20.02.2020, Berlin: 70. Berlinale, Eröffnungsgala: Moderator Samuel Finzi moderiert bei der feierlichen Eröffnung der Internationalen Filmfestspiele. (Quelle: dpa/Michael Kappeler)
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Berlinale-Eröffnung | "My Salinger Year" - Ungewöhnliche Berlinale-Gala, gewöhnlicher Film

Die erste Berlinale unter neuer Leitung ist mit einer ungewöhnlich ernsten Gala eröffnet worden - und mit dem Scheitern ihres Moderators. Der Eröffnungsfilm dagegen ist so harmlos geraten, dass man ihn direkt wieder vergessen kann. Von Fabian Wallmeier

In ihrer bemühten Lockerheit stocksteif und doch streckenweise einigermaßen charmant –  so waren die Berlinale-Eröffnungen der vergangenen Jahre. Anke Engelke moderierte die Galas nicht gerade auf internationalem Niveau, aber immerhin konsequent dreisprachig. Das nahm nun der Moderator der ersten Ausgabe unter der Leitung von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek offenbar als Ansporn: In so ziemlich jeder Sprache der Welt hieß Samuel Finzi an diesem Donnerstagabend "meine Damen und Herren" willkommen.

Doch es dauerte nicht lange, bis man sich Anke Engelke zurückwünschte. Finzi machte müde Kalauer über die BER-Eröffnung (ja, wirklich) und Nazis mit erhobenem rechtem Arm und stolperte sich durch mäßig interessante Erinnerungen an Kino-Erfahrungen seiner Kindheit im bulgarischen Sofia. Die Reaktionen aus dem Publikum, die die Fernsehkamera einfing, bewegten sich dann auch zwischen freundlichem Lächeln und Unverständnis. Irgendwann forderte eine Frau aus dem Publikum mit einem lauten Zwischenruf die vorab angekündigte "Schweige-Minute für Hanau!" ein. Da hatte Finzi endgültig verloren.

Fun part? Eher nein!

Zur Ankündigung der Schweigeminute dann der Auftritt der neuen Doppelspitze: Rissenbeek sagte ein paar klare Worte, Chatrian lenkte im Anschluss auf das Programm über: per Videoeinspieler der einzelnen Sektionsleiter. Mit Witzeleien nach Art des Dieter Kosslick haben die beiden ganz sicher nichts am Hut.

Auch ansonsten geriet die Gala ungewöhnlich ernst – was vor allem den aktuellen Ereignissen geschuldet war. Der Anschlag in Hanau und die kürzlich ans Licht gekommene NS-Vergangenheit des Berlinale-Gründungsdirektors Alfred Bauer dominierten die Ansprache von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und die für seine Verhältnisse sehr engagierte Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller (SPD).

Ob nun der "fun part" der Arbeit beginne, war Chatrian von 3sat auf dem roten Teppich gefragt worden. Chatrian antwortete freundlich, aber bestimmt: Genauso wie um Spaß gehe es um Traurigkeit. Es tut wirklich gut, endlich einen künstlerischen Leiter zu erleben, der so kompromisslos auf Ernsthaftigkeit setzt.

Der rote Berlinale-Teppich, der die ganze Welt bedeutet ...

Nicht gerade außergewöhnlich: "My Salinger Year"

Der Eröffnungsfilm dagegen hätte auch zu einer Kosslick-Berlinale gepasst. "My Salinger Year" ist ein harmloser Wohlfühlfilm. Die junge Joanna (Margaret Qualley) kommt darin im Herbst 1995 nach New York, um sich als Lyrikerin zu etablieren. "Ich wollte außergewöhnlich sein", sagt sie gleich zu Beginn des Films aus dem Off. Erst einmal landet sie aber in einer Literaturagentur, die unter anderem J.D. Salinger vertritt, den notorisch öffentlichkeitsscheuen Schöpfer von "Der Fänger im Roggen". Ihre Hauptaufgabe besteht nun darin, sämtliche Briefe an Salinger zu lesen, mit vorgegebenen Stanzen zu beantworten und zu schreddern.

My Salinger Year - hier: Margaret Qualley; © micro_scopeJoanna kommt nach New York, um zu schreiben

Außergewöhnlich wie seine Hauptfigur es sein will, ist an dem Film nichts. Sehr erwartbar und lieblich inszeniert Regisseur Philippe Falardeau die Geschichte: Joanna beißt sich an ihrer brüsk-ironischen Chefin Margaret (Sigourney Weaver) zunächst die Zähne aus, kann am Ende aber doch ihr Herz erwärmen. Sie verliebt sich in einen egoistischen Möchtegern-Romancier (Douglas Booth), erkennt dann aber doch, dass sie besser ohne ihn fährt. Allenfalls die kurzen Schnipsel, in denen sich Joanna die Briefeschreiber beim Vorlesen ihrer Bittstellungen vorstellt, lassen ein bisschen Originalität durchschimmern.

J. D. Salinger dagegen ist im ganzen Film nur schemenhaft zu sehen und am Telefon zu hören. Am Ende ist Joanna gereift und zieht weiter - so bruch- und spannungslos, dass der Film gleich nach der Eröffnungsgala restlos vergessen werden kann.

Tut nicht weh

Ein künstlerisches Ausrufezeichen jedenfalls hat die neue Berlinale-Leitung mit "My Salinger Year" noch nicht gesetzt. Aber das war auch nicht unbedingt zu erwarten, denn ein Eröffnungsfilm muss in erster Linie andere Anforderungen erfüllen: ein paar Stars im Cast und ein bisschen, idealerweise gehobene, Kinounterhaltung, die niemandem weh tut und den Ehrengästen der Eröffnungsgala nicht allzu viel abverlangt.

Das jedenfalls gelingt "My Salinger Year". Er liefert milde Unterhaltung, eine einnehmende, liebliche Hauptfigur und einen Gala-Auftritt eines Hollywoods-Altstars. Auch das Thema hat Kultur-Event-Charakter: Literaturagenten, eine junge Dichterin, das ewige Phantom J.D. Salinger – viel mehr Hochkulturbehauptung geht nicht. Dass der Film aber im Kern eine sehr einfältige Heldinnengeschichte erzählt, mag für eine Berlinale-Eröffnung nicht allzu schwer wiegen.

Es zeigt sich in jedem Fall schon, wie klug es war, die Star-Vehikel-Wohlfühl-Filme aus dem Wettbewerb zu verbannen und das Quatsch-Konstrukt "außer Konkurrenz" gleich ganz abzuschaffen. Als Wettbewerbsfilm hätte "My Salinger Year" keine Existenzberechtigung – als Berlinale Special versendet er sich sanft. Und jetzt: Mögen der Wettbewerb und damit die wahren Filmfestspiele beginnen!

Sendung: Berlinale-Studio, 20.02.2020, 22:00 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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3 Kommentare

  1. 3.

    "... stolperte sich durch mäßig interessante Erinnerungen an Kino-Erfahrungen seiner Kindheit im bulgarischen Sofia ..."
    Komisch, ich fand gerade diese Passage interessant und bewegend, und sie führte zum Punkt. Kann es sein, dass Sie Bulgarien an sich mäßig interessant finden?

  2. 2.

    ....."eine sehr einfältige Heldinnengeschichte" ist grob und herabwürdigend.
    Ein Film muss nicht zwangsläufig "wehtun", um einem zu gefallen. Er darf manchmal auch einfach nur schön und etwas romantisch sein. Dafür hatte der Autor offenbar keinen Sinn.
    Der Film hat gerettet, was Finzi vorher stimmungsmässig "in den Sand setzte".

  3. 1.

    Gott sei Dank gibt es auch Menschen wie mich, die harmlose Wohlfühlfilme mögen. Mir hat er sehr gut gefallen!

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