Berlinale-Filmkritik | "Nackte Tiere" - Der triste letzte Winter vor dem Abitur

Das raue Langfilmdebüt der Potsdamerin Melanie Waelde ist der zweite Film in der neuen Berlinale-Sektion "Encounters": "Nackte Tiere" erzählt von fünf Abiturienten in der Provinz. Kein perfekter Film, aber ein vielversprechender. Von Fabian Wallmeier

"Los, Katja, konzentrier dich doch mal! Wo ist die Lücke?" Melanie Waeldes Debütfilm "Nackte Tiere" beginnt beim Kampfsport-Training. Ganz nah ist die Handkamera bei der Protagonistin, während ihr Trainer sie anspornt. Im 6:5-Format eingezwängt sucht Katja (Marie Tragousti) den Ausweg aus dem Schwitzkasten. Sie findet die Lücke - zumindest im Sport. Im Leben dagegen ist sie weiter auf der Suche.

Nach dem großen Kunstkino-Auftakt mit "Malmkrog" ist die neue Berlinale-Sektion Encounters jetzt hart auf dem Boden der Tatsachen gelandet. "Nackte Tiere" zeigt eine Gruppe von fünf Abiturientinnen und Abiturienten, die einander Familie geworden sind. Es gibt viele Filme, in denen der letzte Sommer der Jugend beschworen wird, mit einer Mischung aus Aufbruchsgeist und verfrühter Nostalgie. Hier kann von beidem keine Rede sein. Stattdessen regiert die Tristesse - und es ist Winter. In einer trostlosen Kleinstadt irgendwo im brandenburgischen Landkreis Teltow-Fläming (also unweit von Potsdam, dem Wohnort der Regisseurin) verbringen die fünf Freunde die Wochen um den letzten Jahreswechsel vor dem Abitur. Was danach kommt, ist bei den meisten vollkommen unklar - sie haben erst einmal ganz andere Sorgen.

Harte Schale

Benni (Michelangelo Fortuzzi) lebt allein in einer kleinen schäbigen Wohnung, die der Lebensmittelpunkt der fünf geworden ist. Auch Katja lebt ohne Eltern. Warum, erfährt der Zuschauer nicht. Dass sie später zur Bundeswehr will, bestätigt sie einmal kurz. Mehr Information lässt sie nicht zu. Sie ist immer darauf bedacht, ihre harte Schale vor Angriffen zu schützen. So hart sie sich beim Kampfsport durchbeißt, ist sie auch außerhalb der Trainingshalle. Ihr Körper ist voller blauer Flecken, eine Handverletzung ist noch nicht verheilt - und vor körperlichen Auseinandersetzungen scheut sie nie zurück. Einmal fährt sie mit Sascha, der zusammen mit ihr eine Kindergruppe trainiert, aufs Feld heraus und prügelt sich mit ihm. Es bringt sie einander näher.

Benni ist der Gegenpol zu Sascha und Katja, er ist von vornherein verletzlicher, schutzloser. Aus niemals erklärten Gründen müssen die anderen auf ihn aufpassen, damit er sich nicht selbst schadet. Dass Waelde Leerstellen wie diese zulässt, gehört zu den Stärken des Films. Dennoch ist er nicht frei von klischeehafter Sozialelendsbehauptung. Vor allem der Kontrast zwischen der von ihrer Mutter verprügelten Laila und ihrem Noch-so-gerade-Freund Schöller aus sorglosem Haus ist schablonenhaft geraten. Doch insgesamt versteht Waelde es, eine echte Nähe zu ihren Protagonisten aufzubauen.

"Weiß man das nicht?"

Das liegt nicht zuletzt an den frischen, knappen Sätzen, die sie ihnen in den Mund legt, und der rohen, authentischen Art, mit denen die Schauspieler sie sprechen. "Du rennst vor Sachen weg, ich geh' halt gar nicht erst hin", sagt Benni einmal zu Katja, als er nicht zur Klausur erschienen ist. "Was ist jetzt besser", schiebt er hinterher - und bekommt keine Antwort. Das ist typisch für die Kommunikation der fünf untereinander: Bei aller Nähe, die zwischen ihnen spürbar ist, bleibt doch vieles unausgesprochen. Auf Fragen folgen dann Gegenfragen. "Bist du eigentlich schwul", will Katja von Benni wissen. "Und du", fragt der zurück, statt zu antworten. Sie antwortet mit einer weiteren Frage: "Weiß man das nicht?" Jedes weitere Wort wäre eins zu viel.

"Nackte Tiere" ist bei Weitem kein perfekter Film, aber in seine Rauheit sehenswert. Und er gibt einen Hinweis darauf, was die neue Berlinale-Reihe Encounters wohl auch leisten soll: Neben ästhetisch ausgereiften, sperrigen Filmen von etablierten Regisseuren wie Cristi Puiu ("Malmkrog") haben hier auch vielversprechende neue Stimmen ihren Platz, die noch nicht reif für den Wettbewerb sind, aber eine größere Plattform bekommen sollen. Man darf gespannt sein, wie sich die weiteren Filme der Sektion in dieses Schema einordnen - oder ob sie es noch einmal erweitern.

Sendung: Kulturradio, 20.02.2020, 14:12 Uhr

Korrektur vom 24.02.2020: In einer früheren Version des Artikels hieß es, der Film sei im 4:3-Format gedreht. Das stimmt nicht. Der Regisseurin zufolge ist das Format 6:5. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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