Jenseits des Wettbewerbs - Berlinale Filmtipps: Von Erfurt bis Lagos

Ein Truck spricht Mut zu, ein Tanzensemble erkundet den Rausch der Masse, zwei Nigerianer träumen von Europa: Fabian Wallmeier empfiehlt drei Filme aus Forum und Panorama - und das beste Programm des Kurzfilm-Wettbewerbs.

One of These Days (Bastian Günther; Panorama)

Ein Autohaus in der texanischen Provinz verschenkt jedes Jahr in einem Wettbewerb einen Truck. Wer es nach der Auslosung ins große Finale geschafft hat, braucht enorme Beharrlichkeit: Alle Finalisten stehen um den Truck herum, eine Hand muss auf dem Truck bleiben, das Lokalfernsehen überträgt live. Wer zuletzt noch mit der Hand am Truck stehen bleibt, hat gewonnen. Stunden dauert das, dann Tage - die Bastian Günther auch in ihrer nervenzehrenden Langeweile zeigt. Vor allem aber ist ihm daran gelegen, das soziale Elend zu thematisieren, das den Wettbewerb bestimmt. Wer hier tagelang mit der Hand am Truck steht, verknüpft mit dem erhofften Gewinn existenzielle Wünsche.

Regisseur Bastian Günther hat einen tollen Cast zur Verfügung, der den teils zu holzschnittartigen Figuren echtes Leben einhaucht. Carrie Preston spielt wunderbar zerrissen die nur vordergründig sorglos-fröhliche PR-Agentin des Autohauses - und Joe Cole den liebenswerten, herzensguten Teilnehmer des Wettbewerbs, um den herum Günther den Film organisiert hat. Dieser Kyle braucht den Truck, denn er ist verschuldet, hat ein kaputtes Auto und hofft auf einen Ausweg aus dem Elend.Nach Tagen ohne nennenswerten Schlaf, immer mit der Hand am Truck, liegen bei den verbleibenden Teilnehmenden die Nerven blank - und der Film steuert auf eine Katastrophe zu, die hier nicht verraten werden soll.

Doch damit ist "One of These Days" nicht zu Ende, sondern er geht noch eine halbe Stunde weiter. Dem Film hätte eine stärkere Verdichtung im Schnitt gut getan, vor allem der an die Katastrophe angehängte Rückblick ist viel zu lang geraten. Aber er bietet auch die schönste Szene des ganzen Films, in der Günther sich kurz vom ansonsten vorherrschenden Hyperrealismus verabschiedet. Da fährt Kyle ein paar Tage vor dem Wettbewerb nachts zum Autohaus - und der Truck beginnt mit ihm zu reden. Mit der Stimme des großartigen LoFi-Folksängers Bill Callahan spricht er ihm Mut zu. Allein für diese absurde, herzerwärmende Traumszene lohnt es sich schon, ein Ticket für "One of These Days" zu kaufen.

Spielzeit: Freitag, 28.02. 9:00 Uhr Zoo Palast 1

Si c'était de l'amour (Patric Chiha; Panorama)

"Menge" ist ein Tanz-Stück der fanzösischen Choreographin Gisèle Vienne, das unter anderem an der Berliner Volksbühne zu sehen war. Dort hat Regisseur Patric Chiha sie und das Ensemble beim Proben, Analysieren und Weiterentwickeln beobachtet. Das Stück zeigt, teils abstrakt, teils konkreter, einen Abend in einem Club ab, zwischen Drama, Frust und Ekstase.

Zu dröhnendem House sieht man die Körper in schnellen, künstlich abgehackten Bewegungen sich annähern, abstoßen, in der Masse aufgehen und wieder daraus hervortreten. Das auf großer Leinwand zu sehen, mit jeder Muskelanspannung in Großaufnahme, verleiht der Inszenierung eine zusätzliche Wucht, die über das Überwältigungsdröhnen, das sie möglicherweise auf der Bühne dominiert hat, hinausgeht.

Chihas Film begnügt sich nicht mit der reinen Abbildung der Probenarbeit, sondern er denkt das Stück weiter: Die Beteiligten sprechen über ihre Figuren, analysieren deren Hintergrundgeschichten, die auf der Bühne gar nicht zu sehen, aber für das Entstehen des Moments essenziell sind. Berufliches mischt sich in den Gesprächen mit Privatem. Ein anregender Film über den Tanz und darüber hinaus.

Spielzeiten:
Mittwoch, 26.02. 20:30 Uhr Cubix 5
Sonntag, 01.03. 20:00 Uhr Cubix 5

This Is My Desire (Ariel Esiri und Chuko Esiri; Forum)

Die Brüder Ariel und Chuko Esiri zeigen in ihrem Langfilmdebüt zwei Menschen in der nigerianischen Hauptstadt Lagos, die zwei Dinge verbindet: Sie schlagen sich finanziell gerade sodurch - und wollen nach Europa auswandern. Nach ihren jeweiligen Sehnsuchtsorten der beiden sind dann auch die zwei Hauptteile des Films benannt: "Spanien und Italien".

Mofe (Jude Akuwudike) ist Elektriker in einer Druckerei, die dringend saniert werden müsste. Die erste Einstellung des Films zeigt einen Verteilerkasten, aus dem die Kabel heraushängen. Ständig fällt der Strom aus und Mofe muss es richten. Nach einem tödlichen Unglück in der Familie ist für ihn klarer denn je: Er will nach Spanien. Doch die benötigten Formalitäten werden immer teurer, alles verzögert sich.

Ähnlich ergeht es Rosa (Temi Ami-Williams), die sich um ihre schwangere Teenie-Schwester Grace kümmert. Sie will nach Italien - doch auch sie wird von den Gegebenheiten davon abgehalten. Auch der amerikanische Tourist, den sie bei ihrer Arbeit als Kellnerin kennenlernt und der sich eine Weile lang mit ihr vergnügt, entpuppt sich als Enttäuschung.

Ariel und Chuko Esiri inszenieren mit ruhiger Hand und genauer, beobachtender Kamera. Sie haben keinen Elendskitsch im Sinn, sondern eine präzise Erkundung zweier Individuen im Umständen, die gegen sie sind. Und sie haben zwei herausragende Hauptdarsteller. Vor allem aber erlauben sie sich, den zwei Hauptteilen noch einen Epilog anzuhängen, der ein bisschen Hoffnung schöpfen lässt.

Spielzeiten:
Freitag, 28.02. 18:30 Uhr Delphi Filmpalast
Sonntag, 01.03. 19:00 Uhr Cubix 9

Berlinale Shorts II (diverse Regisseur*innen)

Das Schöne an einem Kurzfilmprogramm: Gefällt einem der erste Film nicht, gefällt einem vielleicht der zweite. Oder der dritte. Noch besser aber: Man hat Glück und sieht fast nur herausragende Filme. Bei den "Berlinale Shorts II", dem mit Abstand spannendsten Teil-Programm des diesjährigen Kurzfilm-Wettbewerbs, ist das der Fall. Einzig der letzte Film, "Cause of Death", der aus historischen Aufnahmen und Spoken Word Poetry etwas verkünstelt und plakativ eine Anklage gegen die Unterdrückung der Frauen montiert, fällt etwas ab.

Davor aber: ausschließlich mehr als sehenswerte Beiträge. Omer Sterenberg zeigt in "Listening In" einen jungen Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes, der Gespräche eines Palästinensers abhört. Als er diesen Mann intim mit seinem Partner sprechen hört, gerät der junge Geheimdienstler in einen Konflikt: Soll er die Homosexualität des jungen Mannes gegen ihn verwenden? Sterenberg zeigt frontal seinen Hauptdarsteller Eitan Gimelman, der mit beherrschter Mimik das ganze innere Drama erkennen lässt.

In "How to Disappear" führen Leonhard Müllner, Robin Klengel und Michael Stumpf ein Computer-Kriegsspiel an seine Grenzen: Was, wenn man im Spiel desertiert, seine Waffen niederlegt? Das ist dort nicht vorgesehen - und führt den komplett in der Ästhetik des Spiels bleibenden Film zu höchst spannenden philosophischen Reflexionen.

Weitaus simpler angelegt, aber nicht weniger überzeugend ist Nicolaas "Inflorence": Acht Minuten lang sehen wir eine karg-graue Landschaft - und im Vordergrund eine Rose, die vom Wind durch das Bild getrieben wird- heftig durchgeschüttelt, aber standhaft. Dazu läuft der 1980er-Jahre-Hit "Don't Dream It's Over" - verlangsamt, geloopt und verzerrt entwickelt er ungeahnte Kräfte. Ganz am Ende dieser hypnotischen acht Minuten steht ein unerwarteter politischer Appell, der hier aber nicht verraten werden soll.

Als Bindeglied zu "Cause of Death" bieten die "Berlinale Shorts II" schließlich noch außer Konkurrenz einen knapp halbstündigen Film aus dem Archiv: Gabriele Stötzers "Veitstanz/Feixtanz" von 1988 zeigt Künstlerinnen und Künstler in Erfurt. Sie versuchen an verschiedenen Orten in und um Erfurt, sich mit der Wiederholung der immer gleichen Bewegung in Ekstase zu begeben. Manche tanzen, eine Schwangere reibt sich den Bauch, andere lassen ihre Geschlechtsteile schwingen. Musik läuft dazu nicht, nur eine herausfordernde Mischung aus Stimmengewirr, Rauschen und Störgeräuschen. Ekstase in Erfurt? Ja, bitte gern.

Spielzeiten:
Mittwoch, 26.02 17:00 Uhr Colosseum 1
Donnerstag, 27.02. 16:30 Uhr CinemaxX 3
Freitag, 28.02. 16:30 Uhr Zoo Palast 3

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