Berlin,1962, Strassenzene, Filmfestspiele (Quelle: imago-images)
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Rückblick | 70 Jahre Berlinale - Wo die Welt immer wieder über Grenzen geht

Nach der Berlinale ist vor der Berlinale: Fast 1.500 Filme haben seit 1951 um die Goldenen und Silbernen Bären konkurriert. Doch die Internationalen Filmfestspiele sind weit mehr als der Wettbewerb: Zeitdokument, Skandaltreiber und vor allem - viel Emotion. Von John Hennig   

70. Jubiläum konnte die Berlinale feiern, und sie hat sich auch im ersten Jahr unter neuer Führung ihren Ruf als politisches Festival bewahrt: Mit dem Goldenen Bären für "There is No Evil" und dem Großen Preis der Jury für "Never Rarely Sometimes Always" gingen die Auszeichnungen an einen Film über die Todesstrafe und ein stilles Abtreibungsdrama.

Seine politische Botschaft zieht sich durch die Geschichte des Festivals: Die Internationalen Filmfestspiele Berlin wurden ins Leben gerufen, um einerseits eine "kontinuierliche Dokumentation der Entwicklung der Filmkunst" und andererseits "Verständigung zwischen den Völkern" zu gewährleisten - ein Motto, das bis heute gilt.  

rbb|24 blickt zurück auf 70 Jahre Festivalgeschichte.

1. Die Direktoren: Vier Männer und eine Doppelspitze

Bevor 2020 mit Carlo Chatrian als künstlerischer Leiter und Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin erstmals eine Doppelspitze die Berlinale verantwortet, haben nur vier Männer die 70 Jahre Berlinale geleitet. Alfred Bauer (1951-1976), Wolf Donner (1977-1979), Moritz de Hadeln (1980-2001) und Dieter Kosslick (2002-2019).  

In diesem Jahr, ausgerechnet zum 70. Jubiläum, ist der erste Festivalleiter, der Publizist und Filmhistoriker Alfred Bauer, verstärkt in die Kritik geraten. Quellen legen nahe, dass Bauer ein hochrangiger Funktionär in der Filmbürokratie des Nationalsozialismus war und dies nach dessen Ende verschleierte. Deswegen wurde der seit 1987 vergebene Alfred-Bauer-Preis ausgesetzt.

2. Der Wettbewerb: Ami, come home!

Der Wettbewerb um die Goldenen (und Silbernen) Bären ist seit jeher der Kern der Berlinale. Anfangs darf keine Jury, sondern das Publikum einen Sieger bestimmen, von 1956 bis Mitte der 1960er Jahre war die Berlinale eine Art Länderwettkampf mit festen Quoten. So nahmen etwa Ägypten, Argentinien, Indien, Südkorea oder die nordeuropäischen Länder Dänemark, Finnland und Schweden jedes Jahr am Wettbewerb teil.

Die Schauspielerinnen Julia Roberts und Sally Field am Rande der Berlinale 1990 auf der Berliner Mauer (Quelle: Imago/
Stars auf der Berliner Mauer: Julia Roberts und Sally FieldBild: imago

Dominierten anfangs noch Deutschland, Frankreich und Italien den Wettbewerb, hat vor allem die Wende den Wettbewerb amerikanisiert - für Fotos vor der geöffneten Mauer kam Hollywood in Scharen nach Berlin. Mittlerweile liegen die Vereinigten Staaten mit 201 Wettbewerbs-Filmen vor Frankreich (188) und Deutschland (168). Dabei wurde die Filmauswahl in der Ära Kosslick wieder auffällig internationaler.

Einzig der taiwanesische Regisseur Ang Lee gewann zwei Goldene Bären, 1993 mit "Das Hochzeitsbankett" und 1996 mit "Sinn und Sinnlichkeit". Seither nahm Lee nicht mehr am Berlinale-Wettbewerb teil, gewann dafür drei Oscars ("Tiger and Dragon" 2001, "Brokeback Mountain" 2006 und "Life of Pi" 2011).

3. Die Skandale: "o.k." provoziert Berlinale-"k.o."

Die Berlinale war auch immer Zeitgeist. Nachdem in Cannes bereits 1968 die 68er Bewegung ihren Skandal provozierte und das Festival zum Abbruch brachte, erwischte es die Berlinale 1970. Der Film "o.k." von Michael Verhoeven erzählt in schmerzhaften Bildern die Vergewaltigung und Ermordung eines Mädchens durch eine Gruppe Soldaten. Wegen der offensichtlichen Anspielung auf einen Vorfall in Vietnam wollte der Vorsitzende der Internationalen Jury, der amerikanische Regisseur George Stevens, den Film streichen. Erhitzte Debatten folgten. Schließlich erklärte die brüskierte Jury ihren Rücktritt. Der Wettbewerb ging damit erstmals (und bis heute zum einzigen Mal) ohne Sieger zu Ende.

Auch in den folgenden Jahren gab es Auseinandersetzungen um einzelne Filme: 1976 wird der japanische Beitrag "Im Reich der Sinne" von Nagisa Oshima konfisziert ("öffentliche Vorführung eines pornografischen Films") und erhält nach Sichtung im Amtsgericht Tiergarten ein endgültiges Aufführverbot. 1979 verlässt der Ostblock wegen der Schilderungen des Vietnam-Kriegs in "Die durch die Hölle gehen" (The Deer Hunter) geschlossen das Festival. Und 1986 macht Jurypräsidentin Gina Lollobrigida bei der Preisvergabe öffentlich, dass sie mit dem Siegerfilm "Stammheim" nicht einverstanden ist.

Jakob der Lügner mit Armin Müller Stahl (Quelle: dpa/United Archives)
"Jakob der Lügner" mit Armin Müller-StahlBild: dpa/United Archives

4. Der Osten: Another brick in the wall

Überhaupt ist die Rolle (West-)Berlins als Grenz- und Frontstadt ein wichtiger Teil der Berlinale. Erst ab 1974 fanden auch Filme aus dem Ostblock ihren Weg in Programm und Wettbewerb. Zuvor gab es immer wieder verhinderte und abgelehnte Einladungen, nachdem die Filme zumindest in den Anfangsjahren immerhin auch dem Publikum Ost-Berlins zugänglich waren und 1963 eine TV-Brücke ins Leben gerufen wurde.

Bereits 1975 gewann erstmals ein Film aus dem Ostblock den Goldenen Bären: Mit Márta Mészáros ("Adoption") siegte zugleich erstmals eine Frau. Frank Beyers "Jakob der Lügner" war der erste DEFA-Film im Berlinale-Wettbewerb - und brachte dem Hauptdarsteller Vlastimil Brodsky einen Silbernen Bären ein. Zwei Jahre später gewann mit Larissa Schepitko ("Die Erhöhung") abermals eine Regisseurin aus dem Osten den Wettbewerb.

5. Die Kinos: Da kiez'te

Ein Jahrzehnt später war der Ostblock Geschichte. Und Hollywood fühlte sich vom wiedervereinigten Berlin förmlich angezogen. 1990 strömten die Stars in die Stadt, und schnurstracks in den Osten der Stadt, wo in den Kinos Cosmos (Wettbewerb), International (Forum) und Colosseum (Panorama, Kinder) die Filme gezeigt wurden.

Der erste Film, Alfred Hitchcocks "Rebecca", lief 1951 im Titania-Palast in Berlin-Steglitz. Die Zahl der Kinos und Spielstätten stieg über die Jahre stetig an, wofür auch das beliebte Prinzip "Berlinale goes Kiez" steht - um das Festival aus der Innenstadt heraus auch wirklich zu einem Berlin-weiten Ereignis zu machen.

6. Die Sektionen: Out of competition

Kern der Berlinale ist der Wettbewerb. Doch bereits früh entwickelte sich eine kritische Gegenöffentlichkeit. 1963 gründet sich der Verein "Freunde der Deutschen Kinemathek", der bereits ein Jahr später eine Woche der Kritik mit abgelehnten Filmen als Gegenveranstaltung abhält. Daraus entwickelte sich 1971 das Internationale Forum des Jungen Films, das lange Zeit vom Filmkritiker Ulrich Gregor geleitet wird.

Bereits 1965 wurde die Zahl der Wettbewerbsfilme reduziert und das Programm durch eine Informationsschau und eine der Filmmesse angegliederte Repräsentationsschau ergänzt.* 1985 wurde aus der Informationsschau das heutige Panorama. In der Zwischenzeit kam 1978 auf Bestreben des Kurzzeit-Festivalleiters Wolf Donner noch das Kinderfilmfestival (heute Generation) dazu.

In den letzten Jahren wurden es schließlich immer mehr Sektionen: Berlinale Classics, Spezial, Shorts und Series sowie die Perspektive Deutsches Kino, das mittlerweile wieder eingestellte kulinarische Kino oder in diesem Jahr erstmals Encounters.

Schauspieler Eddie Constantine (r) gratuliert am 04.07.1965 auf dem Filmball im Palais am Funkturm seiner italienischen Kollegin Gina Lollobrigida mit einem Kuss auf die Wange zum Geburtstag. (Quelle: dpa/Konrad Giehr)Küsschen für Gina Lollobrigida

7. Die Frauen: Alles über Eva

In den Anfangsjahren der Berlinale waren die Frauen noch oft auf ihr Äußeres reduziert: Jayne Mansfield machte das Filmfestival Anfang der 1960er Jahre gar zur "Busen-Berlinale".

Erst in den 1970er Jahren wurden die Frauen auch als Filmemacherinnen und Künstlerinnen ernster genommen, was sich etwa in den Goldenen Bären für Marta Meszaros ("Adoption", 1975) und Larissa Schepitko ("Aufstieg", 1977) ausdrückt.

Zum wirklichen Förderer von weiblichen Filmschaffenden schwingt sich schließlich Dieter Kosslick auf. In seiner Zeit als Berlinale-Direktor sind Regisseurinnen zunehmend stärker im Wettbewerb vertreten - sieben sind es in seinem finalen Jahr 2019, so viele wie noch nie in einem einzigen Jahrgang. Viermal ging seit 2000 der Goldene Bär an Regisseurinnen - doppelt so oft wie in den 50 Jahren zuvor.

Nun steht mit Mariette Rissenbeek erstmals eine Frau auch an der Spitze der Berlinale.

Beitrag von John Hennig

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