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Video: Berlinale-Studio | 21.02.2020 | 22:00 Uhr

Berlinale-Kritik | "Schlingensief - in das Schweigen hineinschreien" - Mit einem Provokateur durch seine Biografie rasen

Zehn Jahre nach seinem Tod präsentiert die Berlinale das erste abendfüllende Porträt des Ausnahmekünstlers, eine rbb-Koproduktion. Regisseurin Bettina Böhler hat sich durch die Archive gewühlt und lässt vor allem Schlingensief selbst zu Wort kommen. Von Oliver Kranz

Dieses Porträt ist ein kleines Meisterwerk. Regisseurin und Editorin Bettina Böhler hat bereits existierende Filme von und über Christoph Schlingensief so montiert, dass der Eindruck entsteht, er würde selbst über sich berichten – von seiner Kindheit, seinen Filmen, Theaterinszenierungen und Kunstaktionen.

Wacklige Amateuraufnahmen stehen neben Nachrichtenbildern und professionellen Filmen, und obwohl das verwendete Material sehr verschieden ist, ergibt sich ein stimmiges Bild. Zwei Stunden lang rast man mit Schlingensief durch seine Biografie und bekommt einen Eindruck von seiner Rastlosigkeit und Energie.

Doppelbelichtung als Prinzip

Gleich am Anfang berichtet er von seinem filmischen Erweckungserlebnis: "Mein Vater hat eine Doppel-8-Kamera gehabt. Nach siebeneinhalb Metern musste man die Spulen im Dunkeln umlegen, und das hat mein Vater aus Versehen zweimal gemacht." Der Film wurde doppelt belichtet und zeigte zwei völlig verschiedene Szenen übereinander. Christoph Schlingensief war fasziniert: Was passiert, wenn sich Bilder aneinander reiben? Die Doppelbelichtung wurde in seinen späteren Filmen und Theaterinszenierungen zum stilistischen Prinzip. Er stellte Bilder gegeneinander und überblendete sie – bis zur absoluten Reizüberflutung.

Auch das, was er zeigte, war nicht ohne. In seiner Bayreuther "Parsifal"-Inszenierung war minutenlang ein verwesender Hase zu sehen. In seiner Wiedervereinigungssatire "Das deutsche Kettensägenmassaker" geht es um DDR-Bürger, die von einer westdeutschen Metzgerfamilie umgebracht und zu Wurst verarbeitet werden.

 

Heilung mit Gift

Schlingensief landete schnell in einer Schublade: "Der will doch nur provozieren." Dabei wollte er viel mehr: "Ich bin der Sohn eines Apothekers aus Oberhausen und mein Vater hat Leute mit Miniportionen von Gift geheilt. Durch das Gift kommen Prozesse in Gang, damit sich der Organismus selber reguliert ." Genau so wollte Schlingensief seine Arbeit verstanden wissen – als Provokation, die zur gesellschaftlichen Heilung beiträgt.

Bettina Böhlers Film zeigt, wie viel Christoph Schlingensief gearbeitet hat. Er war Filmemacher, Theaterregisseur und politischer Aktivist. 1998 gründete er die Partei "Chance 2000" und zog mit ihr in den Bundestagswahlkampf. In einer Talk Show rief er alle deutschen Arbeitslosen dazu auf, in den Urlaubsort des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl zu fahren und gemeinsam im Wolfgangsee zu baden: "Wenn sechs Millionen einsteigen, steigt der Wasserspiegel um zwei Meter, das heißt die Häuser werden teilweise berührt."

 

Ist das noch Kunst

Schlingensief wusste, wie man gesellschaftliche Debatten entfacht. Neben der Wiener Staatsoper ließ er einen Container mit der Aufschrift "Ausländer Raus!" aufstellen. Das Publikum konnte jeden Tag darüber abstimmen, welche Asylbewerber aus Österreich ausgewiesen werden sollten.

"Ist das noch Kunst?", fragten Journalisten und empörte Zuschauer. Und genau diese Irritation war gewollt. Bettina Böhlers Film zeigt die Proteste vor dem Container und auch die Tumulte, die bei ähnlich kontroversen Kunstaktionen entstanden: "Tötet Helmut Kohl!", rief Christoph Schlingensief in einer Theateraufführung. Vor dem Haus des FDP-Politikers Jürgen Möllemann inszenierte er eine Protestdemonstration, bei der eine israelische Flagge verbrannt wurde.

Öffentliche Angst

"Ich habe 47 Jahre viel gemacht. Ich habe viele Leute kennengelernt, Glücksgefühle gehabt", resümierte er in der Theateraufführung "Eine Kirche der Angst" am Ende seines Lebens. Er hatte Lungenkrebs und wusste, dass er bald sterben würde. Doch noch im Krankenhaus drehte er Handyvideos, die Teil einer späteren Inszenierung wurden. Dass er öffentlich über seine Todesangst berichtete, brachte ihm viel Sympathie ein. Nun setzt ihm Bettina Böhler mit ihrem Porträtfilm ein eindrucksvolles filmisches Denkmal.

Beitrag von Oliver Kranz

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