Nadav Lapid, Gewinner des Goldenen Bären für den Besten Film "Synonymes" zeigt den Bären bei der Pressekonferenz in die Kamera (Quelle: Marechal Aurore/ABACA)
Bild: abaca

Kommentar | Berlinale-Fazit 2019 - Die Nuggets aus dem trüben Fluss gesiebt

Die letzte Berlinale unter Dieter Kosslick hatte einen vom Mittelmaß geprägten Wettbewerb. Doch die Jury hat das Beste daraus gemacht: Der Goldene Bär für "Synonymes" ist eine überraschende, aber nachvollziehbare Entscheidung. Von Fabian Wallmeier

Die diesjährige Berlinale-Jury hatte es nicht leicht. Sie hatte nach der Absage von Zhang Yimou nur 16 Filme in der Konkurrenz zur Verfügung, um den Goldenen und die sieben Silbernen Bären zu vergeben.

Vor allem aber hatte Festival-Direktor Dieter Kosslick den Jury-Mitgliedern bei seiner letzten Berlinale einen Wettbewerb zusammengestellt, der so mittelmäßig war wie schon seit Jahren nicht mehr. Nur wenige Filme stachen heraus, trauten sich wirklich etwas. Belanglose Sozial- und Liebesdramen ("The Kindness of Strangers", "Elisa y Marcela"), uninspirierte bis ärgerliche Historiendramen ("Mr. Jones", "Out Stealing Horses", "Der goldene Handschuh"), verhuscht-konturlose Geistergeschichten ("Der Boden unter den Füßen", "Ghost Town Anthology") - die Langeweile hatte kaum ein Ende.

Berlinale-Sieger fordert das Publikum

Aufgabe der Jury war es also, aus diesem trüben Fluss ein paar Nuggets heraus zu sieben. Das ist ihr bei der Preisverleihung am Samstagabend weitgehend gelungen. Der Goldene Bär für "Synoymes" lag nicht unbedingt auf der Hand, ist aber keine schlechte Wahl. Der Film von Nadav Lapid ist einer von nur zweien im diesjährigen Wettbewerbsprogramm, die das Publikum wirklich offensiv fordern, ihnen Rätsel zumuten, sie irritieren, die Filmsprache für sich sprechen und Fragen am Ende offen lassen. Der extrem präsente Tom Mercier spielt einen Israeli, der nach Paris kommt und wild entschlossen ist, Franzose zu werden. Warum, ist nicht klar, und der Film bleibt bis zum Schluss trotz toller Momente eigenartig ziellos - was wiederum ganz gut die Gesamtheit der Wettbewerbsauswahl dieses Berlinale-Jahrgangs wiedergibt.

Zwei deutsche Preisträgerinnen: Schanelec und Fingscheidt

Der andere dieser zwei offensiv fordernden Filme ist Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber", der Kritiker und Publikum stark gespalten hat. Während ich den Film um eine Mutter und ihre zwei Söhne in seiner maximalen Künstlichkeit für den besten des Wettbewerbs halte, fiel er bei den meisten anderen rbb-Kritikern durch. Die Kollegin Anna Wollner etwa warf Schanelec "Arbeitsverweigerung" vor. Die Jury dagegen hielt ihn für preiswürdig und verlieh Schanelec erfreulicherweise den Silbernen Bären für die beste Regie.

Auch die beiden Favoriten im rbb-Kritikerspiegel wurden mit Bären bedacht: "Systemsprenger" und "So Long, My Son". Für "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt gab es völlig zurecht den Alfred-Bauer-Preis für "neue Perspektiven der Filmkunst", wie es in den Berlinale-Statuten heißt. Wie die Debütantin hier ein wildes Mädchen in Szene setzt, das ständig durch das Raster des Sozialsystem fällt, und zu welch einer kraftvollen Leistung sie dabei ihre junge Hauptdarstellerin Helena Zenger anspornt, ist absolut beeindruckend.

Verdiente doppelte Ehrung für "So long, my son"

Sehr verdient sind auch die Preise für den besten Darsteller und die beste Darstellerin. Beide gingen an "So long, my son" von Wang Xiaoshuai: Wang Jingchun und Yong Mei spielen darin ein Paar, das über mehr als 30 Jahre auf seinem Lebens- und Leidensweg begleitet wird. Dem Darsteller-Duo reichen oft kleine Gesten und sparsame Worte, um in glaubhafter Zurückhaltung die ganz großen Gefühle auf die Leinwand zu bringen.

"So Long, My Son" wäre auch ein würdiger Gewinner des Goldenen Bären gewesen - auch weil er  in seiner mehr oder weniger deutlichen Kritik an den Zuständen in China so perfekt das Motto der Berlinale 2019 verkörpert, "Das Private ist politisch".

Politische Auszeichnung an Francois Ozon

Die politischste Auszeichung war dann stattdessen der Große Preis der Jury: Francois Ozon erhielt ihn eher unerwartet für "Grâce à dieu". Das sehr konventionell erzählte Drama dürfte weniger wegen seiner filmischen Qualitäten überzeugt haben als vielmehr wegen seines brandaktuellen Themas - es geht um einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Frankreich, der noch nicht abgeschlossen ist. Einem Priester wird vorgeworfen, über Jahrzehnte hinweg Jungen sexuell missbraucht zu haben. Dieser beim Prozess angeklagte Priester versucht derzeit sogar, den Kinostart des Films verbieten zu lassen.

Ein Brillen- und ein Teddybär für Kosslick

Dieter Kosslicks letzte Berlinale war für ihn nicht seine ruhmreichste. Vor allem ein Makel bleibt an dieser letzten Kosslick-Berlinale haften: Man hätte dem für seine Nähe zu den Stars bekannten scheidenden Festivalchef ein promiträchtigeres Angebot gewünscht.

Auch im freundlichen Filmchen, das zu seinen Ehren bei der Gala gespielt wurde, waren die ganz großen Stars nur in Aufnahmen aus früheren Jahren zu sehen. Seine Reaktion auf die Ehrung fiel sympathisch bescheiden aus: Die Standing Ovation kämpfte Kosslick kraftvoll nieder, indem er aufsprang und das Publikum mit den Händen zum Hinsetzen aufforderte. Auch die ihm von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) als Abschiedsgeschenk vermachte Patenschaft für Brillenbärin Puna nahm er eher tapfer hin, als dass es ihn vor Rührung dahingerafft hätte. Kosslick eilte stattdessen auf dem Weg zur Bühne schnell zu seinen Nachfolgern Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, um sie kurz vorzustellen - was recht spontan wirkte, weil es wegen des fehlenden Mikrofons nicht richtig zu hören war. Als er dann am Ende noch mit einem riesigen von der Jury überreichten Teddy-Bären über die Bühne tollte, dürften ihm die Herzen im Berlinale-Palast endgültig zugeflogen sein.

Kosslick-Nachfolger hielten sich im Hintergrund

Chatrian und Rissenbeek traten derweil während des Festivals kaum in Erscheinung. Sie ließen sich zwar hier und da blicken, hielten sich aber im Hintergrund. Der von Kosslick bei der Programm-Pressekonferenz angekündigte gemeinsame Auftritt der drei blieb aus. Ob sie sich nur so rar machten, um Kosslick noch einmal das Rampenlicht komplett zu überlassen, oder ob sich damit ein gänzlich neuer Stil ankündigt, werden wir erst in einem Jahr wissen - dann feiert die Berlinale nicht nur ihre 70. Ausgabe, sondern wird auch erstmals vom neuen Führungsduo verantwortet. Mal sehen, ob die Jury dann etwas weniger sieben muss, um Nuggets im Wettbewerbsprogramm zu finden.

Das sind die Gewinner!

Beitrag von Fabian Wallmeier

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