Elle Fanning bei der Premiere von "The Roads Not Taken" im Rahmen der 70. Berlinale (Quelle: Imago/Chrstian Spicker)
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Audio: Inforadio | 24.02.2020 | Anke Burmeister | Bild: Imago/Christian Spicker

Frauenquote auf den Filmfestspielen - Wie weiblich ist die Berlinale?

"50/50 by 2020" – diese Verpflichtung ist die Berlinale eingegangen. Das heißt: zur Hälfte Männer, zur Hälfte Frauen in allen Bereichen des Festivals. Aber wie realistisch ist diese Quote? Und welche Debatten werden dadurch angestoßen? Von Anke Burmeister

Der erste Blick fällt am Potsdamer Platz auf die Werbeplakate einer Kosmetikfirma: Schöne Frauen präsentieren schöne Lippenstifte. Es ist also alles wie immer? Nicht ganz. Aus der Berlinale-Leitung ist nach dem Abschied von Dieter Kosslick ein Frau/Mann-Team geworden, und auch die übrigen Sektionen sind paritätisch besetzt.

Wenn man es noch genauer wissen möchte, lohnt ein Blick auf die Statistik: Seit mehr als einem Jahrzehnt wird die Geschlechterverteilung bei den Filmfestspielen genau erfasst. In der aktuellen "Gender Evaluation" sind Zahlen aus 70 Jahren Berlinale aufbereitet. Eine Erkenntnis daraus: In den 50er Jahren war nicht eine Regisseurin mit einem Film im Wettbewerb vertreten.

Und heute? Auch in diesem Jahr sind von den 18 Filmen im Wettbewerb nur sechs unter weiblicher Regie oder Ko-Regie entstanden. Immerhin: Bei fast 38 Prozent der insgesamt 342 Berlinale-Filme haben Frauen Regie geführt - aber bis zu einer 50:50-Quote ist es noch ein weiter Weg.

Cate Blanchett holte das Thema 2014 auf die große Bühne

"50/50 by 2020", das klingt gut, sagt auch Anna Serner. Sie ist die Geschäftsführerin des schwedischen Filminstituts. Leidenschaftlich spricht sie auf einer Gesprächsrunde während der Berlinale vor mehr als 100 Filmschaffenden aus aller Welt über ihr Thema: die Quote.

Noch vor einigen Jahren wäre kaum jemand zu solchen Gesprächsrunden gekommen, sagt sie. Doch spätestens seit der "#MeToo"-Debatte, die die Strukturen der Filmindustrie in Frage stellt, kommt niemand mehr an dem Thema vorbei. Aber eigentlich, so Serner, habe Cate Blanchett mit ihrer Dankesrede bei der Oscarverleihung 2014 das Thema auf die große Bühne geholt. 

Schweden führte schon 2013 eine Quote ein

Zu diesem Zeitpunkt gab es in Schweden schon seit einem Jahr eine feste Quotenregelung. 2013 wurde dort festgeschrieben, dass Filmgelder zur Hälfte an Männer und zur Hälfte an Frauen gehen müssen. Hier in Deutschland soll es in zwei Jahren ein neues Filmförderungsgesetz geben. An der Vorlage wird gerade gearbeitet, und in der Filmbranche wird deshalb lebhaft diskutiert, ob darin eine Quote festgeschrieben sein muss.

Denn letztlich geht es um Geld und damit um die Fragen: Wer fördert welche Filme? Wer entscheidet, welche Filme auf die Festivals kommen und in die Kinos, welche Schauspielerinnen besetzt, welche Themen aufgegriffen werden?

Wäre es umgekehrt richtig?

2016 dann hat Serner den Slogan "50/50 by 2020" nach Cannes geholt, im vergangenen Jahr hat sich die Berlinale unter der Leitung von Dieter Kosslick dem Ziel angeschlossen. Doch auch wenn hier in Berlin konkrete Zahlen veröffentlicht werden und zu jeder Filmeinreichung auch entsprechende Fragen gestellt werden - auf vielen anderen Festivals ist die genaue Geschlechterverteilung unklar. Es fehlen konkrete Zahlen, es herrscht nur ein Gefühl. Genau deshalb hat sich das "collectif 50/50" gegründet.

46 Césars für einen Mann, einer für eine Frau

Das Kollektiv analysiert zur Zeit rund 120 Filmfestivals auf der ganzen Welt, schaut sich Preisverleihungen an und liefert eine nüchterne Zahl aus Frankreich: 47 Mal wurde mittlerweile der César verliehen, davon sei er nur ein einziges Mal an eine Frau als beste Regisseurin gegangen, sagt Delphine Besse, die Co-Präsidentin von "collectif 50/ 50". Die Analyse müsse weiter gehen, denn das Gefühl sage, dass alte weiße Leute die Filme für die Festivals aussuchten.

Mit dieser Bemerkung weist sie aber auf ein viel grundsätzlicheres Problem hin: Wer macht eigentlich für wen welche Filme? Frauen für Männer die in Auswahlkommitees sitzen - oder irgendwann umgekehrt? Und wäre das dann wiederum richtig? Denn wenn wir über eine Quote reden, dann ist es in der Regel eine Frauenquote.

"Vor uns liegt ein langer Weg"

Serner sagt, mit der Filmförderquote in Schweden würden jetzt Filme von weißen Frauen gefördert. Die schwedische Gesellschaft aber hat sich in den letzten zehn bis 15 Jahren stark verändert: Viele Einwanderer sind ins Land gekommen, People of Color - und wer erzählt deren Geschichte? Oder wer macht Filme, die eben nicht nur die Festival- und Arthouse-Blase bedienen? 

Bei der Gesprächsrunde auf der Berlinale kündigte Serner lachend an: "Mein Team wird mich hassen, aber wir brauchen einen neuen Slogan. Die Reise hat gerade erst begonnen und vor uns liegt ein langer Weg."

Beitrag von Anke Burmeister

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2 Kommentare

  1. 2.

    Die Frage nach der Resonanz, die qualitativ hochwertige Arbeit verdient und der, die sie bekommt ist berechtigt (vor allem im Handwerk). Sie hat aber mit der Frauenquote nichts zu tun. Da wird eine mindestens ebenbürtige Qualität vorausgesetzt. Eine schlechte Schauspielerin wird auch mit Frauenquote nicht gepusht. Es gibt aber eben viele gute Schauspieler und Schauspielerinnen.

    Liebe Grüße aus der Redaktion

  2. 1.

    und wieder dieser Hype um irgendwelche Quoten, dieses Mal die Frauenquote. Ob in diesem Land in irgendeinem Bereich mal Qualität gefragt ist? Egal ob Männlein, Weiblein, divers oder sonst irgendwas?

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