17.02.2020, Berlin: Regisseur Burhan Qurbani am Rande eines Interviews. Mit seiner Neuverfilmung von «Berlin Alexanderplatz» geht Burhan Qurbani (39) ins Rennen um den Goldenen Bären der Berlinale (Quelle: dpa / Britta Pedersen).
Audio: Inforadio | 27.02.20 | Alexander Soyez | Bild: ZB

"Berlin Alexanderplatz"-Regisseur Qurbani - “Ich glaube, dass wir gerade wieder einen Umbruch erleben"

Burhan Qurbanis letzter Film "Wir sind jung. Wir sind stark." über die rechtsradikalen Ausschreitungen in Rostock Anfang der 90er Jahre liegt schon fünf Jahre zurück. Seitdem und länger hat er an "Berlin Alexanderplatz" gearbeitet und zum Schluss natürlich auch darauf gehofft, dass seine Neuinterpretation von Döblins Berlin- und Gesellschaftsporträt ihren Platz auf der Berlinale 2020 findet.

"An Weihnachten kam der Anruf von meinem Produzenten. Ich stand gerade in Kolumbien in einer großen Menschenmenge, und er hat einfach nur gesagt: 'Wettbewerb' und aufgelegt. Ich habe einfach nur angefangen zu schreien", beschreibt Qurbani den Moment, als er von seinem bislang größten Erfolg erfuhr.

"Das war eine riesige Erlösung, weil man das Gefühl hatte, jetzt kriegt der Film endlich eine Plattform, einen Starttermin, weil wir jetzt seit acht Jahren an dem Ding arbeiten. Natürlich brauchen wir für diesen dreistündigen Film mit dem schwierigen Thema auch eine Bühne, auf denen wir ihn gut präsentieren können. Ich glaube, dass da die Berlinale einfach perfekt ist", sagt der 39-jährige Regisseur.

"Am Ende zählt, was man sich am Anfang ausgedacht hat"

Döblins Roman ist ein Meisterwerk und ein Klassiker, Literatur und Zeitgeschichte zugleich. Rainer Werner Fassbinders Verfilmung als Serie von 1980 ist ein Meilenstein des Fernsehens. Von all dem musste sich Qurbani zunächst aber lösen. Und nicht nur dadurch, dass sein Franz, der am Anfang Francis heißt und ein Flüchtling aus Westafrika ist, im heutigen Berlin seinen Leidensweg nimmt.

"Man muss das ganze 'Baggage' (Gepäck, d. Red.) was der Film hat, ausblenden. Man muss sich irgendwo in der eigenen Arbeit freischaufeln und seiner eigenen Arbeit, seiner Idee von dem, was man machen will, treu bleiben. Natürlich kommt Fassbinder immer wieder auf, natürlich wird er immer wieder erwähnt und gespiegelt. Am Ende zählt vor allem das, was man sich selbst ausgedacht hat, als man angefangen hat, daran zu arbeiten", sagt Qurbani.

Modernere, aber nicht unbedingt andere Probleme

Eine Neufassung also, die allerdings nicht ihre Wurzeln verleugnet. In der Döblins Worte und Gedanken genauso deutlich sind, wie das heutige Berlin mit moderneren, aber nicht unbedingt anderen Problemen. "Ich glaube, dass wir gerade wieder einen Umbruch erleben und dass die Figur, die wir erzählen, ähnlich wie die Hauptfigur im Roman eben auch in der deutschen Gesellschaft wohnt. Aber sie ist an den Rand der Gesellschaft gespült und versucht, sich irgendwie in die Mitte zu arbeiten. Da findet man schon viele Parallelen", sagt der Regisseur.

Und genau das ist für ihn, sagt er, der nicht nur universelle Bezug seines Films, sondern auch der aktuelle. So eindringlich und menschlich wie Döblins Vorlage, so heutig und abgründig, wie das Berlin, das Burhan Qurbani zeigt. "Ich hoffe, dass man, wenn man aus dem Film rauskommt und man fast drei Stunden mit einem 'Refugee' (Geflüchteter, d. Red.) aus Afrika zusammen Zeit verbringen und ihn erforschen durfte - dass man auf die Straße tritt und anders auf diese Community schaut."

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