Coronavirus in Italien: Ein Mann auf der Piazza Castello in Turin trägt eine Maske, um sich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen (Quelle: dpa / Pacific Press / Alberto Gandolfo).
Audio: Inforadio | 27.02.20 | Andrea Handels | Bild: Pacific Press

Italiener auf der Berlinale - Corona - Stoff für einen Science-Fiction-Film

In Italien sind ganze Städte wegen einer möglichen Gefahr durch das Coronavirus abgeriegelt. Auf der Berlinale sind italienische Gäste in diesem Jahr so stark vertreten wie seit langem nicht. Wie blicken sie auf die Situation in ihrer Heimat? Von Andrea Handels

Er sei gesund, sagt ein Journalist leicht genervt. Er komme aus Como nahe Mailand, und es gehe ihm sehr gut. Das Thema Coronavirus stößt bei den meisten Italienern auf der Berlinale auf wenig Gegenliebe. Das liegt vor allem daran, dass sie die Reaktionen in ihrem Land und im Ausland offenkundig für übertrieben halten. Italien sei als das europäische Wuhan bezeichnet worden, sagte eine britische Journalistin bei der Pressekonferenz zum italienischen Wettbewerbsbeitrag "Favolacce". Ob die Crew keine Angst habe?

"Nein, absolut nicht. Das einzige, das unser Land in Wirklichkeit ansteckt, ist die Angst selbst. Und wir Filmemacher könnten ein Gegenpol zu dieser Angst sein", antwortete ihr der Schauspieler Elio Germano.

"Die Reaktion war absolut übertrieben"

Bei der Berlinale sind in diesem Jahr so viele italienische Festivalbeiträge vertreten, wie seit langem nicht. Kein Wunder also, dass noch mehr italienische Filmschaffende und Journalisten nach Berlin gereist sind als sonst. Gherardo Ugolini ist Journalist und Professor an der Uni in Verona in Norditalien. Als er letzten Mittwoch nach Berlin aufbrach, war dort noch alles ruhig. "Ich habe Kontakte mit Verwandten, Freunden, Kollegen aus Italien und die Situation ist dramatisch geworden. Aber dass die Schule, Theater, Museen, alle öffentlichen Orte geschlossen werden? Das finde ich ein bisschen übertrieben", sagt Ugolini.

Die meisten italienischen Berlinale-Teilnehmer sprechen von einer Überreaktion besonders der regionalen Behörden, von Massenhysterie. Sie kritisieren die panikmachende Berichterstattung: "Das wurde von Anfang an übertrieben dargestellt. Man hat viel zu hysterisch über das Coronavirus geredet, und als es dann aufgetreten ist, war die Reaktion absolut übertrieben. Aber unsere Politik hat auch große Fehler gemacht", sagt eine Journalistin.

"Hoffen wir, dass der Film wenigstens einen guten Drehbuchautor hat"

Der Direktor des Filmfestivals in Turin zeigt sich entsetzt darüber, dass die ganze Region lahmgelegt wurde. "Man kann kein normales Leben führen. Viele arbeiten zu Hause, viele können nicht reisen. Leider sind die Kinos geschlossen. Das geht mir sehr zu Herzen. Und das alles wegen einer Übertreibung", sagt er.

Die Nachrichten und Bilder aus Ihrer Heimat erinnern manche an Science-Fiction-Szenarien, die Sie schon im Kino gesehen haben, erzählen sie. Auf jeden Fall Stoff für einen neuen Film? "Leider ja. Aber hoffen wir, dass er wenigstens einen guten Drehbuchautor und einen guten Regisseur haben wird, damit es ein guter Film wird", sagt ein italienischer Berlinale-Gast mit einem Lächeln.

Die Berlinale läuft noch bis Sonntag. Dann geht es für die meisten wieder in die Heimat, mit gemischten Gefühlen. "Ich muss unbedingt am Montag zurück nach Italien fliegen. Angst vor Corona habe ich überhaupt nicht. Ich habe Angst, keine Lebensmittel im Supermarkt zu finden. Das wäre ein Problem für mich", sagt der Professor Gherardo Ugolini.

Beitrag von Andrea Handels

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