Festivaldirektor Dieter Kosslick stellt auf einer Pressekonferenz das Programm der 69. Berlinale vor (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Video: Abendschau | 29.01.2019 | Petra Gute/Arndt Breitfeld | Studiogespräch mit Dieter Kosslick | Bild: dpa/Jörg Carstensen

Festival-Chef stellt Berlinale-Programm vor - Kosslick geht, "das Kino wird bleiben"

Das "Private ist politisch": Unter diesem Motto steht die diesjährige Berlinale. Gewohnt routiniert hat der scheidende Direktor Dieter Kosslick am Dienstag Jury, Themen und Stars des Festivals verkündet. Er ging auch auf die Rolle der Streamingdienste Netflix und Co. ein.

Seit er 2001 die Leitung der Berlinale übernommen hat, ist Dieter Kosslick zum Gesicht des Festivals geworden. In diesem Jahr endet seine 18-jährige Amtszeit. Von Wehmut war dem 70-Jährigen bei seiner letzten Programmkonferenz am Dienstag nichts anzumerken. Doch etwas zurückhaltender als gewohnt verkündete er die Programmschwerpunkte sowie die Besetzung der Internationalen Wettbewerbsjury, der unter anderem die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller angehört.

"Das Private ist politisch"

Inhaltlich steht der letzte Wettbewerb unter Kosslicks Direktion unter dem Motto: "Das Private ist politisch". Viele Filme kursieren um das Thema Familie, die Suche nach Geborgenheit, Diversität, wie sie etwa Lone Scherfigs Eröffnungsfilm "The Kindness of Strangers" über eine Mutter mit zwei Kindern in New York, aber auch zwei der insgesamt drei deutschen Wettbewerbsbeiträge repräsentierten.

Bereits seit fast zwei Wochen steht das Programm des diesjährigen Wettbewerbs. Insgesamt 17 Filme konkurrieren um den Goldenen und die Silbernen Bären. Unter den deutschen Beiträgen ist Fatih Akin mit seiner Verfilmung von Heinz Strunks Roman "Der goldene Handschuh" über Fritz Honka, den berühmt-berüchtigten Hamburger Serienmörder aus den Siebzigerjahren. Mit Angela Schanelec ist auch eine Regisseurin der sogenannten Berliner Schule im Bären-Rennen. In ihrem Drama "Ich war zu Hause, aber" mit Franz Rogowski (Berlinale Shooting Star 2018) geht es um einen 13-Jährigen, der für eine Woche spurlos verschwindet. Ein unangepasstes kleines Mädchen wiederum steht im Mittelpunkt von Nora Fingscheidts Spielfilmdebüt "Systemsprenger", dem dritten deutschen Wettbewerbsbeitrag. Der Film wird auch in der Reihe "Berlinale Goes Kiez" in der Haftanstalt Plötzensee gezeigt.  

Viele Filme von Frauen wurden ausgewählt

Auch die #Metoo-Sexismus-Debatten und die Bestrebungen um mehr Diversität im Film werden, so Kosslick, weiterhin von der Berlinale unterstützt: Sieben von insgesamt 17 Wettbewerbsfilmen sind von Regisseurinnen realisiert worden, obwohl nur ein Drittel aller eingereichten Filme von Frauen inszeniert wurde. Der Wettbewerb versucht also auch in diesem Jahr zumindest mit der Kuratierung mehr Geschlechtergerechtigkeit in der männerdominierten Regie-Szene herzustellen. 

Diese Stars sind dabei

Hollywoodglanz wird nur sporadisch auf dem roten Teppich glänzen - mangels US-Produktionen: Der britisch/US-amerikanische Schauspieler Christian Bale ist einer der wenigen Weltstars, die in diesem Jahr auf der Berlinale zu Gast sein werden. In "Vice - der zweite Mann" von Adam McKay, einer von sechs Filmen, die außer Konkurrenz im Wettbewerb laufen, spielt er den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney. Bale, der für seine Darstellung bereits einen Golden Globe erhielt, gilt auch als Anwärter für einige Oscar-Nominierungen.

Erwartet werden außerdem nationale und internationale Stars wie Lars Eidinger, Franz Rogowski, der britische Schauspieler Bill Nighy, seine schottische Kollegin Tilda Swinton und natürlich Charlotte Rampling, der Hommage und Ehrenbär gewürdigt sind. Musikfans kommen ebenfalls auf ihre Kosten: "Die Toten Hosen", über die eine Dokumentation gezeigt wird, sind dabei sowie die in China megapopuläre Boygroup "The Fighting Boys.

Sandra Hüller und Trudie Styler in der Jury

Starglanz bringt natürlich auch Juliette Binoche, die Präsidentin der Internationalen Jury. Weitere Mitglieder der sechsköpfigen "Entscheidergruppe" sind, so Kosslick, neben Sandra Hüller ("Toni Erdmann") die Schauspielerin und Produzentin Trudie Styler, Ehefrau des Musikers Sting. Komplettiert wird das Sextett von dem US-amerikanischen Kritiker Justin Chang, dem chilenischen Regisseur Sebastián Lelio sowie dem Kurator Rajendra Roy aus den USA.

Sie entscheiden über Gold und Silber

Vier Berlinale-Kameras werden während des Festivals verliehen. Mit ihnen werden, ähnlich wie bei dem Goldenen Ehrenbären, herausragende Verdienste um den Film geehrt. Sie gehen in diesem Jahr an die im Wettbewerb außer Konkurrenz vertretene französische Regisseurin Agnès Varda, Ex-Panorama-Sektionsleiter Wieland Speck, den vor allem für seine DEFA-Filme bekannten deutschen Regisseur Herrmann Zschoche sowie an die US-Amerikanerin Sandra Schulberg, Gründerin des Independent Filmmaker Project.

Berlinale-Tickets werden teurer

Ausgerechnet für seinen letzten Jahrgang als Festivaldirektor kündigte Kosslick eine Preiserhöhung an: Tickets für die Wettbewerbs-Filme, die im Berlinale-Palast gezeigt werden, sowie für die Eröffnung und die Berlinale-Special-Gala-Premieren im Friedrichstadt und Zoo Palast kosten 16 Euro (2018: 15 Euro). Für alle anderen Vorstellungen beträgt der Preis 13 Euro (Vorjahr 12 Euro). Am Publikumstag müssen die Berlinale-Besucher in diesem Februar 10 Euro anstatt 8 Euro bezahlen. "Wir haben die Preiserhöhung nicht leichten Herzens gemacht, denn sie trifft immer das Publikum", erklärte Kosslick. Doch sei die Berlinale noch immer günstiger als andere große Filmfestivals.  

Netflix-Film läuft im Wettbewerb

Das Thema Streamingdienste geht auch an der Berlinale nicht vorüber. Die audiovisuelle Welt sei "in einem großen, großen Umbruch", sagte Kosslick am Dienstag. Das werde auch in Berlin zu Debatten führen.  

Dass im Wettbewerb mit Isabel Coixets "Elisa y Marcela" ein Netflix-Film läuft, hatte im Vorfeld für Diskussionen gesorgt. Doch es widerspreche nicht den Reglements, so Kosslick. Demnach zeige man im Wettbewerb nur Filme, die fürs Kino geeignet seien: Coixets Film habe eine Kinoauswertung in Spanien, bevor der Film auf Netflix gezeigt werde.

Man könne Streamingdienste nicht ignorieren - doch das Festival sei erstmal fürs Kino zuständig. Und dem gab Kosslick eine gute Prognose: "Ich glaube, das Kino wird bleiben".

"Mr. Berlinales" Ära endet nach 18 Jahren

Es ist die letzte Berlinale unter der Ägide ihres langjährigen Direktors Dieter Kosslick. Seit 2001, also seit 18 Jahren, leitet "Mr. Berlinale" das wichtigste deutsche Filmfestival. Im Mai 2019 wird seine Ära definitiv enden, in der er unter anderem die Sektionen "Perspektive deutsches Kino" sowie "Kulinarisches Kino" eingeführt hat. Vor allem im letzten Jahr gab es aus der Filmszene zum Teil heftige Kritik an der Ausrichtung des Festivals. Es passe nicht jedem, dass die Berlinale unter ihm so groß geworden sei, sagte Kosslick. "Das sollte aber eigentlich Sinn und Zweck von einem Filmfestival sein. Dass man die Leute nicht davon abhält ins Kino zu gehen, sondern sie auffordert und ihnen Lust macht."

Nach Kosslick steht eine paritätisch besetzte Doppelspitze in der Verantwortung für die Filmauswahl: Carlo Chatrian, bisheriger Chef des Festivals von Locarno, wird künstlerischer Direktor, die Niederländerin Mariette Rissenbeek leitet die Geschäfte.

Die kommende Berlinale wird am 7. Februar mit der Weltpremiere des neuen Films der dänischen Regisseurin Lone Scherfig ("Italienisch für Anfänger", "The Riot Club") eröffnet. Ihr Drama "The Kindness of Strangers" spielt in New York. Hommage und Ehrenbär sind der britischen Schauspielerin Charlotte Rampling gewidmet. 

Diese Filme laufen im internationalen Wettbewerb

Donnerstag, 7. Februar 2019
The Kindness of Strangers von Lone Scherfig (Dänemark / Kanada / Schweden / Frankreich) - Eröffnungsfilm

Freitag, 8. Februar 2019
Systemsprenger
von Nora Fingscheidt (Deutschland)
Grâce à Dieu 
(By the Grace of God) von François Ozon (Frankreich)
Öndög von Wang Quan'an (Mongolei)

Samstag, 9. Februar 2019
Der Boden unter den Füßen
von Marie Kreutzer (Österreich)
Ut og stjæle hester (Out Stealing Horses) von Hans Petter Moland (Norwegen / Schweden / Dänemark)
Der Goldene Handschuh von Fatih Akin (Deutschland / Frankreich)

Sonntag, 10. Februar 2019
Gospod postoi, imeto i' e Petrunija (God Exists, Her Name is Petrunya) von Teona Strugar Mitevska (Mazedonien / Belgien / Slowenien / Kroatien / Frankreich)
The Operative (Die Agentin) von Yuval Adler (Deutschland / Israel / Frankreich / USA) – Außer Konkurrenz
Mr. Jones von Agnieszka Holland (Polen / Großbritannien / Ukraine)

Montag, 11. Februar 2019
Répertoire des villes disparues (Ghost Town Anthology) von Denis Côté (Kanada)
Vice (Vice – der zweite Mann) von Adam McKay (USA) – Außer Konkurenz
Kız Kardeşler (A Tale of Three Sisters) von Emin Alper (Türkei / Deutschland / Niederlande / Griechenland)

Dienstag, 12. Februar 2019
Ich war zuhause, aber von Angela Schanelec
(Deutschland / Serbien)
La paranza dei bambini
(Piranhas) von Claudio Giovannesi (Italien)
L'adieu à la nuit
(Farewell to the Night) von André Téchiné (Frankreich / Deutschland) – Außer Konkurrenz

Mittwoch, 13. Februar 2019
Varda par Agnès (Varda by Agnès) von Agnès Varda (Frankreich) – Dokumentarfilm, außer Konkurrenz
Elisa y Marcela (Elisa & Marcela) von Isabel Coixet (Spanien)
Synonymes (Synonyms) von Nadav Lapid (Frankreich / Deutschland)

Donnerstag, 14. Februar 2019
Di jiu tian chang (So Long, My Son) von Wang Xiaoshuai (Volksrepublik China)

Freitag, 15. FEBRUAR 2019

Amazing Grace realisiert von Alan Elliott (USA) – Dokumentarfilm, außer Konkurrenz
Marighella von Wagner Moura (Brasilien) – Außer Konkurrenz
Yi miao zhong (One Second) von Zhang Yimou (Volksrepublik China)

Sendung: Abendschau, 29.01.2019, 19:30 Uhr

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