Berlin, 28.02.20: Das Leitungsteam der 70. Berlinale, Mariette Rissenbeek (rechts) und Carlo Chatrian bei der Verleihung des Goldenen Ehrenbären an die Schauspielerin Helen Mirren für ihr Lebenswerk (Quelle: imago images / Dan Yuqi).
Video: Abendschau | 28.02.20 | Arndt Breitfeld | Bild: www.imago-images.de

Die neue Berlinale-Leitung - Stehempfang statt Partystimmung

Am Sonntag sind zehn Tage Filmfestspiele fast vorbei: Die 70. Berlinale war zugleich die erste Ausgabe nach Dieter Kosslick. Wie hat sich das neue Führungsteam Rissenbeek und Chatrian gemacht? Nadine Kreuzzahler und Anke Burmeister ziehen Bilanz.

Eins lässt sich schon vor dem Ende dieser 70. Berlinale sagen: Diese Filmfestspiele waren ruhiger, konzentrierter - aber ihnen fehlte der große Glanz. Kein Wunder bei den Voraussetzungen. Erst der Skandal um die Nazi-Vergangenheit des ersten Festivaldirektors Alfred Bauer, dann der Anschlag von Hanau, das Corona-Virus - und der Ort. Der Potsdamer Platz, seit Jahren das Herz des Festivals, ist dieses Jahr ganz trostlos. Das Cinestar ist dicht, die Arkaden sind eine einzige Baustelle. Und es hört nicht auf zu regnen.

All das hat ein bisschen auf die Stimmung gedrückt. Hat das auch mit der neuen Leitung zu tun? Können Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek diese Widrigkeiten nicht richtig auffangen?

Der Rote Teppich riecht nach Arbeit

Ein Beispiel: Roter Teppich für "Berlin Alexanderplatz". Die Kameras stehen bereit, die ersten Gäste kommen. Die Hauptdarsteller, Jella Haase, Welket Bungue, Albrecht Schuch, und ihr Regisseur Burhan Qurbani lassen sich fotografieren. Sie haben gute Laune, reden mit den wartenden Journalisten. Und die Gastgeber Rissenbeek und Chatrian?

Er ist gerade im grauen Mantel über den Roten Teppich gehuscht, die Hände immer in den Taschen, sie steht auf einmal neben ihm. Beide warten an der Tür. So kommt selbst auf dem Roten Teppich eher eine Arbeitsatmosphäre auf: Stehempfang statt Partystimmung.

"Ich vermisse Dieter"

Rissenbeek herzt und umarmt, Chatrian ist da zurückhaltender. Kein Mann mit rotem Schal und Hut, der Bussi Bussi mit den Promis macht, seinen Auftritt genießt und Autogramme schreibt – wie der Vorgänger Dieter Kosslick. Zu ihm kam regelmäßig ein Ehepaar an den Roten Teppich und schenkte ihm selbstgemachte Marmelade. Der Festivaldirektor wurde geliebt, auch von den Stars. 

Willem Dafoe zum Beispiel, er ist in diesem Jahr mit "Siberia" im Wettbewerb, sagt: "Ich vermisse Dieter. Ich lerne das neue Team auch gerade erst kennen. Aber Dieter war großartig. Er war lustig, aber auch ernsthaft bei der Sache, er hat hart gearbeitet, ich habe gute Erfahrungen mit ihm gemacht. Aber mal sehen, was jetzt kommt. Ich bin sowieso einfach glücklich, wenn ich auf der Berlinale sein kann."

Wanken, schwanken, strahlen - die Stars auf der Berlinale

Die Künstler sollen im Mittelpunkt stehen

Muss man sich also vielleicht einfach erst an die Neuen gewöhnen? Und sie sich auch an ihre neue Rolle? Vielleicht überlassen sie ganz bewusst den großen Auftritt lieber den Künstlern und Künstlerinnen. Diese sollen im Mittelpunkt stehen – nicht die Festivalchefs. Mariette Rissenbeek ist die alleinhaftende Gesellschafterin der Berlinale. Sie trägt die Verantwortung über das Budget von 25 Millionen Euro und wirkt trotzdem bescheiden, unkompliziert. Zum Übernachten fährt sie nach Hause, ein Weg von 20 Minuten. Das angebotene Hotelzimmer nah am Festivalort nutzt sie nicht. "Meine eigene Wohnung und mein eigenes Bett sind mir sehr lieb, da kann ich mich am besten erholen", sagt Rissenbeek.

Der Festivalbetrieb ist in diesem Jahr geprägt von vielen schwierigen Situationen. Die Eröffnungsgala steht im Schatten des Anschlags von Hanau, nur einen Tag zuvor. Die Festivalleitung entscheidet: Es soll eine Schweigeminute geben. Aber diese kommt erst spät im Verlauf der Veranstaltung. Chatrian und Rissenbeek wirken bei ihrem ersten Auftritt auf der Gala-Bühne unsicher. Sie scheinen sich fast aneinander zu klammern.

Ihr Team jedenfalls scheinen die Neuen überzeugt zu haben. Das ganze Jahr über sind 60 Leute mit der Vorbereitung der Berlinale beschäftigt. Adrienne Boros, die Verwaltungsdirektorin des Festivals, sagt: "Die haben sich sehr gut aufeinander abgestimmt und eingestimmt, das merkt man in der Truppe auch."

Sie ergänzen sich perfekt

Dass sie sich perfekt ergänzen, sagen sie auch selbst voneinander. "Ich schätze an Carlo sehr, dass er wahnsinnig nach vorne denkt und bei allen Themen sofort immer versucht, die positiven Aspekte davon zu sehen", sagt Rissenbeek. Mariette habe ihn aus allen Schwierigkeiten herausgehalten, mit denen sie zu kämpfen hatte. "Sie präsentiert mir dann immer die positiven Ergebnisse. Und das hilft mir sehr dabei, einen klaren Kopf zu bewahren", erklärt wiederum Chatrian.

Mariette Rissenbeek bei der Programm-Pressekonferenz der Berlinale
Mariette Rissenbeek bei der Programm-Pressekonferenz der Berlinale | Bild: imago images / Future Image

Filmversteher Chatrian geht in seiner Aufgabe auf

Als künstlerischer Leiter wählt er die Filme für den Wettbewerb aus, hat dazu einen zweiten ins Leben gerufen: Encounters, Begegnungen sollen das sein, mit neuen Stimmen des Kinos. Der gebürtige Turiner Chatrian war Filmkritiker und leitete acht Jahre lang das Festival von Locarno. Spricht man ihn an, reagiert er freundlich und wirkt sympathisch - trotz aller Hektik. Immer dabei: seine persönliche Assistentin. Sie deutet auf die Uhr. "Wie ich mich gerade fühle? Naja, ich freue mich riesig, ich bin hier mitten unter den Filmemachern und Festivalkuratoren, das ist eine große Gemeinschaft", sagt er. Dann muss er los.

Der Cineast Chatrian ist voll in seinem Element, das bestätigen auch die Filmemacher. Regisseur Christian Petzold, Stammgast der Berlinale und jetzt schon mit seinem fünften Werk im Wettbewerb, zeigt sich begeistert davon, wie gut Chatrian "Undine" verstanden habe. "Ich bekam einen Brief von Carlo Chatrian über den Film, nachdem er ihn gesichtet hat. Der war sehr, sehr schön. Ich dachte: Wenn die Kritiken so werden, dann habe ich es geschafft."

Es ist ehrlich gesagt der schlechteste Wettbewerb an den ich mich erinnern kann. Weil eben so viele Konventionelles dabei war, so viele Kompromissfilme wie noch nie in den Jahren zuvor."

Katja Nicodemus, Filmkritikerin

Braucht es die neue Encounters-Sektion?

Doch manche Kritiker haben vom diesjährigen Hauptprogramm keine sonderliche hohe Meinung. "Es ist ehrlich gesagt der schlechteste Wettbewerb, an den ich mich erinnern kann. Weil eben so viel Konventionelles dabei war, so viele Kompromissfilme wie nie in den Jahren zuvor", sagt "Die Zeit"-Filmkritikerin Katja Nicodemus. "In der Encounters-Sektion hingegen liefen interessante Entdeckungen. Im Grunde wäre es richtig gewesen, beides zu einem starken Wettbewerb zu versammeln."

70. Berlinale 2020, Plakat am Kino International, Bild: imago images/ Sattler
Der Bär ist weg: Die diesjährigen Berlinale-Plakate würden auch gut ins Hansaviertel passen. | Bild: imago images/ Sattler

Neue Sachlichkeit

An den Ticketschaltern geht es gefühlt entspannter zu. Die Schlangen: nicht aussichtslos lang. Immer mehr Filmfans kaufen ihre Tickets online, das bestätigt auch das Berlinale-Organisationsteam. Was negativ ins Gewicht fällt: Der Berlinale fehlt in diesem Jahr das Zentrum. Die Wege zwischen den Kinos sind länger, die Festspiele über die Stadt zersplittert.

Die Berlinale 2020 wirkt wie ein Festival der Zwischenzeit. Die Doppelspitze hat einen vorsichtigen Neuanfang gewagt, es war kein Paukenschlag, Aber Marianne Rissenbeek und Carlo Chatrian zeigen sich offen und selbstkritisch – was sie sympathisch macht. "Es gibt immer etwas, was man besser machen kann: Am Auswahlverfahren, wie die Filme präsentiert werden oder auf dem roten Teppich. Es ist ein Lernprozess und wir müssen unsere Position finden in dieser riesigen Maschine", sagt Chatrian.

Dieser Artikel ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Version der Inforadio-Version. Den Originalbeitrag können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header nachhören.  

Beitrag von Nadine Kreuzahler und Anke Burmeister

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Antwort auf [Robin] vom 28.02.2020 um 21:05
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1 Kommentar

  1. 1.

    Eine Berlinale ohne Kosslick wird eine sehr merkwürdige Berlinale, das war von anbeginn klar. Das die Berlinale ein Publikumsfestival ist, haben die beiden neuen Chefs offensichtlich nicht so ganz verstanden, denn mit dem Publikum zeigen sie sich nicht. Da war Kosslick einfach offener, herzlicher, lustiger und charismatischer.
    Ja und vom Wettbewerb habe ich auch wenig mitbekommen. Ein Film hat mich interessiert, aber die Karten waren in weniger als einer Sekunde online vergriffen. Apropos onlinetickets... Es ist schön das man sie als Populär deklariert. Ist ja auch bequemer als Stunden am Schalter zu stehen und leer aus zu gehen. Aber kann man mal das Geheimnis der Onlinekontingente etwas lüften?
    In diesem Jahr habe ich sogar erlebt, das ich in den Arkaden kein Ticket mehr bekam, wohingegen online ohne Probleme gekauft werden konnte. Und ausverkauft war die Vorstellung im Cinemaxx auch nicht. Da hatten locker 30 bis 40 Leute noch Platz.

    Tja und der Potsdamer Platz selbst, ein Trauerspiel. Dank an die Mall of Shame. Ich vermisse die lebendigen Zeiten in den Arkaden und hoffe auf einen guten Neustart.

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