Die Gewinnerin des Silbernen Bären als beste Darstellerin Paula Beer am 29.02.2020 bei der 70. Berlinale. (Quelle: dpa/Juergen Biniasch)
Bild: dpa/Juergen Biniasch

Berlinale 2020 | Kommentar - Die Richtung stimmt

Der Berlinale-Wettbewerb war lange nicht mehr so stark wie in diesem Jahr. Auch die von neue Sektion Encounters konnte überzeugen. Also alles gut unter der neuen Leitung? Fast, denn es gibt auch eine empörende Jury-Entscheidung. Von Fabian Wallmeier

Im vergangenen Jahr musste die Berlinale-Jury bei der Bärenvergabe noch die Nuggets aus dem trüben Fluss sieben. Dieses Problem hatte sie an diesem Samstagabend nicht: Der erste von Carlo Chatrian verantwortete Wettbewerb war der stärkste seit vielen Jahren.

Unter den 18 Filmen waren erheblich mehr herausragende und deutlich weniger wirklich schlechte. Dass mit "Days" von Tsai Ming-Liang nun ausgerechnet mein persönlicher Favorit leer ausgegangen ist schade, aber zu verschmerzen - zumal mein zweiter Favorit Hong Sangsoo ("The Woman Who Ran") für die beste Regie ausgezeichnet wurde.

Festival-Jurys folgen ihren eigenen Regeln - da spielen nicht die Urteile der Kritiker eine Rolle, sondern Überlegungen und Begehrlichkeiten, die von außen nicht immer erkenntlich sind. Richtig viel falsch gemacht hat die siebenköpfige Jury unter Vorsitz von Jeremy Irons nicht - von einer Ausnahme abgesehen. Aber dazu später.

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Fragwürdige Entscheidungen

Man muss deshalb natürlich nicht alle Entscheidungen der Jury gutheißen - und das tue ich tatsächlich in einigen Fällen nicht: Der Darstellerpreis für Elio Germano war zu befürchten (im Gegensatz zur schönen Überraschung bei den Darstellerinnen: Paula Beer für Christian Petzolds "Undine"), macht das groteske Over-Acting in "Hidden Away" aber nicht besser.

Der als Ersatz für den Alfred-Bauer-Preis ins Leben gerufene Silberne Bär "70. Berlinale" für "Delete History", eine müde altväterliche Satire auf das digitale Leben, ist ebenfalls eine seltsame Entscheidung.

Auch hätte ich den Goldenen Bären nicht an "There Is No Evil" ("Sheytan vojud nadarad") vergeben. Allerdings war ich mit meiner eher kritischen Sicht auf den Film im rbb-Kritikerspiegel allein auf weiter Flur. Mit der Vergabe ist die Jury in jedem Fall der Tradition der Berlinale gerecht geworden, sich als das politischste der drei großen Filmfestivals zu präsentieren.

Regisseur Mohammad Rasoulof darf seit 2017 den Iran nicht mehr verlassen, auch nach Berlin durfte er nicht reisen. Bei der Preisverleihung hielt an seiner Stelle Produzent Kaveh Farnam eine engagierte und bewegende Rede. Die Berlinale hat damit, nach dem Goldenen Bären für Jafar Panahis deutlich stärkeren Film "Taxi" 2015, abermals ein Zeichen gegen die Unterdrückung im Iran gesetzt.

"DAU" hätte nichts gewinnen dürfen

Ein Skandal ist dagegen der Silberne Bär für eine herausragende künstlerische Leistung: Ausgezeichnet wurde der altgediente Fassbinder-Kameramann Jürgen Jürges für "DAU. Natasha" - und damit stellvertretend ein gigantomanisches Kunstprojekt, das höchst umstritten ist: Regisseur Ilya Khrzhanovskiy sieht sich Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt, im Film taucht zudem ein echter KGB-Agent auf, der einen KGB-Agenten spielt.

Dass DAU nun mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde - und sei es für die Kamera - ist höchst problematisch. In einer Lage, in der solche Vorwürfe im Raum stehen, einen Preis an den Film zu verleihen, ohne die Kontroverse auch nur zu erwähnen, zeugt schon von ausgesprochener Instinktlosigkeit. Da hilft auch nicht Irons' knappe Bemerkung, der Film habe die Jury gespalten.

Spannende Begegnungen in den Encounters

Die neue Sektion Encounters wird sich noch etablieren müssen. Der Auftakt war aber vielversprechend. Dass dort offenbar einige junge Regie-Talente versammelt sind, scheint schon die Vergabe des Debütilmpreises: Eine lobende Erwähnung gab es für "Nackte Tiere" von der Potsdamerin Melanie Waelde und den Hauptpreis für "Los conductos" von Camilo Restrepo - beides Encounters-Filme.

Auch ansonsten zeigte Encounters eine spannende Mischung - und viele sehenswerte bis herausragende Filme. Es gab schrullig-souveränen Spielereien von Altmeistern wie Alexander Kluge und Heinz Emigholz. Es gab vielversprechende Filme noch ganz junger Regisseurinnen und Regisseure - neben den beiden Prämierten vor allem die Österreicherin Sandra Wollner, die für die verstörende und visuell prägnante Science-Fiction-Meditation "The Trouble with Being Born" den Großen Preis der Encounters-Jury erhielt. Und es gab reife Werke etablierter Regisseure wie Cristi Puiu, der für seinen Encounters-Eröffnungsfilm "Malmkrog", ein ausgesprochen dichter und fordernder Debattenfilm, den Regie-Preis der Sektion erhielt, oder Josephine Deckers meisterhaften Schriftstellerinnenfilm "Shirley".

Der Gewinnerfilm "The Works and Days (of Tayoko Shiojiri in the Shiotani Basin)" dagegen hatte ein entscheidendes Problem: Wegen seiner acht Stunden Dauer dürften ihn, vor allem im Kreis der Wettbewerbskritiker*innen, leider die wenigsten gesehen. Auch ich habe es leider nicht geschafft - und hoffe nun sehr auf eine Kinoauswertung.

Forums-Regisseure jetzt bei den Encounters

Es mag nach einem Binnenproblem klingen, geht aber darüber hinaus: Um die mediale Sichtbarkeit zu steigern, sollte die Berlinale beim nächsten Mal die Encounters-Pressevorführungen so terminieren, dass sie nicht mit jenen des traditionellen Wettbewerbs kollidieren. Das muss sich auch anders regeln lassen.

Dem Forum fehlten in diesem Jahr einige etwas größere Namen. Heinz Emigholz und Josephine Decker etwa bekamen das Upgrade in die neue Sektion Encounters. Ob das Forumsprogramm durch den Abgang Richtung Encounters grundsätzlich leiden wird, dürfte sich aber erst im kommenden Jahr herausstellen: Dieses Mal fiel ein möglicher Mangel auch deshalb noch nicht so auf, weil die neue Sektionschefin Cristina Nord zum 50. Jubiläum des Forums das Programm seiner ersten Ausgabe 1971 noch einmal auflegte.

Zu wenig Stars

Der Satz "Der Film hätte in den Wettbewerb gehört" war dieses Mal auf dem Festival dann weniger im Forum zu hören als bei den Encounters. Josephine Deckers exzellente Romanverfilmung "Shirley" behält zwar den sehr eigenen, fluiden Inszenierungsstil von Deckers früheren Filmen bei, erzählt aber viel geradliniger. Zu sperrig für den Wettbewerb? Kein Stück. Auch "The Trouble with Being Born" hätte sich gut im Wettbewerb gemacht.

Einen entscheidenen Vorwurf werden sich Chatrian und Co-Leiterin Mariette Rissenbeek wohl anhören müssen: Es gab zu wenig große Stars am Potsdamer Platz, trotz der vielen Filme in der Sektion Berlinale Special, in die viele Filme gewandert sind, die in den Vorjahren unter dem von Chatrian nun abgeschafften Konstrukt "im Wettbewerb außer Konkurrenz" gelaufen wären.

Doch auch Star-Flüsterer Dieter Kosslick hatte Jahre zu verantworten, in denen die ganz großen Namen am roten Teppich fehlten. Das kann im kommenden Jahr schon wieder ganz anders aussehen. Und davon abgesehen kann man für dieses erste Berlinale-Jahr unter neuer Leitung sagen: Die Richtung stimmt.

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Beitrag von Fabian Wallmeier

5 Kommentare

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  1. 5.

    ein festival lebt von kritik! danke an den redakteuer für diesen mutigen kommentar!

  2. 4.

    Es ist schade, dass in Deutschland ein kulturelle Ereignis, auf das wir wegen der internationalen Ausstrahlung auch einfach mal stolz sein könnten und es genießen könnten, durch s.g. Kommentatoren oder Kritiker schlecht gemacht wird. Kann nicht einfach mal der Optimismus überwiegen?

  3. 3.

    Da steht Kommentar drüber ....ist keine Haltung des rbb sondern Einzelmeinung des Herrn W., die ich auch nicht teile... Sippenhaft ist weder im Kultur noch Sport angebracht ;)

  4. 2.

    "...hat nichts mit irgendwelchen Missbrauchsvorwürfen zu tun." Falsch. Man kann unmöglich ein Werk ehren, deren Macher sich was zu schulden haben kommen lassen. Für Jürgen Jürges ist das natürlich tragisch, aber es geht nicht anders. Gerade bei Missbrauch darf die Tat nicht durch Ehrungen relativiert werden.

  5. 1.

    Herr Wallmeier.
    Eine Auszeichnung für eine künstlerische Leistung hat nichts mit irgendwelchen Missbrauchsvorwürfen zu tun.
    Das sollten Sie schon voneinander trennen können.
    Eine solch unsachliche Bewertung hätte ich dem rbb24 an dieser Stelle nun wirklich nicht zugetraut.

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