Eine Frau am Roten Teppich schaut auf Ihre Hand. (Quelle: rbb/Marcus Heep)
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Filmkritiker im Gespräch - Das sind unsere Bären-Favoriten bei der Berlinale 2020

Alle 18 Wettbewerbsfilme der Berlinale sind gelaufen, jetzt entscheidet die Jury. Unsere Kritiker Fabian Wallmeier und Anna Wollner diskutieren darüber, welche Favoriten sie auf dem Zettel haben - und welche Filme sie einfach grauenhaft finden.  

rbb|24: Anna und Fabian, ihr wart die letzten Tage rund um die Uhr im Kino. Welcher der 18 Wettbewerbsfilme hat euch denn am besten gefallen?

Anna Wollner: Ich müsste jetzt wirklich die Münze werfen. Ich kann mich immer noch nicht entscheiden zwischen "Never Rarely Sometimes Always" und "Berlin Alexanderplatz", bin aber auch sehr mitgenommen von dem iranischen Beitrag "There Is No Evil".

Fabian Wallmeier: Meine absoluten Favoriten sind die beiden asiatischen Beiträge: Zum einen "Days", seit sieben Jahren der erste Film von Tsai Ming-Liang, ein Meisterstück der Reduktion und vielleicht sogar Tsais bislang zärtlichster Film. Der andere ist "The Woman Who Ran" von Hong Sangsoo. Oberflächlich wirkt er relativ harmlos und lustig, aber darunter liegt so viel an passiv-aggressiver Kommunikation, dass mich das wirklich begeistert hat.

Haben diese Filme auch Chancen auf den Goldenen Bären?

Fabian Wallmeier: Ich denke, dass der Goldene Bär wahrscheinlich in die USA gehen wird, möglicherweise tatsächlich an "Never Rarely Sometimes Always". Ein wirklich guter Film, der alles mitbringt, was ein Bärengewinner braucht: toll gespielt, sehr sicher inszeniert und mit einer Hauptdarstellerin, mit der man mitgeht, mitleidet.

Anna Wollner: Jury-Präsident Jeremy Irons ist ja im Vorfeld der Berlinale in die Kritik geraten durch seine Kommentare gegen Abtreibung. In diesem Zusammenhang wäre es natürlich ein absolutes Reinwaschen, wenn "Never Rarely Sometimes Always" ausgezeichnet würde. Nimmt man die Berlinale als das politischste der drei großen A-Festivals, hätte der iranische Beitrag "There Is No Evil" große Bären Chancen. Denn man lernt sehr viel über die iranische Gesellschaft. Und dann habe ich noch "First Cow" von Kelly Reichardt auf der Liste, einen entschleunigten Western.

Berlinale-Kritiker Fabian Wallmeier (links) und Anna Wollner (rechts) (Bild: rbb)
Fabian Wallmeier und Anna Wollner | Bild: rbb

Wer hätte denn einen Silbernen Bären für die Darstellung verdient?

Anna Wollner: Für mich gibt Sidney Flanagan in "Never Rarely Sometimes Always" die beste schauspielerische Leistung des Festivals ab. Es ist ihre erste Filmrolle überhaupt und sie hat es dennoch hingekriegt, die ganze emotionale Bandbreite der Figur zu spielen.

Fabian Wallmeier: Finde ich auch. Ansonsten würden mir eher Ensembles einfallen. Zum einen das weibliche Ensemble von "The Woman Who Ran", der eigentlich nur Geschichten von Frauen erzählt. Und gleiches gilt für die Schauspielerinnen in "All The Dead Ones" über die Situation nach dem Ende der Sklaverei in Brasilien. Mein Wunschkandidat für den männlichen Darstellerpreis ist Lee Kang-Sheng aus "Days".  Er spielt auf sehr minimalistische Weise einen Mann, der von körperlicher Versehrtheit geprägt ist. Aber ich fürchte, dass der Silberne Bär an Elio Germano geht. Das würde mich sehr ärgern, weil ich seine Darstellung ganz schrecklich fand. Er spielt gleich in zwei Wettbewerbsfilmen mit, in "Hidden Away" und in "Bad Tales", und macht in beiden irgendwie immer dieselben überzogenen Gesten. Aber ich fürchte, dass das bei der Jury ankommt.

Anna Wollner: Mein Wunsch ist Albrecht Schuch, der in "Berlin Alexanderplatz" den Reinhold spielt, einen Drogendealer und Heilsbringer. Er verkörpert ihn auf so eine körperliche dämonische Weise, dass ich Angst vor Schuch hätte, wenn ich ihm jetzt auf der Straße begegnen würde.

Im Ranking der rbb-Filmkritiker liegt DAU.Natasha weit abgeschlagen auf dem letzten Platz.

Fabian Wallmeier: Ich denke, dass dieser Film in gar keinem Fall einen Bären bekommen sollte. Allein schon wegen der nach wie vor im Raum stehenden Missbrauchsvorwürfe gegen den Regisseur und sein größenwahnsinniges Kunstprojekt, aus dem dieser Film und noch weitere Filme entstanden sind.

Anna Wollner: Ich wette mit dir, der wird was bekommen, weil in der internationalen Presse dieser ganze Skandal überhaupt nicht aufgegriffen und thematisiert wurde. Es ist meine große Befürchtung, dass DAU.Natasha am Ende der große Gewinner des Abends sein wird. Hoffen wir es nicht.

Aber ich würde gern noch eine Bärenkategorie in diesem Jahr dazu nehmen. Und zwar für die beste Tierdarstellung. Und die geht natürlich an die Katze in "The Woman Who Ran".

Fabian Wallmeier: Vollkommen einverstanden!

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit Anna Wollner und Fabian Wallmeier führte Ula Brunner.

Sendung: Inforadio, 29.02.2020, 10 Uhr

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