Archivbild von Alfred Bauer als Festivalleiter mit Gina Lollobrigida 1965 (Quelle: dpa/Konrad Giehr)
Audio: Inforadio | 30.01.2020 | Wolf Siebert | Bild: dpa/Konrad Giehr

Ein Silberner Bär weniger - Berlinale streicht Alfred-Bauer-Preis nach NS-Vorwürfen

Der Alfred-Bauer-Preis, also der Silberne Bär für einen Film, der neue Perspektiven aufweist, wird ausgesetzt. Grund: Der Namensgeber soll einem Zeitungsbericht zufolge ein hoher NS-Funktionär gewesen sein und bei der Entnazifizierung gelogen haben.

Bei der diesjährigen Berlinale wird es einen Bären weniger geben. Der Silberne Bär für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet - auch Alfred-Bauer-Preis genannt - werde 2020 ausgesetzt, sagte eine Berlinale-Sprecherin.

Die Wochenzeitung "Die Zeit" hatte am Mittwoch berichtet, Bauer sei ein "hochrangiger Funktionär der NS-Filmbürokratie" gewesen. In dem Artikel würden Quellen zitiert, "die die Rolle von Alfred Bauer, dem ersten Leiter der Internationalen Filmfestspiele Berlin, in der nationalsozialistischen Filmpolitik neu beleuchten", teilten die Internationalen Filmfestspiele mit. Mit "externer fachwissenschaftlicher Unterstützung" solle die Materie nun aufgearbeitet werden.

Bericht: Bauer war Referent der Reichsfilmintendanz

Dem Zeitungsbericht nach soll Bauer von 1942 bis Kriegsende Referent der Reichsfilmintendanz gewesen sein. Die von der Zeitung eingesehenen Akten sollen auch belegen, dass Alfred Bauer eine organisatorisch zentrale Position innegehabt hat. Er habe die personelle Seite der laufenden Spielfilmproduktion des "Dritten Reichs", also den Einsatz von Schauspielern, Regisseuren, Kameramännern und des sonstigen Filmpersonals, kontrolliert und überwacht.

Zudem soll er auch an der Entscheidung beteiligt gewesen sein, wer vom Kriegseinsatz freigestellt wurde und wer in die Rüstungsindustrie oder an die Front musste. Bisher war nur öffentlich bekannt, dass Bauer - wie die meisten Filmschaffenden in dieser Zeit - eine "Tätigkeit in der Reichsfilmkammer" ausgeübt habe.

Festival will Geschichte weiter aufarbeiten

Die Zeitung berichtet weiter, dass Bauer in seinem Entnazifizierungsverfahren nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich verschleiert und gelogen habe - sowohl was seine Zugehörigkeit zum Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund betrifft, als auch über seine Mitgliedschaften bei SA und NSDAP.

"Eine herausgehobene Position Alfred Bauers im Nationalsozialismus war dem Festival bislang nicht bekannt", teilte die Berlinale dazu mit. Man begrüße aber sowohl die Recherche als auch die Veröffentlichung und greife die neue Informationslage auf, "um die Festivalgeschichte mit externer fachwissenschaftlicher Unterstützung aufzuarbeiten".

Mariette Rissenbeek, Geschäftsführerin der Internationalen Filmfestspiele Berlin, sagte dem rbb: "Die Nachricht hat uns gestern wirklich sehr überrascht. In der Vorbereitung auf die Berlinale können wir uns im Moment nicht ausreichend Zeit nehmen, um uns umgehend ein umfassendes Bild von der Situation zu machen. Das holen wir sofort nach, um die entsprechenden Entscheidungen zu treffen."

Geplante Buchpublikation wird verschoben

Rainer Rother, der Leiter der Deutschen Kinemathek, zeigte sich überzeugt, dass die "Zeit"-Berichte korrekt sind. "Es ist tatsächlich so, dass die erfolgreiche Strategie von Alfred Bauer, seine Rolle im Nationalsozialismus klein zu reden, bis zum heutigen Tag intakt war", sagte Rother am Donnerstag dem rbb.

Die Veröffentlichung eines Buches über Alfred Bauer, verfasst von einem Mitarbeiter der Kinemathek, werde nun verschoben. "Wir müssen feststellen, dass die Interpretation der Quellen, die in diesem 'Zeit'-Artikel vorliegt, die schärfere und auch die richtigere ist. Da hätten wir uns gewünscht, dass wir diese Schärfe auch von Anfang schon an in die Publikation eingebracht hätten", so Rother. Die Deutsche Kinemathek lässt das Buch überarbeiten.  

Alfred Bauer hatte die Filmfestspiele in Berlin von 1951 bis 1976 geleitet. Der nach ihm benannte Preis wurde seit 1987 verliehen, zuletzt als einer von sieben Silbernen Bären im Wettbewerb. Im vergangenen Jahr ging der Bär an den deutschen Wettbewerbsbeitrag "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt.

Sendung: Abendschau, 29.01.2020, 19:30 Uhr

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3 Kommentare

  1. 3.

    Haben Sie einen Vorschlag? Ich habe kürzlich im Spiegel einen interessanten Beitrag über den Bauer-Verlag gelesen. Demnach wurde bis zuletzt das Kapitel Nazizeit vollkommen aus der Verlagshistorie ausgeklammert. Jetzt beschäftigt man sich damit. 1945-2020: eine lange Zeit.

  2. 2.

    Etwas scheinheilig - oder? Das Statement der Berlinale...... dass die exponierte Stellung des "BRAUNEN HERRN BAUER" nicht bekannt war? Die Erfahrung in der (un)"seligen" REICHSFILMINTENDANZ war doch wohl ein Kriterium fuer die Leitung der BERLINER FILFESTSPIELE ? Natuerlich hat er erfolgreich GELOGEN und VERSCHLEIERT um bei dem Entnazifizierungs-Verfahren "REIN und UNBELASTET" dazustehen- uebrigens nicht der einzige ALTE NAZI , der in der Aera Adenauer lukrative , gut honorierte Poestchen , in der Politik als MP, ueber Chefaerzten (um nur einige zu nennen) inne hatten. Wenn man wollte konnte ALLES RECHERCHIERT werden ( die ZEIT hat es ja auch geschafft, ABER MAN wollte zu dieser Zeit nicht! Wenn diese widerlichen "SCHWEINEREIEN" aufgedeckt werden, fuehlt man sich ploetzlich verantwortlich, (auch in der Industrie und Sonstwo). Gut , dass nach mehr als 70 -Jahren endlich Alles ans Tageslicht kommt , auch wenn viele der Profiteure der Nachkriegs-Zeit nicht mehr zur Verantwort

  3. 1.

    Frage:

    kann man diesen Preis nicht umbenennen nach jemand anderem??

    "Der Alfred-Bauer-Preis, also der Silberne Bär für einen Film, der neue Perspektiven aufweist, wird ausgesetzt. Grund: Der Namensgeber soll einem Zeitungsbericht zufolge ein hoher NS-Funktionär gewesen sein und bei der Entnazifizierung gelogen haben."

    Denn es geht ja nicht generell gegen den Silbernen Bären, sondern nur gegen diesen Namen. Da gibt es doch genug andere Personen die es wesentlich mehr wert wären. Wie wäre es zum Beispiel mit jemandem, der oder die sich wirklich fuer unser Land eingesetzt hat??

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