Kommentar | Film-Festival unter freiem Himmel - Der Aufwand für eine Sommer-Berlinale lohnt sich unbedingt

Besucher schauen sich in einem Berliner Freiluftkino einen Film an. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Bild: dpa/Britta Pedersen

Die Sommer-Berlinale soll wie geplant im Juni unter freiem Himmel stattfinden. Angesichts unklarer Corona-Lage sind noch viele Fragen offen und der Aufwand dürfte enorm sein. Die Mühen der Festival-Leitung würden sich trotzdem lohnen, glaubt Anke Sterneborg.

Das Festivalgefühl wollte sich im März nicht so recht einstellen. Pandemiebedingt waren die Vorführungen ins Netz verbannt und nur der Branche und einer eingeschränkten Zahl von Pressevertretern zugänglich, die dann die Filme auf dem heimischen Computerbildschirm streamen mussten: Berlinale unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Kein Festival-Buzz mit roten Teppichen, feuchtfröhlichen Premierenpartys, festlichen Empfängen und feierlichen Preisverleihungen. Keine Pressekonferenzen und auch keine erhitzten Debatten über die Filme, die man gerade gesehen hatte. Das sollte alles anders werden bei der geplanten Sommer-Berlinale für das Publikum.

Festival unter freiem Himmel

Doch dann folgte auf die zweite Corona-Welle eine dritte, die Infektionszahlen stiegen, ließen sich auch durch den stufenweisen Dauer-Lockdown nur langsam bremsen. Die Berlinale-Leitung hielt tapfer fest am Plan für den Sommer - und musste doch Zugeständnisse an das Virus machen und Entscheidungen zurückhalten. Am Montag hatte nun das lange Bangen ein Ende, und nach einem halben Jahr ohne öffentliche Kinovorstellungen verkündete die Berlinale: Das Sommerfestival findet statt, vom 9. bis zum 20. Juni wird Berlin wieder zur Filmstadt, wenn auch nicht so wie ursprünglich geplant.

Sicher ist: Es wird keine Vorführungen in geschlossenen Kinoräumen geben. Alle Filmvorführungen finden Open Air statt, an sechzehn verschiedenen, in ganz Berlin verteilten Veranstaltungsorten. Einen zentralen Festival-Spielort soll es geben, sozusagen der neue Berlinale-Palast, auf der historischen Museumsinsel, die vor dem Ausbruch der Pandemie bereits viele Jahre eine tolle Kulisse für die UFA-Stummfilmnächte war.

Jede Entscheidung auf unsicherem Grund

Nur: Wie verlässlich sind solche Ankündigungen unter den Bedingungen einer Pandemie? Schon im Februar hat Carlo Chatrian gesagt, sein größtes Problem sei, dass jede Entscheidung auf unsicherem Grund gebaut ist. Alle Festivalleiter machen derzeit Pläne, ohne zu wissen, ob sie sich umsetzen lassen oder eine nächstbeste Option entwickelt werden muss.

Bis zum Wochenende sah es so aus, als könnten wir am kommenden Freitag nach mehreren Tagen mit einer Inzidenz unter 100 wieder in Biergärten und auf Restaurantterrassen sitzen. Doch schon am Montagmorgen platzte der Traum wieder, als das Robert-Koch-Institut für Berlin eine Inzidenz über 100 melden musste - und darin schlagen sich die Heerscharen von Parkbesuchern des Sommer-Wochenendes noch gar nicht nieder.

Noch einmal wird klar: Sichere Entscheidungen kann es nicht geben in Zeiten, die von Inzidenzen und Mutanten und von der Verfügbarkeit und Sicherheit von Impfstoffen abhängig sind. Das gilt für die Politik genauso wie für die Kultur.

Und das ist auch der Grund dafür, dass es in den Ankündigungen vom Montag noch eine ganze Menge offener Fragen gibt. Ein wirklich konkretes Programm soll erst am 20. Mai veröffentlicht werden, ab dem 27. Mai können Tickets erworben werden, für deren Nutzung dann noch ein aktueller Corona-Test oder der Nachweis über vollständigen Impfschutz nötig ist.

Und natürlich können zu dieser Publikums-Berlinale längst nicht so viele Zuschauer kommen wie sonst üblich. Denn auch in den Open-Air-Kinos gelten selbstverständlich die Abstandsregeln, und da erst die Sonne untergehen muss, bevor die Projektoren angehen können, gibt es in jedem Kino nur eine einzige Vorführung pro Tag. Und wehe, wenn es regnet oder stürmt...

Lohnt sich das alles überhaupt?

Und dann ist da noch die Sache mit den Gästen aus aller Welt. Im Moment geht die Festivalleitung davon aus, dass die meisten Jury-Mitglieder und eine Reihe Filmemacher und Filmemacherinnen sowie Preisträger und Preisträgerinnen aus Europa kommen und in einzelnen Kinoveranstaltungen präsent sein können. In der Pressemeldung heißt es: "Zu den Preisverleihungen und Filmpremieren werden eventuell weitere besondere Events auf der Museumsinsel hinzukommen." Man merkt schon, sie sind vorsichtig und zurückhaltend mit ihren Ankündigungen. Zum Vergleich: Beim Münchner Filmfest, das nach der Verschiebung jenseits der derzeitigen Grenze des Infektionsschutzgesetzes einen Monat nach der Sommer-Berlinale beginnt, hoffen sie auf echte Begegnungen und Gespräche, stellen sich aber sicherheitshalber auch auf Videoschalten ein.

Es stellt sich die Frage: Lohnt sich das alles also überhaupt? Unbedingt! Denn nach einem halben Jahr ohne Kino ist der Hunger nach bewegten Bildern und intensiven Gefühlen, nach Begegnung und Austausch, groß. Die Sommer-Berlinale ist ein Signal der Hoffnung, ein Kickstart fürs Kino.

Sendung: Abendschau, 10.05.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Anke Sterneborg

2 Kommentare

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  1. 2.

    Die Wörter "unklare Corona Lage" sollten zum Unwort des Jahres gewählt werden!

  2. 1.

    Was wir für ein wohlstandsverwöhntes, vergnügungssüchtiges Volk sind. Eines Tages wird uns diese Arroganz mal teuer zu stehen kommen.

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