Mohammad Seddighimehr, Jila Shahi, Mahtab Servati, Baran Rasoulo und Kaveh Ahangar mit dem Goldenen Bären für Mohammad Rasoulof, für "There Is No Evil" bei der 70. Berlinale. (Quelle: Reuters/Fabrizio Bensch)
Video: rbb|24 | 29.02.2020 | Bild: Reuters/Fabrizio Bensch

Berlinale | Preisverleihung - Goldener Bär für iranischen Film über die Todesstrafe

Der Hauptpreis der Berlinale geht an den iranischen Episodenfilm "Sheytan vojud nadarad" von Mohammad Rasoulof. Der Regisseur selbst durfte nicht ausreisen. Den Preis nahm seine Tochter entgegen. Paula Beer erhielt den Silbernen Bären als beste Darstellerin.

Die Berlinale hat ihren glanzvollen Höhepunkt erreicht: Am Samstagabend wurden, moderiert von Schauspieler Samuel Finzi, im Berlinale-Palast der Goldene und die sieben Silbernen Bären verliehen. Hinzu kamen weitere Auszeichnungen aus anderen Berlinale-Bereichen.

Goldener Bär geht an einen Film aus dem Iran

Den Goldenen Bären für den besten Film vergab die Jury unter Vorsitz von Jeremy Irons an die iranische Koproduktion "There is No Evil" (Sheytan vojud nadarad) von Mohammad Rasoulof. In vier Variationen verhandelt der Film die Themen moralische Kraft und Todesstrafe und stellt die Frage, wie sich individuelle Freiheit angesichts eines despotischen Regimes und scheinbar unentrinnbarer Bedrohungen behaupten kann. Jurypräsident Jeremy Irons lobte den Film dafür, dass er "Fragen über unsere Verantwortung und Entscheidungen im Leben stellt".

Zuvor hatte "There is No Evil" bereits den Preis der Ökumenischen Jury erhalten, er konfrontiere das Publikum "mit der verstörenden Wirklichkeit des politischen und juristischen Systems im Iran". Seit 1992 ehrt diese Jury Filmschaffende, die menschliches Verhalten zum Ausdruck bringen oder für spirituelle Werte sensibilisieren.

Rasoulof allerdings konnte nicht an der Berlinale-Gala teilnehmen. Weil das Regime in Teheran oppositionelle Stimmen unterdrückt, darf er seine Heimat seit 2017 nicht mehr verlassen. Stellvertretend für ihn nahm seine Tochter den Goldenen Bären in Empfang.

Am Wettbewerb um die Bären hatten sich bei der 70. Berlinale insgesamt 18 Filme beteiligt - fünf weniger als im vergangenen Jahr. Alle Wettbewerbsfilme waren durch die rbb|24-Filmkritiker bewertet worden. Auch in dieser Wertung hatte der spätere Berlinale-Sieger "Sheytan vojud nadarad" am Ende ganz vorne gelegen.

Paula Beer, Schauspielerin (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Bären-Gewinnerin Paula Beer | Bild: dpa/Christoph Soeder

Silberner Bär für Paula Beer ...

Auch aus Sicht des deutschen Kinos haben sich die 70. Internationalen Filmfestspiele gelohnt - denn Paula Beer erhielt den Silbernen Bären als beste weibliche Darstellerin. Im deutschen Wettbewerbsbeitrag "Undine" von Christian Petzold glänzt sie an der Seite von Franz Rogowski. Sie spielt eine junge Frau, die sich von einem auf den anderen Moment in einen neuen Mann verliebt, obwohl ihre letzte Beziehung erst vor wenigen Minuten zu Ende ging.

Paula Beer zeigte sich über ihren Bären hocherfreut, dankte aber vor allem Petzold und ihrem männlichen Pendant: "Ich finde, man kann immer nur so gut sein wie sein Gegenüber. Franz Rogowski kann heute Abend nicht hier sein. Aber er ist der wunderbarste Spielmann, den man sich wünschen kann. Deswegen ist der Preis für Franz und für mich, weil, ein Liebespaar zu spielen, ist das Schönste und das Schwierigste zugleich."

... und den deutschen Kameramann Jürgen Jürges

Den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung erhält Jürgen Jürges für seine Kameraarbeit in der umstrittenen Produktion "DAU. Natasha" von Ilya Khrzhanovskiy und Jekaterina Oertel (Deutschland, Ukraine, Großbritannien, Russische Föderation 2020). Jürges, der in diesem Jahr 80 Jahre alt wird, gilt als einer der renommiertesten deutschen Kameraleute. Er hat unter anderem mit Rainer Werner Fassbinder und Wim Wenders gedreht.

Hier freuen sich die Bären-Gewinner

Beste Regie: Hong Sangsoo

Der Silberne Bär für die beste Regie geht an Hong Sangsoo für "Domangchin Yeoja" (Südkorea 2019). rbb|24-Kritiker Fabian Wallmeier hatte den Film um eine Frau, die sich mit drei Freundinnen trifft, als "federleichtes, doppelbödiges Meisterstück" bezeichnet – und die Höchstwertung von fünf Sternen verliehen.

Großer Preis der Jury an Eliza Hittman

Wie beim Siegerfilm aus dem Iran wurde auch mit der Verleihung des "Großen Preises der Jury" eine sehr politische Aussage getroffen. Dabei ging der Silberne Bär in dieser Kategorie ebenfalls an eine Frau: Die US-Amerikanerin Eliza Hittman wurde für ihren Film "Never Rarely Sometimes Always" (USA 2020) geehrt, in dem eine junge Frau mit einer ungewollten Schwangerschaft konfrontiert ist.

Bestes Drehbuch kommt aus Italien - der beste Schauspieler auch

Fabio und Damiano D'Innocenzo dürfen sich über den Silbernen Bären für das beste Drehbuch freuen. Bei "Favolacce" (Italien, Schweiz 2020) schrieben sie aber nicht nur das Buch, sondern führten auch Regie. Nur wenige Minuten nach der Überreichung des Drehbuch-Preises ging ein weiterer Silberner Bär nach Italien. Elio Germano wurde als bester männlicher Darsteller geehrt - für seine Rolle in "Volevo nascondermi" (Italien 2019) von Giorgio Diritti. Germano wird diese Berlinale sicherlich noch lange in Erinnerung behalten, denn er durfte sein schauspielerisches Talent gleich zweimal zeigen, so war er auch in "Favolacce" zu sehen.

Silberner Sonderbär für französische Regisseure

Der "Silberne Bär – 70. Berlinale" geht an die beiden Franzosen Benoît Delépine und Gustave Kervern, die Regisseure des Wettbewerbsbeitrags "Effacer l'historique" (Frankreich, Belgien 2019). Der Sonderpreis wurde nur dieses eine Mal verliehen und ersetzte den langjährigen Alfred-Bauer-Preis, der nach dem gleichnamigen früheren Berlinale-Direktor benannt war. Erst wenige Tage vor Beginn der Filmfestspiele waren neue Erkenntnisse über die NS-Verstrickungen Bauers (1911-1986) bekannt geworden. Sie wogen aus Sicht der Festivalleitung so schwer, dass kurzfristig ein neuer Preis eingeführt wurde.

Beobachtungen am Teppichzipfel

"Irradiés" gewinnt Dokumentarfilmpreis

Den Auftakt zur Gala hatte der Berlinale-Dokumentarfilmpreis gemacht. Der in diesem Jahr erstmals vom rbb gestiftete Preis geht an "Irradiés", eine kambodschanisch-französische Koproduktion. Darin zeigt der kambodschanische Regisseur Rithy Panh den Terror der Roten Khmer, unter dem er wie tausende Menschen auch selbst zu leiden hatte. Er und seine Produzentin Catherine Dussart teilen sich das Preisgeld in Höhe von 40.000 Euro.

Insgesamt waren für den Dokumentarfilmpreis 21 Filme nominiert, die aus allen Bereichen des Berlinale-Programms stammten. "Irradiés" ist der einzige von ihnen, der im Wettbewerb lief. rbb-Intendantin Patricia Schlesinger gratulierte Panh und Dussart zu ihrem "aufwühlenden Werk". Sie freue sich, dass der rbb mit dem Preisgeld Filmemacherinnen und Filmemacher unterstützen könne, "die mit ihrem Schaffen auch mit außergewöhnlichen filmischen Mitteln zum gesellschaftlichen Verständnis und Miteinander beitragen".

Außerdem wurde auf der 70. Berlinale auch ein Goldener Bär für den besten Kurzfilm verliehen. Er ging an Keisha Rae Witherspoon für den Film "T".

Viele Hürden bei den diesjährigen Festspielen

Die erste Berlinale unter der Leitung von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek stand nicht gerade unter dem günstigsten Stern: Am Potsdamer Platz, dem Herz des Festivals, wird gebaut, mit dem Cinestar schloss dort ein zentrale Spielort. Hinzu kamen die neuen Erkenntnisse über die Person Alfred Bauers. Die Aufarbeitung dieses historischen Berlinale-Kapitels dürfte die neuen Berlinale-Chefs noch eine Weile beschäftigen.

Niemand konnte auch ahnen, dass die Anschläge in Hanau am Vortag einen dunklen Schatten auf die Eröffnung am 20. Februar werfen würden. Mit einer Schweigeminute gedachten die Gala-Gäste der Opfer. Während des Festivals dann sorgte das neuartige Corona-Virus bei zehntausenden Gästen aus dem In- und Ausland immer wieder für Gesprächsstoff.   

Encounters - ein zweiter Wettbewerb auf der Berlinale

Das alles lenkte ein wenig davon ab, dass die diesjährige Berlinale ohnehin eine ganz besondere war: Nach 18 Jahren unter Dieter Kosslick war die künstlerische und wirtschaftliche Leitung im vergangenen Jahr in die Hände von Chatrian und Rissenbeek gelegt worden. Sie sollen frischen Wind ins Festival bringen.

Dass die neuen Chefs das Festival nach zwei Jahrzehnten Kosslick nicht komplett umkrempeln würden, war von vornherein klar - doch erste Veränderungen hat es gegeben. So wurde das Programm von 400 auf 340 Filme reduziert, die Unterkategorie "Außer Konkurrenz" gestrichen. Dafür hat die Doppelspitze einen zweiten Wettbewerb "Encounters" für ästhetisch und formal ungewöhnliche Filme ins Leben gerufen. Auch in diesem Bereich wurden am Samstagabend drei Preise vergeben: Bester Film, Beste Regie sowie der Spezialpreis der Jury.

Trotz der Vielzahl der verliehenen Preise gab es naturgemäß auch einige Enttäuschungen: So ging der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag, die Neuverfilmung des Alfred-Döbin-Romans "Berlin Alexanderplatz" unter der Regie des deutsch-afghanischen Regisseurs Burhan Qurbani komplett leer aus.

Die Berlinale zählt neben Cannes und Venedig zu den drei wichtigsten A-Filmfestivals und gilt als weltweit größtes Publikumsfestival.

Auch rbb|24-Kritiker sahen den iranischen Film vorne

7 Kommentare

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  1. 7.

    Zitat Kritikerin Barbara Wiegand:" Ein teenager, der sich entschließt, abzutreiben."
    Worum geht es da? Neu biologische Variante, bei der auch ein Mann schwanger wird? Oder ist das die neueste Gendervariante?

  2. 6.

    Hat der Film eigentlich einen Oscar bekommen? Die Berlinale ist scheinbar nur noch für politische Filme gut.

  3. 5.

    Wenn ich das so lese, frage ich mich, warum um die Berlinale so ein Bohei gemacht wird. Mal ehrlich, wieviele Zuschauer wird dieser iranische Episodenfilm in Deutschland haben? Gibt es überhaupt schon einen Verleih? Bei der Berlinale geht es ja hauptsächlich darum, politische Botschaften auszusenden. Und ein paar Dutzend Kritiker gucken sich irgendwelche abgehobenen Kunstfilme an. Was hat das mit der Realität zu tun?

  4. 4.

    Wie ist es eigentlich mit den "Lizenzen" bei den Filmen? Also, wohl klar, dass die Preisträger wohl schon Angebote von Fernsehsendern und so haben (bzw. erstmal auf Filmfestival-Tour sind). Aber bei den insgesamt 340 Filmen, kommen die dann irgendwann mal im TV, oder wäre da vielleicht Interesse es z.B. bei Firma mit Sitz in Berlin auf Server-nur-für-Filme hochzuladen?

  5. 3.

    Weil der RBB, wie viele anderen Medien, genau diesen Bereich der Berlinale stets verdrängen oder gar ignorieren. Sind doch halt nur Kinderfilme. Komisch nur, das am Ende doch so viele Erwachsene und junge Erwachsene so wie eben deren Kinder Jahr für Jahr wieder in der Generation einkehren und es für die beste Sektion halten. Ja und selbst die Rissenbeeck war (zu meinem Erstaunen) am Samstag kurz dort bei der Preisverleihung von kplus.

  6. 2.

    Die Preise werden offensichtlich an politischer Aussage vergeben!

  7. 1.

    Ist ja alles schön und gut. Glückwunsch allen Gewinnern.
    Aber wann nehmen die Verantwortlichen beim rbb endlich mal zur Kenntnis, dass Berlinale nicht nur „der Wettbewerb“ ist? Dass es seit Jahrzehnten die Sektion ‚Generation‘ gibt, in der wunderbare, beeindruckende und sehr gute Filme für Kinder und Jugendliche gezeigt werden. Und denen zu Recht der Gläserne Bär verliehen wird. Hier in der App wird nie darüber berichtet. Eigentlich eine Schande. Für Interessierte: https://www.berlinale.de/de/festival/preise-und-jurys/preise-generation.html

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