Juliette Binoche auf der 65. Berlinale 2015 (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 07.02.2019 | Barbara Kostolnik | Bild: dpa

Porträt | Jury-Präsidentin Berlinale - Das unwiderstehliche Lächeln der Juliette Binoche

Juliette Binoche ist eine ebenso leidenschaftliche wie wählerische Schauspielerin: Sogar Steven Spielberg hat sie einen Korb gegeben. Anke Sterneborg über "La Binoche", die ihre Rollen mit allen Sinnen spielt, und bei der sich nicht selten Leben und Kino vermischen.

Was für eine Ausstrahlung diese Frau hat. Klug, sinnlich, leidenschaftlich - so hat Juliette Binoche die unterschiedlichsten Liebesgeschichten durchgespielt. Das Glück und den Schmerz, hochfliegende Gefühle und niedere Instinkte – verspielt, romantisch und verrucht, hingebungsvoll bis zur Selbstaufgabe und bis an den Rand des Wahnsinns.

Binoche hat mit den ganz großen Regisseuren gedreht: Jean-Luc Godard, Leo Carax, André Techiné, Louis Malle und Anthony Minghella. Nicht selten hat sie sich dabei in ihre Spielpartner verliebt. Weil die Drehbücher in ihrem Spiel ihre ganz eigene Wahrheit entwickelten, Leben und Kino für sie nicht zu trennen sind.

Doch ihre größte Liebesgeschichte ist die zu ihrem Beruf. Auf dem DVD-Bonus-Material von Abbas Kiarostamis "Die Liebesfälscher" schwärmt sie auf hinreißende Weise von ihrer Arbeit, von der Magie des Kinos und dem Glück, sich in verschiedene Lebensgeschichten zu versenken. "Offensichtlich spielst du nicht für Geld und auch nicht für Ruhm, warum also spielst du?" habe der iranische Regisseur sie gefragt. "Was ich auf meinen Entdeckungsreisen durch die Seele erlebe, berührt und bereichert mich", antwortete sie.

Eine Frau, die sich zwischen drei Männern verheddert

Juliette Binoche wurde 1964 in Paris, der Stadt der Liebe, in ein künstlerisches Umfeld hineingeboren. Früh entdeckte sie die kindliche Spielfreude als Vorbereitung fürs Leben, Geschichten und Welten zu erschaffen, sich selber kennenzulernen und eine Verbindung zu den anderen herzustellen. Als junger Teenager ging sie oft mit ihren regieführenden und schauspielernden Eltern ins Theater, wenig später wurde die Mutter ihre erste Schauspiellehrerin.

Schnell kamen Filmrollen, die sie von ihrem ersten Traum, dem Theater, wegrissen: eine kleine Rolle als Freundin der Titelheldin, die Jean-Luc Godard für sie in "Maria und Joseph" hineingeschrieben hat. Die Hauptrolle in André Techinés "Rendez-Vous" zeigt sie als lebenshungrige, angehende Schauspielerin, die vom Land in die Metropole zieht und sich zwischen drei Männern verheddert. Unter der Regie von Philip Kaufman erlebt sie als Tereza in "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" eine Ménage-à-trois mit Lena Olin und Daniel Day Lewis vor dem Hintergrund des Prager Frühlings.

Juliette Binoche in "Drei Farben: Blau" 1993 (Quelle: dpa)Juliette Binoche in "Drei Farben: Blau", 1993

In Berlin, Cannes und Venedig ausgezeichnet

Einer ihrer intensivsten Filme ist 1991 Leo Carax' "Die Liebenden von Pont-Neuf" - ein wilder Tanz am Abgrund, eine wüste Amour Fou zwischen einem Pariser Clochard und einer jungen Frau, die mit dem Zeichenblock aus bürgerlichen Verhältnissen geflohen ist, um die letzten Wochen vor der Erblindung rückhaltlos auszukosten. Auch Regisseur und Hauptdarstellerin verausgabten sich maßlos in dem Projekt, das sich wegen finanzieller Probleme fast über drei Jahre hinzog. "Das war wirklich etwas Neues und Besonderes, weil es nicht nur Kino, sondern Leben war", sagte Binoche dazu später im Interview mit dem großen Filmkritiker Michael Althen. "Ich möchte gleichberechtigter Teil einer Zusammenarbeit sein, mit dem Regisseur auf einer Ebene."

Naturgemäß zog es sie damit stärker zum europäischen Autorenkino hin als zur amerikanischen Kinoindustrie. Nach der rückhaltlosen Seelenentblößung mit Carax lernte sie etwas mehr auf Distanz zu gehen, mit ihren Gefühlen zu haushalten, sich nicht mehr ganz so selbstzerstörerisch zu verschwenden, zwischen Spiel und Leben eine feine Trennungslinie zu ziehen. In Krzysztof Kieślowski "Drei Farben: Blau" verkörpert sie den Schmerz einer jungen Frau, die einen Autounfall überlebt, in dem ihr Mann und Kind starben. Als Krankenschwester verausgabte sie sich physisch und psychisch in den Lazaretten des 2. Weltkrieges. Anthony Minghellas "Der englische Patient" brachte ihr neben zahllosen anderen Preisen auch den silbernen Bären der Berlinale und den Oscar ein. Überhaupt ist sie die einzige Schauspielerin, die den europäischen Preis-Triple geschafft hat, mit dem Bären in Berlin, der Palme in Cannes ("Die Liebesfälscher") und dem Löwen in Venedig ("Drei Farben: Blau").

La Binoche und das Leben

Verschiedene Versionen ihrer selbst

Spätestens danach stand ihr Hollywood offen. Doch statt verlockende Angebote von Steven Spielberg anzunehmen, der sie auch für "Indiana Jones" auf der Liste haben wollte, sammelte sie lieber Credits bei europäischen Autorenfilmern.

Manche Filme abzulehnen sei genauso wichtig wie sich für bestimmte Projekte zu entscheiden, sagt sie. "Man muss das Boot lenken, die Wellen sehen und sich entscheiden auf welcher man treiben will." Binoche gehört nicht zu den Chamäleon-Schauspielerinnen, die hinter einer Rolle verschwinden. Es ist eher so, dass sie verschiedene Versionen ihrer selbst spielt. Statt sich intellektuell anzunähern, schlüpft sie mit allen Sinnen in verschieden Seelenkostüme. "Schauspieler müssen durchsichtig sein wie Glas, damit man unter der Oberfläche die Flüssigkeit sehen kann."

"Godzilla" - ihrem Sohn zuliebe

Auf der Suche nach interessanten Rollen hat sie mit den Jahren ihren Radius erweitert mit Abbas Kiarostami aus dem Iran, Hou Hsiao-hsien aus Taiwan, Naomi Kawase aus Japan und Patricia Riggen aus Mexiko gearbeitet. Und sich dann doch noch aufs Blockbuster-Hollywood eingelassen – in "Godzilla" von Gareth Edwards, ihrem 20-jährigen Sohn zuliebe, wie sie augenzwinkernd bekundet.

Im Ringen um immer neue Herausforderungen hat Juliette Binoche alle Tonlagen ausprobiert, das historische Drama wie das gegenwärtige Liebesmelodram, die ausgelassene Komödie und die schwermütige Tragödie, das leichte Geplänkel ebenso wie die lebensphilosophische Tiefe. Das Berlinale Special zeigt ihren aktuellen Film "Celle que vous croyez" von Safy Nebbou, in dem sie eine 50-jährige Lehrerin spielt, die sich das Facebook-Profil einer 24-Jährigen zulegt. Und immer wieder ist da ihr Lachen, das Michael Althen als eines der ansteckendsten des Kinos bezeichnet hat. Diese kindliche Zügellosigkeit , mit der die kluge Juliette Binoche auch mit 54 Jahren noch an die Liebe, das Leben und die Rollen herangeht ist allemal eine gute Voraussetzungen für die Juryarbeit auf der Berlinale.

Sendung: Kulturradio, 9.2.2019, 6 Uhr

Beitrag von Anke Sterneborg

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6 Kommentare

  1. 6.

    Dieser Beitrag behandelt nicht vordergründig den Inhalt des von Ihnen so hochgeschätzten "zeitkritischen Film", sondern die Karriere von Juliette Binoche, die in "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" und vielen anderen Filmen gespielt hat.

  2. 5.

    Hat sie nicht erlebt und die Bemerkung sagt reinwegs nichts über diesen zeitkritischen Film aus. Der fand nicht zwischen den Beinen statt.

  3. 4.

    Im Text steht: "Unter der Regie von Philip Kaufman erlebt sie als Tereza in "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" eine Ménage-à-trois mit Lena Olin und Daniel Day Lewis vor dem Hintergrund des Prager Frühlings."

  4. 3.

    Ihr habt "Verhängnis" vergessen - da spielt sie eine ziemlich abgründige Rolle. Binoche ist einfach klasse, eine experimentierfreudige, schöne, natürliche und anmutige Schauspielerin, hach .... außerdem Tänzerin und Malerin!!

  5. 2.

    Gute Schauspielerin, aber mehr eben auch nicht. Also irgendwas anderes "Tolles" habe ich von ihr nicht mitbekommen, in ihren Äußerungen eine sehr einfache Frau. Warum muss sie denn jetzt so hoch gehängt werden...
    Hier fehlt übrigens "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", einer der besten Filme. Aber der "Engl. Patient" hat natürlich mehr Aufmerksamkeit und Kohle gebracht.

  6. 1.

    Französische Schauspielerinnen haben für gewöhnlich zwei Eigenarten:
    1. Ein sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein.
    2. Die Angewohnheit, mithilfe desselben Angebote für Unterhaltungsfilme meistens auszuschlagen (und diese - falls sie sich doch mal dorthin verirrt haben - später öffentlich zu bagatellisieren) und lieber in "künstlerisch anspruchsvollen" Streifen aufzutreten, die Otto Normalzuschauer langweilig findet.
    Letzteres resultiert in Deutschen Medien irgendwann in der Behauptung, dass die entsprechende Aktice eine/die "Grande Dame des Europäischen/Französischen Films" sei.

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