Encounters-Eröffnungsfilm "Malmkrog" - Die Nacht der philosophierenden Toten

Die neue Berlinale-Reihe Encounters eröffnet mit "Malmkrog": In Cristi Puius präzisem Tableau wird knapp dreieinhalb Stunden lang philosophiert. Ein harter Brocken - und ein großes Versprechen. Von Fabian Wallmeier

Das künstlerische Ausrufezeichen, das der harmlose Berlinale-Eröffnungsfilm "My Salinger Year" vermissen ließ, hat der neue künstlerische Leiter Carlo Chatrian nun nachgeliefert. Denn der Film, der die neue Sektion Encounters eröffnet, ist eine echte Ansage: "Malmkrog" dauert fast dreieinhalb Stunden, in denen ohne größere Pausen hochkomplexe philosophische Fragen diskutiert werden.

Encounters, im Gegensatz zu Panorama und Forum ein zusätzlicher Wettbewerb der Berlinale, soll "ästhetisch und strukturell wagemutigen Arbeiten von unabhängigen, innovativen Filmschaffenden eine Plattform bieten". Das trifft auf "Malmkrog" ohne Abstriche zu – auch wenn Regisseur Cristi Puiu alles andere als eine neue Stimme des Weltkinos ist. Er steht für die rumänische neue Welle mindestens genau so wie Corneliu Porumboiu oder der in diesem Jahr mit zwei Filmen im Forum vertretene Radu Jude.

 

Man debattiert und debattiert

"Malmkrog" zeigt in sechs Teilen, die jeweils einer Person zugeordnet sind, einen Tagesablauf in der Villa des Gutsbesitzers Nikolai mit seinen Gästen, einige Tage vor Weihnachten. Zu fünft steht man im Salon und debattiert, man isst zu Mittag und debattiert, man wartet auf das Abendessen und debattiert, man trinkt Cognac am Klavier und debattiert.

Während die drei Frauen und zwei Männer diskutieren, sorgt eine Schar von Bediensteten für den reibungslosen Ablauf. Ständig kommt jemand mit einem Tablett herein, wird im Hintergrund ein Tisch gedeckt und wird dezent ein Notfall behandelt: Ein Oberst, möglicherweise der Schwiegervater der Diskutantin Olga, liegt schwer krank im Bett, wird gebadet und versorgt. Ein Arzt wird gerufen - doch ohne je den Diskussionsfluss zu stören.

Der Film ist nicht klar verortet, doch er dürfte in Russland um 1900 angesiedelt sein. Das Europa, dessen solidarische Einheit Gast Edouard einmal in einem langen Exkurs beschwört, ist hier ganz anders als von ihm intendiert, in sprachlichen Hierarchien organisiert: Man spricht Französisch miteinander, die Sprache des höfischen Diskurses. Aber im Zwiegespräch ist auch Russisch zu hören, mit den Bediensteten spricht man Deutsch – und die untereinander Ungarisch.

Europa und der Antichrist

Immer wieder sind Geräusche zu hören, die aber von den Protagonisten weitgehend ignoriert werden. Jemand übt Tonleitern, irgendwo rumpelt es. Und immer wieder brechen unerwartete Schicksalsschläge über die fünf herein. Mal fällt eine Figur in Ohnmacht, mal werden plötzlich Körper von Kugeln durchsiebt. Doch im nächsten Teil sind dann wieder alle gesund und lebendig. So debattieren sie weiter, bis es längst dunkel geworden ist – die Nacht der philosophierenden Toten ist angebrochen.

Es geht in den langen Debatten um moralische Fragen nach Staatsräson und Krieg, nach dem Glauben und dem Antichristen, um das Konzept Europa und die Vorherrschaft der Europäer in der Welt. Was im Detail geredet wird, lässt sich kaum wiedergeben, so schnell geht es hin und her, so komplex sind die philosophischen, theologischen und staatstheoretischen Argumentationslinien.

Die Details sind aber auch gar nicht das Entscheidende. Wichtig ist, wie die Debatten langsam aber sicher eskalieren – und wie subtil Puiu all die Strömungen und Unterströmungen inszeniert, ohne je zu eindeutig zu werden. Anfangs übt man sich noch in perfekter Contenance, herrscht die Freude am Diskutieren vor, ohne dass jemand eine persönliche Angegriffenheit verspüren ließe. Eine geschlagene Stunde dauert der erste Teil, in der die fünf im Salon stehen und debattieren oder minutenlang ein Brief aus dem Krieg verlesen wird. Die langsame, um 360 Grad schwenkbare Kamera fängt dabei Tableaus ein, die an die Psychogramm-Anordnungen aus Ingmar Bergmans Filmen erinnern.

Die Contenance bröckelt

Der zweite Teil öffnet dann den Blick auf die bisher Unsichtbaren: Im Mittelpunkt steht nun der leitende Angestellte István, der das reibungslose Funktionieren des Hintergrundrauschens organisiert. Wenn da der Tee aus dem Samowar nicht perfekt schmeckt, gibt es geflüsterte Zurechtweisungen und Ohrfeigen für die Untergebenen.

In den weiteren vier Teilen, die von kontinuierlich abnehmender Dauer sind, werden (nach den schnell überwundenen, unerklärten Störmomenten Ohnmacht und Schießerei) weitere Brüche sichtbar. Die Debatten werden passiv-aggressiver und giftiger, die Contenance bröckelt - vor allem die gläubige Christin Olga wird nun offen angegriffen und verhöhnt.

Ein eindeutiges Ende verweigert Puiu dem Zuschauer. Als beim Gespräch am Klavier irgendwann die letzte Schwarzblende kommt, hätte der Film auch gut und gern noch zwei Stunden weiter gehen können. Die fünf hätten sich weiter gestritten, vielleicht wären sie sogar handgreiflich geworden. Doch beim Frühstück am nächsten Morgen hätten sie weiter diskutiert.

"Malmkrog" setzt Maßstäbe für die neue Sektion. Wenn alle Encounters-Filme ein ähnlich hohes Niveau haben wie dieser, sollte man möglichst keinen von ihnen verpassen.

Sendung:

Beitrag von Fabian Wallmeier

2 Kommentare

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  1. 2.

    Vielen Dank, Herr Goldammer, dass Sie das richtig gestellt haben. Ich habe mehrere Artikel gelesen und leider behaupteten fast alle, die Handlung würde in Russland stattfinden. Keiner stellte sich die Frage, in welchem Teil der Erde Sprachen wie Französisch, Deutsch und Ungarisch zusammen treffen könnten. Wie man auf Russland kommt, weiß ich nicht, aber recherchiert dürften die meisten Redaktionen nicht getan haben, sondern vermutlich nur voneinander abgeschrieben haben.
    Viele Grüße,
    Suzana Leu

  2. 1.

    Lieber Herr Wallmeier,

    freut mich, dass Ihnen der Film gefällt und Sie sich so lobend über ihn äußern. Er ist allerdings sehr wohl "verortet", und das nicht irgendwo in Russland. Er trägt seinen Ort im Titel: Malmkrog (rum. Malancrav, ung. Almakerek) ist ein Dorf in Rumänien, Kreis Sibiu, zur Zeit des Films Teil Ungarns. Ich hoffe, dass der Film nicht wie üblich schlecht synchronisiert in die Kinos kommt, sondern untertitelt, sollte er hier überhaupt einen Verleih finden. (Ich denke an Filme wie "Aferim!" von Radu Jude, der vor einigen Jahren den Regiepreis der Berlinale bekommen hat, aber meines Wissens danach nicht in Deutschland zu sehen war, oder "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" von Cristian Mungiu, Goldene Palme in Cannes, hier eine regelrecht bösartige Synchronisation.)

    Viele Grüße

    Dietmar Goldammer

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