Juliette Binoche (r), Jury-Präsidentin, übergibt den Goldenen Bär an Nadav Lapid (Israel), Regisseur des Film "Synonymes (Synonyms)". (Quelle: Ralf Hirschberger/dpa)
Bild: Ralf Hirschberger/dpa

Bärengala der 69. Berlinale - Goldener Bär geht an israelische Koproduktion "Synonymes"

Bei der Berlinale sind am Samstag die Preise verliehen worden. Der Goldene Bär geht an "Synonymes", die Geschichte eines Israelis in Paris. Über Silberne Bären können sich die deutschen Regisseurinnen Angela Schanelec und Nora Fingscheidt freuen.

Bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin sind am Samstagabend der Goldene Bär und die sieben Silbernen Bären verliehen worden.

Der Hauptpreis der diesjährigen Berlinale, der Goldene Bär für den Besten Film, geht an "Synonymes", den Saïd Ben Saïd und Michel Merkt produziert haben. Das gab die Internationale Jury unter Leitung der französischen Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche bei der Berlinale-Gala am Potsdamer Platz bekannt.

Der Film des israelischen Regisseurs Nadav Lapid erzählt am Beispiel des Israelis Yoav (Tom Mercier) von der Schwierigkeit, in Paris neue Wurzeln zu schlagen. Yoav will seine Identität loswerden, wird aber mit zahlreichen Hürden konfrontiert.

Wie Lapid am Abend im Nightalk der rbb-Welle Radioeins sagte, hat er mit dem Film auch eigene Erfahrungen verarbeitet. Er sei mit Anfang 20 selbst nach Paris gegangen, "um ganz neu anzufangen". Jetzt, 17 Jahre später, sei ihm klar, dass es nicht funktionieren konnte.

Beste Darsteller kommen beide aus China

Die Silbernen Bären für die besten Darsteller gehen in diesem Jahr beide nach China. Wang Jingchun und seine Filmpartnerin Yong Mei spielen in "Di jiu tian chang" ("So long, my son") das Elternpaar Yaojun und Liyun, das seinen Sohn verliert, als dieser in einem Stausee ertrinkt. Das dreistündige Epos von Regisseur Wang Xiaoshuai erstreckt sich über mehr als drei Jahrzehnte und zeigt auch die brutalen Seiten des modernen Chinas und der Ein-Kind-Politik.

Silberner Bär für beste Regie an Angela Schanelec

Über zwei Silberne Bären können sich deutsche Filmemacherinnen freuen. Angela Schanelec bekommt für die Regie von "Ich war zuhause, aber" einen Silbernen Bären. Der höchst artifizielle Wettbewerbsbeitrag erzählt von dem 13-jährigen Philipp, der für eine Woche einfach aus einer dysfunktionalen Familie verschwindet.

Im anschließenden Nighttalk von Radioeins wollte Schanelec mit ihrem Film Raum für Interpretationen lassen. Es sei ein Irrtum, immer von "Metaphern" zu sprechen. In ihrem Film, einer kunstvollen und auch verwirrenden Montage, sehe man, "was ist". rbb|24-Kritiker Fabian Wallmeier nannte den Film eine "Wohltat in diesem Wettbewerb". Bei "Ich war zuhause, aber" handele sich um "eine hoch künstliche, kühle Reflexion voller loser Enden und Rätsel".

Neue Perspektiven: Silberner Bär für "Systemsprenger"

Auch Nora Fingscheidt kann sich über einen Silbernen Bären freuen: Sie erhält den "Alfred-Bauer-Preis" für "Systemsprenger", der geehrt wurde als ein Spielfilm, der neue Perspektiven für das Kino eröffnet. Er erzählt die Geschichte der neunjährigen Benni, gespielt von Helena Zengel, die zu extremen Gewaltausbrüchen neigt und selbst erfahrene Sozialarbeiter überfordert.

Die Dreharbeiten, so sagte Fingscheidt am Abend dem rbb, seien nicht einfach gewesen. Das Team habe sich "sehr viel Zeit genommen", um auch die Hauptdarstellerin nicht zu überfordern. "Das ist eine extreme Verantwortung, die man da hat", sagte die Regisseurin. Es sei für Helena aber auch schön gewesen, ihre Wut "in einem geschützten Raum mal rauslassen zu können". Sie selbst sei keine Fachfrau für das Thema, ergänzte Fingscheidt im Gespräch mit rbb-Filmkritiker Knut Elstermann. Sie würde sich aber freuen, wenn der Film Anstöße für die Jugendarbeit liefern könnte.

Das sind die Gewinner!

16 höchst unterschiedliche Wettbewerbsfilme

Insgesamt acht Bären wurden verliehen. Einfach ist die Entscheidung für die sechsköpfige Internationale Jury unter Leitung von Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche dabei nicht gewesen. Um die Bären konkurrierten insgesamt 16 Filme: Von Fingscheidts Soziodrama "Systemsprenger", dem mongolischen Steppenfilm "Öndög" von Wang Quan'an über Schanelecs Jugenddrama "Ich war zuhause, aber" bis hin zu Fatih Akins Serienmörder-Studie "Der goldene Handschuh" waren im Wettbewerb sehr unterschiedliche internationale Filme vertreten.

Missbrauchsdrama bekommt Großen Preis der Jury

Der Große Preis der Jury geht an den französischen Regisseur François Ozon für das Missbrauchs-Drama "Grâce à Dieu". Der Film widmet sich dem aktuellen Prozess gegen Kardinal Barbarin, Erzbischof von Lyon, der viele Jahre den sexuellen Missbrauch Minderjähriger deckte.

Im Nighttalk der rbb-Welle Radioeins sagte Ozon am Abend, es sei ihm um die Geschichte der Opfer gegangen und darum, dass die Kirche "die eigenen Leute schützen will, anstatt die Opfer zu unterstützen". Die Institution Kirche könne aber durch andere Institutionen ersetzt werden, zum Beispiel den Sportverein oder die Familie, wo ebenfalls zahlreiche Missbrauchsfälle vorkommen, ergänzte Ozon.

Silberne Bären für Kamera und Drehbuch

Mit dem Silbernen Bär für das Beste Drehbuch wurden die Drehbuchautoren von "La paranza dei bambini" ("Piranhas") ausgezeichnet. Der italienische Wettbewerbsbeitrag von Claudio Giovannesi basiert auf dem gleichnamigen Roman des Mafia-Experten Roberto Saviano. Saviano schrieb das Drehbuch zusammen mit Giovannesi und Maurizio Braucci. Der Film erzählt die Geschichte einer jugendlichen Bande in Neapel, die es mit der Mafia in ihrem Viertel aufnehmen wollen und in einer Spirale der Gewalt landen. "An Orten wie diesen fehlen oft die Väter, zum Beispiel, weil sie im Gefängnis sitzen", sagte Giovannesi dem rbb.

Mit einem Silbernen Bären für eine besondere künstlerische Leistung wurde der Kameramann Rasmus Videbaek ausgezeichnet. Videbaek drehte die Bilder für den norwegischen Wettbewerbsbeitrag "Ut og stjæle hester" ("Pferde stehlen") in der Regie von Hans Petter Moland. Er habe bei seinen Bildern gezielt an die große Leinwand gedacht, sagte Videbaek am Abend im Gespräch mit Knut Elstermann.

Sie entscheiden über Gold und Silber

Afrikanischer Film gewinnt Doku-Preis

Der Preis für den besten Dokumentarfilm ging an die afrikanische Produktion "Talking about trees". Der Film von Suhaib Gasmelbari zeigt den Versuch, im Sudan ein altes Kino wiederzubeleben. Dabei stoßen vier Freunde auf unüberwindbare Widerstände. Der Film erhielt außerdem den Panorama-Publikumspreis.

Bester Erstlingsfilm: "Oray" von Mehmet Akif Büyükatalay

Den GWFF Preis für den Besten Erstlingsfilm erhielt Mehmet Akif Büyükatalay für seinen Film "Oray". In nahezu dokumentarischem Duktus erzählt "Oray", wie sich ein Einzelner am komplexen System einer Religion abarbeitet. Der Preis wird von der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Film- und Fernsehrechten (GWFF) gestiftet und sektionsübergreifend an einen Debütfilm vergeben und ist mit 50.000 Euro dotiert.

Wie der deutsch-türkische Regisseur dem rbb am späten Abend sagte, wollte er in seinem Film subjektive Erinnerungen aus seiner Kindheit filmisch verarbeiten und damit einen anderen Blick auf den Islam lenken. "Es gibt vier Millionen Muslime in Deutschland und jeder praktiziert einen anderen Islam", sagte Büyükatalay im Radioeins-Nighttalk mit Knut Elstermann. "Es gibt kein Kollektiv, denn Religion ist eine sehr private Sache."

Auch der Goldene Kurzfilm-Bär geht an zwei Deutsche

Zu Beginn der Preisverleihung waren die Bären für die besten Kurzfilme verliehen worden. Dabei geht der Goldene Bär in diesem Jahr an "Umbra" der beiden deutschen Filmemacher Florian Fischer und Johannes Krell. Den Audi-Kurzfilm-Award erhält "Rise" in der Regie von Bárbara Wagner und Benjamin de Burca. Mit dem Silbernen Bären der Kurzfilmjury wurde "Blue Boy" von Manuel Abramovich ausgezeichnet.

Kulturstaatsministerin Grütters würdigt Dieter Kosslick

Mit einer Würdigung des scheidenden Berlinale-Direktors Dieter Kosslick durch Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte am Samstagabend die Preisgala begonnen. Die Festivals unter seiner Regie seien "stilprägend" gewesen. Der ganze Saal applaudierte Kosslick, der in diesem Jahr seine 18. und damit letzte Berlinale leitet.

Später am Abend war Kosslick noch einmal zu Gast im Radioeins-Nighttalk von rbb-Filmkritiker Knut Elstermann. Sein Hauptanliegen sei es gewesen, aus der Berlinale ein Publikumsfestival zu machen. "Die Leute haben keine Angst mehr, über den roten Teppich zu gehen, und haben Lust auf diesen großen Raum, das Kino", sagte der aus Pforzheim stammende Festival-Manager. Einen Film wie "Ben Hur" auf der großen Leinwand zu sehen, sei etwas anderes als ihn auf der "Armbanduhr" zu schauen. "Size matters", lächelte Kosslick.

Besonders stolz sei er auf den Publikumstag, der jeweils am letzten Berlinale-Tag stattfindet. Dazu würden an diesem Sonntag rund 80.000 "ganz normale" Besucher erwartet, sagte Kosslick. Kurz zuvor hatte der sichtlich gerührte Festival-Direktor im Berlinale-Palast seine beiden Nachfolger begrüßt. Im Mai dieses Jahres wird er von Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian abgelöst.

Stargewitter auf der Berlinale

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2 Kommentare

  1. 2.

    Wie kann man die ausgezeichneten Filme denn ansehen, wenn man nicht gerade die Möglichkeit hatte, die BErlinale zu besuchen?
    Ich würde gerne den sudanesischen Film "Talking about Trees" ansehen. Aber wo und wie geht das?

  2. 1.

    Schade, mein Favorit, der iranische Beitrag ist leer ausgegangen. Ein sozialkritisches Gendermelodram, über eine Transsexuelle Eintagsfliege auf der Suche nach dem zweiten Tag. Gedreht in der Sprache Kiswahili und mit burmesischen Untertiteln.
    Aber dafür werden die Gewinner der "Bären", zig Millionen von Zuschauern in die Kinos locken.

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