit nicht so richtig durch. Wir müssen von dem Begriff Kinofilm  wegkommen."

"Netflix sollte einer Minimalanzahl an Kinostarts zustimmen"

Andere Stimmen gibt es nicht nur von den Kinobetreibern. Shraddha Chauhan ist Filmverleiherin aus Indien und beim "Berlinale Talents"-Programm dabei. Sie kümmert sich um Marketing und Verkauf bei der Produktionsfirma Drishyam Films. Shraddha empfindet die Strategie von Cannes als "brilliant." Sie denkt, "dass Cannes das aus Liebe zu den Filmen macht, damit ein Kinopublikum sie zu sehen bekommt. Das sollte überall so sein. Netflix sollte einer Klausel zu einer Minimalanzahl an Kinostarts zustimmen." Shraddha hat Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Netflix. Sie schätzt den Streaming-Dienst für sein diverses Publikum und die Möglichkeit, dort Filme unterzubringen, die keine Chance auf einen konkurrenzfähigen Kinostart haben. Starke Probleme hat sie hingegen mit der Intransparenz des Unternehmens. Produzenten und Regisseure erhielten keine nachvollziehbare Einsicht in Abrufzahlen und die Kommunikation gestalte sich häufig schwierig, vor allem, wenn man sich auf einen "Netflix Original"-Deal einlasse. Ab diesem Moment seien alle Vertriebsrechte bei Netflix. Allerdings zahle Netflix auch nur bei solchen Deals wirklich gut.

Die Reaktion der Kinobesitzer kann sie nachvollziehen, auch wenn sie in Drohungen keinen Sinn sieht. "Wir als Kinoliebhaber, Verleiher und Betreiber müssen uns an einen Tisch mit Netflix setzen und diskutieren. Durch Kämpfe gewinnen wir nichts." Trotzdem: Filme wie die Netflix-Original-Produktion "Roma" von Alfonso Cuaron in ihrem Heimatland Indien nur auf der Streamingplattform zu zeigen, findet sie furchtbar, denn "diese Filme gehören auf eine große Leinwand. Wie können wir es wagen, den Zuschauern das vorzuenthalten?"

Wohin geht die Reise?

Noch eine letzte Position: Anna Weitz, ebenfalls Teil der Berlinale Talents und Dokumentarfilmproduzentin aus Schweden,  sagt, gerade die Möglichkeit, diese Filme nur bei den Festivals auf großer Leinwand zu sehen, mache sie noch interessanter. Abgesehen davon ist sie glücklich über jeden Ausspielweg, auf dem sie ihre Produktionen unterbringen kann. Die große Leinwand "muss es für mich nicht sein. Das wichtigste ist, dass Publikum und Film sich begegnen. Das ist im Kino natürlich einfacher, weil man den Film dort zusammen mit anderen sieht und darüber reden kann." Aber das gehe auch anders, meint sie. Außerdem ist auch Anna Weitz der Meinung: Es heißt "Filmfestival" und nicht "Kinofestival". Und Filme entstehen heute in vielen Formen. "Du siehst sie durch viele Fenster. Warum sollten die Festivals das nicht reflektieren?"

Netflix und Co komplett von den Filmfestivals auszuschließen – das fordern wohl nur die Hardcore-Puristen und Kinobetreiber. Welche Rolle die VOD-Anbieter dort aber in Zukunft einnehmen, das muss noch ausdiskutiert werden.

Beitrag von Jakob Bauer, Inforadio

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