Carlo Chatrian, der neue künstlerische Leiter der Berlinale (Quelle: dpa/Crinari)
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70. Berlinale startet - Meerjungfrau, römische Vorstädte und nackte Tiere

Mit neuer Leitung erleben die Internationalen Filmfestspiele von Berlin in diesem Jahr einen Neuanfang - einen Neuanfang in dem viel Potenzial stecken sollte, eigentlich. rbb-Filmexperte Knut Elstermann erwartet eine Berlinale zwischen Aufbruch und Bewährtem.

Es wird eine Berlinale des Übergangs. Die neuen Chefs der Berliner Filmfestspiele, Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und der Künstlerische Leiter, Carlo Chatrian, waren klug genug, ihren Neustart nicht als revolutionären Kraftakt zu gestalten – wissend, dass im ersten Jahrgang nicht alles umgestürzt werden kann und soll.

Berlin sollte eigenes Forum für indigene Filme haben

Sie setzten klare Zeichen mit der Abschaffung des Kulinarischen Kinos und der NATIVe-Filmreihe. Dadurch laufen etwa 60 Filme weniger im Programm. Das Ende des Kulinarischen Kinos ist kaum zu bedauern. Bei NATIVe sieht es schon etwas anders aus. Diese Sektion war nämlich auch zu einem Begegnungsort für indigene Filmemacherinnen und Filmemacher aus aller Welt geworden, zur Möglichkeit des Austauschs, die nun übrigens auch von sorbischen Filmkünstlern sehr vermisst wird. Berlin sollte außerhalb der Berlinale ein solches Forum schaffen, als eigenes Festival zum indigenen Kino.

Gräbt Encounters anderen Sektionen das Wasser ab?

Auch der Wettbewerb ist übersichtlicher geworden durch den Verzicht auf Teilnehmer außerhalb der Konkurrenz – eine durchaus konsequente Entscheidung. Während aber auf der einen Seite abgebaut wird, gibt es auf der anderen Seite Zuwachs. In dem neuen Wettbewerb Encounters für ästhetisch und formal Innovatives laufen fünfzehn Filme. Darunter sind Werke von Altmeistern wie Alexander Kluge ("Orphea") und von Debütanten wie der Potsdamer Regisseurin Melanie Waelde ("Nackte Tiere"), deren Teilnahme an diesem Wettbewerb mich sehr freut.

Aber noch ist überhaupt nicht abzusehen, ob diese Sektion nicht im Schatten des Hauptwettbewerbs stehen, ob es genug Aufmerksamkeit für sie geben wird. Auch ich bin mir nicht sicher, ob ich alle Beiträge aus diesem neuen Wettbewerb sehen kann, zumal es bekanntlich innovative, unabhängig produzierte Filme auch in anderen Sparten, nicht zuletzt im Forum zu sehen gibt. Ich frage mich, ob Encounters nicht dem Forum, das in diesem Jahr sein 50. Jubiläum feiert, möglicherweise das Wasser abgräbt. Viele Journalisten werden vermutlich, wenn sie Pausen im Wettbewerb haben, in die Encounters gehen und eben nicht ins Forum oder in das Panorama. Warum sollten diese ungewöhnlichen, kühnen Arbeiten nicht auch im Hauptwettbewerb um die Bären ringen, wenn sie denn so herausragende Qualitäten haben?

Im Wettbewerb gibt es zu wenig Brüche

Carlo Chatrian hat bei sich bei seiner ersten Berlinale-Pressekonferenz die Zeit genommen, jeden einzelnen Wettbewerbsfilm des Hauptprogramms mit warmen Worten vorzustellen und machte so tatsächlich Lust auf die Werke. Hier deutete sich schon an, wohin die Reise in den nächsten Jahren gehen mag, eine deutliche cineastische Ausrichtung der Berlinale.

Doch im Wettbewerb gibt es weniger Bruch als Bewährtes. So ist der Berliner Regisseur Christian Petzold zum vierten Mal vertreten. Seine "Undine" mit Franz Rogowski und Paula Beer überträgt den romantischen Mythos der Meerjungfrau in das heutige Berlin. Auch die Britin Sally Potter ("The Party") war bereits im Berliner Wettbewerb. Ihr neuer Film "The Roads Not Taken" bringt ersehnte Stars wie Salma Hayek und Javier Bardem auf den roten Berlinale-Teppich.

Diese Stars werden auf der Berlinale erwartet

Gleich zur Eröffnung können wir auf Sigourney Weaver gespannt sein, denn sie spielt eine der Hauptrollen in "My Salinger Year". Wie mir Carlo Chatrian verriet, freut er sich als erklärter Fan besonders auf ihren Besuch in Berlin, und ich teile diese Begeisterung. Weaver, die ich vor einigen interviewen durfte, hat als wichtigste Frau in der Geschichte des SF-Kinos die Tore weit aufgestoßen, ihre "Alien"-Filme sind Ausdruck eines völlig neues Rollenbildes und eines starken weiblichen Selbstbewusstseins.

Die Berlinale betont das kollektive Arbeiten

Ich freue mich aber auch auf neue Namen im Wettbewerb. Das kraftvolle, erstaunlich reife Regiedebüt der jungen, italienischen Brüder D'Innocenzo im Berlinale-Panorama "La terra dell'abbastanza" hat mich 2018 sehr beeindruckt. Nun kommen sie mit einem Blick auf die römischen Vorstädte zurück. Ihr Film "Favolacce" (Bad Tales) konkurriert um die Bären.

Die beiden Brüder gehören zu den auffällig vielen Regie-Duos in diesem Jahr. Die Berlinale betont damit auch, wie sehr Film Teamwork ist, auch der Talent Campus setzt diesmal besonders auf das kollektive Arbeiten. Vielleicht ist den neuen Leitern dieser, in der Öffentlichkeit oft vernachlässigte Aspekt der Filmarbeit so wichtig, weil sie selbst als Duo antreten - mit unterschiedlichen Aufgaben und sehr verschiedenen Temperamenten.

Kandidaten für den queeren Filmpreis Teddy

Auch die anderen Reihen erscheinen in ihren Ausrichtungen durchaus vertraut. So gibt es Experimentelles und sehr Mutiges im Forum, unter neuer Leitung von Cristina Nord, und dem Publikum zugewandtes Arthouse Kino im Panorama. Hier laufen auch traditionsgemäß sehenswerte queere Arbeiten wie der argentinische Eröffnungsfilm "One in a Thousend" (Las Mil y Una) von Clarisa Navas oder "Minyan", Eric Steels schwule Coming-out-Geschichte im jüdischen Milieu Brooklyns in den 80er-Jahren. Alle sind sicher Kandidaten für den queeren Filmpreis Teddy.

Im Panorama richtet Radioeins zusammen mit dem RBB-Fernsehen wieder den renommierten Publikumspreis aus, der vielen Filmen beim Durchbruch geholfen hat. Und auch eine andere Berlinale-Tradition wird fortgesetzt: Die tägliche Radioeins-Lounge im CinemaXX, diesmal schon ab 19 Uhr mit den Filmemachern des Tages und wie gewohnt, exzellenten Gastkritikern, darunter Dagmar Manzel, die Autorin Jackie Thomae ("Brüder") und der Comikünstler Flix ("Faust"). Auf diese Gespräche freue ich mich besonders, denn diese anderen, oft unerwarteten Perspektiven erweitern den Blick auf die Filme.

Historie könnte Blick auf die Filmfestspiele verändern

Ausgerechnet vor dem 70. Geburtstag musste sich die Berlinale der verdrängten Nazi-Vergangenheit ihres Gründungsvaters, Alfred Bauer, stellen. Die neue Leitung hat schnell reagiert und den nach ihm benannten Preis für innovatives Kino ausgesetzt. Wahrscheinlich wird er nicht wiederkommen, zumal man ihn durch den neuen Wettbewerb "Encounters" auch nicht braucht.

Auf dem diesjährigen Festival wird der Skandal vermutlich nur in Pausengesprächen vorkommen. Doch Chatrian hat eine gründliche Aufarbeitung versprochen, die naturgemäß ihre Zeit braucht. Die Filmfestspiele werden sich dann eine andere Sicht auf ihre einst so lupenreine Geschichte als Schaufenster der freien, westlichen Welt gefallen lassen müssen.

Sendung: Inforadio, 20.2.2020, 10 Uhr

Beitrag von Knut Elstermann

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