Interview | Jamie Bell in "Skin" - "Ich musste über meinen Schatten springen"

Für "Skin" von Guy Nattiv musste sich "Billy Elliot"-Star Jamie Bell in Bryon Widner, einen Anhänger der rechtsradikalen White-Power-Ideologie, verwandeln. Und Dinge tun, die ihm seine Erziehung verbieten. Anna Wollner traf Bell zum Interview im Berlinale-Palast.

In "Skin" ist Jamie Bell am ganzen Körper und selbst im Gesicht mit teils faschistischen Tätowierungen bedeckt. Den Jamie Bell aus "Billy Elliot" würde hinter dieser martialischen Erscheinung wohl niemand mehr vermuten. Bell spielt in Guy Nattivs neuem Film (Berlinale Panorama) den US-Neonazi Bryon Widner, dem zwischen 2006 und 2010 der Ausstieg aus der rechtsradikalen Szene gelingt. Dabei ist dem israelischen Regisseur ein intensives und brutal-ehrliches Lehrstück über Hass, Rassismus und Gewalt gelungen.

Zum Interview im Berlinale Palast ist Jamie Bell bestens gelaunt, trägt Bart, schwarzes Hemd, schwarze Hose und ist alles andere als furchteinflößend.

rbb|24: Mister Bell, willkommen auf der Berlinale!

Jamie Bell: Vielen Dank! Aber ich bin irritiert: Welche Berlinale haben wir? Auf ihrer Tasche steht 59.

Oh, die ist zehn Jahre alt. Robust und hält. Haben Sie Ihre Tasche schon abgeholt?

Nein, ich werde es auch nicht schaffen. Ich fliege morgen schon wieder nach Hause und musste eh schon ganz viel aussortieren, weil ich meinen Koffer nicht mehr zu bekomme.

Nicola Blackwell und Jamie Bell als Debbie Wilkinson und Billy Elliot bei den Dreharbeiten zum Tanzfilm "Billy Elliot" im Jahr 2000 (Quelle: imago/EntertainmentPictures)
Jamie Bell - im Jahr 2000 bei den Dreharbeiten zu "Billy Elliot" ... | Bild: imago/EntertainmentPictures

Sie sind im Film am ganzen Körper tätowiert. Oft sehen aufgemalte Film-Tatoos unecht aus. Ihre nicht. Wie haben Sie das gemacht?

Das müssen Sie meinen Makeup-Artist fragen, er war in jeder Hinsicht ein Genie. Er hat seine Sache sehr ernst genommen. Er hat für jedes Tatoo eine Art Prothese gemacht, die das Auftragen erleichtert hat. Die Tatoos sind natürlich den Tatoos vom echten Bryon nachempfunden und auf meine Gesichtsproportionen angepasst.

Die Herstellung der Tatoos war sehr teuer. So teuer, dass ich sie irgendwann nicht mehr abmachen durfte, weil uns sonst das Geld ausgegangen wäre. Ich war also in New York und hatte faschistische Tatoos im Gesicht. Nicht unbedingt eine angenehme Erfahrung.

Wie waren die Reaktionen der Leute?

Zum Glück konnte ich drinnen bleiben und musste niemanden sehen. Ich gehe aber davon aus, dass es nicht gut für mich geendet wäre, wenn mich jemand damit gesehen hätte. Verständlicherweise, denn wenn ich jemanden auf der Straße treffen würde, der so aussieht, könnte ich vermutlich auch nicht an mich halten. Erschreckend ist aber, wie viele Leute sowas einfach ignorieren.

Warum?

Naja, genau das war ja sein Ziel. Provozieren auf der einen Seite, aber auch in Ruhe gelassen werden auf der anderen. Er hatte keine Lust, sich mit den Leuten auseinanderzusetzen. Für ihn hat es funktioniert.

Sie haben für die Rolle auch zugenommen. Wie schwer war das?

Er ist ganz offensichtlich jemand, der nie auf sich geachtet hat, dem der eigene Körper egal war und der kein Bewusstsein dafür hat.  Er hat viele schlechte Entscheidungen in seinem Leben getroffen. Ich musste ins Fitnessstudio und stupide Gewichte stemmen. Dabei bin ich jemand, der gar nicht so leicht zunehmen kann. Ich habe Eimer nach Eimer Eis gegessen und nichts ist passiert. Der Regisseur Guy Nattiv wollte, dass ich wie Robert de Niro in "Raging Bull" aussehe. Aber davon war ich meilenweit entfernt.

Wie haben Sie es dennoch geschafft, eine körperliche Ähnlichkeit zu Bryon Widner aufzubauen?

Wir mussten mich ein wenig verunstalten. Also verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich sah einfach zu lieb aus. Mit meinem Milchgesicht hätte man mir nicht abgekauft, zu was ich alles in der Lage gewesen wäre. Vor allem Leute zu verprügeln. Wir haben also erstmal mit meinen Ohren gespielt, versucht, die näher an den Kopf zu legen um ein wenig von meiner Unschuld zu verlieren. Dann haben wir eine Zahnprothese gemacht und ich musste sehr dunkle Kontaktlinsen tragen.

Jamie Bell bei der Pressekonferenz zum Film "Hallam Foe" auf der 57. Berlinale im Jahr 2007 (Quelle: imago/Seeliger)
... und auf der Pressekonferenz zu "Hallam Foe" auf der Berlinale 2007. | Bild: imago/Seeliger

Wie sehr hat all das geholfen um ein Gespür für die Figur zu bekommen?

Ich habe ihn mehrfach getroffen, er ist momentan in einer Art Zeugenschutzprogramm. Wir haben stundenlang in seiner Garage gesessen und über sein Leben geredet. Seine schwierige Kindheit, seine Eltern, die ihn misshandelt haben, über seine Mitschüler, die ihn gemobbt haben. Er war der einzige Weiße in der Klasse. Ein paar Geschichten haben mir geholfen, ein paar nicht. Aber ich wollte von Anfang an ehrlich mit ihm sein und habe ihm klar gemacht, dass er Dinge getan hat, die ich moralisch in keinster Weise vertreten kann. Und dass ich selbst auch nur schwer vergeben kann. Mir war es wichtig, dass wir immer ehrlich zueinander sind und von Anfang an die Fronten geklärt waren.

Hatten Sie Vorurteile?

Oh ja, und die musste ich irgendwie versuchen loszuwerden. Als Schauspieler ist es eher ungünstig, wenn man von vorneherein die Figur, die man spielen soll, verdammt. Aber ich habe ein sehr ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, mir fällt es schwer, nicht zu verurteilen. Damit musste ich lernen umzugehen.

Glauben Sie, dass er sich selbst vergeben kann?

Nein, das wird ihn sein Leben lang begleiten. Aber das ist auch gut so. Denn man muss immer für sein eigenes Handeln verantwortlich gemacht werden. Egal was man getan hat.

Was haben Sie selbst aus der Rolle für sich mitgenommen?

Es liegt wohl an meiner Erziehung, aber ich finde es sehr schwer, Leute zu schlagen. Das ist eine Handlung, die nicht ferner von meinen Wesenszügen liegen könnte. Da musste ich über meinen Schatten springen. Und die Erkenntnis, dass kein Weg vorbestimmt ist.

Er ist heute ein sehr netter, umgänglicher, neugieriger gut erzogener Mann. Sein Leben hätte komplett anders verlaufen können. Genauso wie auch mein Leben hätte komplett anders verlaufen können. Wenn auch nur einer vor knapp zwanzig Jahren gesagt hätte, dass ich nicht in diesem Tanzfilm namens "Billy Elliot" mitspielen soll, säße ich heute nicht hier.

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