Das war die Sommer-Berlinale - Aus der Zitterpartie wurde ein Kinosommermärchen

Museumsinsel in Berlin (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
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Audio: Inforadio | 21.06.2021 | Frauke Gust | Bild: dpa/Jens Kalaene Download (mp3, 2 MB)

Bei hochsommerlichen Temperaturen auf Stühlen draußen vor der Kinoleinwand, Mückenmittel und Kaltgetränk griffbereit - es war eine ganz besondere Berlinale. Das Festival war ein risikoreiches Unterfangen, doch es hat sich gelohnt, sagt Anke Sterneborg.

Keck lugt der Berlinale-Bär noch immer von den Plakatmotiven: Bei hochsommerlichen Temperaturen über 30 Grad im nächtlichen Schatten mutiert das umgekippte B über seinen Augen eindeutig zur Sonnenbrille. Wirkte er im März noch frostig reserviert, verströmt er jetzt lässige Coolness.

Als Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek am 11.Mai die Sommer-Berlinale ankündigten, brauchten sie den Mut der Verzweiflung: Nachdem die beiden Festivalleiter angesichts unsicherer Prognosen die Entscheidung so lange wie nur irgendwie möglich herausgezögert hatten, waren sie Mitte Mai gezwungen, Fakten zu schaffen, in der Hoffnung, dass die Pandemie und das Wetter am Ende auch mitspielen würden.

Dann kletterten just an diesem Tag die Infektionszahlen wieder über die fatale Inzidenzmarke von 100. Doch im Ende hat sich der Mut ausgezahlt, die Wette ist gewonnen: An 16 über die ganze Stadt verteilten Open Air-Spielorten wurde der Himmel über Berlin zum gigantischen Kinozeltdach, mal über nur 30 Zuschauern im Weddinger Kulturquartier Silent Green, mal vor rund 1090 Zuschauern im Freilichtkino Friedrichshain, (das eigentlich - wäre nicht gerade Pandemie - 1.800 Plätze hätte.)

Strikt auf Abstand

2020 war die 70. Berlinale die letzte kulturelle Großveranstaltung, die noch vor Publikum stattfinden konnte. 16 Monate später ist die 71. Berlinale die erste, die wieder möglich ist. Sicher, mit gewissen Einschränkungen, Masken- und Testpflicht, jeder zweite Sitz musste leer bleiben und auf der Bühne bei der Preisverleihung am 13. Juni waren Preisträger-Umarmungen und Sieger-Bussis verboten.

Und auch auf dem offiziellen Preisträger-Foto sind die Filmschaffenden, die ihre Bären drei Monate nach den Jury-Entscheidungen jetzt endlich überreicht bekamen, luftig auf der breiten Treppe neben der James Simon-Galerie verteilt. Der rote Teppich war, mit Abstandsmarkierungen vermessen, eher ein roter Läufer.

Auch hinter der Absperrung durfte es kein Gedränge geben, weshalb lediglich vier Fotografen akkreditiert waren, und Fernseh- und Radiojournalisten ihren Ton auf Distanz angeln mussten. Ein bisschen lästig und nicht ganz einleuchtend war, dass man zum luftigen Kinobesuch einen tagesaktuellen Corona-Test mitbringen musste, während zur selben Zeit die Gäste in der Außengastronomie dicht gedrängt zum Essen und Trinken trafen.

Da das Sommer-Special aber zur Zeit der Planung vom Berliner Senat nur mit dem Sonderstatus als Pilotprojekt für Kulturevents unter Pandemie-Bedingungen genehmigt wurde, durften die Schutz- und Hygienemaßnahmen nicht nachträglich an die entspannte Corona-Lage angepasst werden: Ohne Test-Nachweis also strikt kein Zutritt.

Long live Cinema!

Der Freude und Dankbarkeit tat das strikte Prozedere keinen Abbruch: Endlich nicht mehr zuhause alleine vor dem Bildschirm, sondern wieder gemeinsam vor einer Leinwand. Endlich wieder leibhaftige Gespräche mit Gleichgesinnten aus der Branche, aus dem Volk, nach den vielen Monaten der virtuellen Begegnungen auf Zoom oder Teams. Bei den Vorführungen war er immer wieder zu spüren, dieser prickelnde Erregungszustand nach dem langen Entzug. Keine Frage, dieses Sommer-Berlinale-Special war viel mehr als ein Filmfestival für Cineasten: "Die Krise hat es nicht geschafft, das Kino zu vernichten", rief Ada Solomon, die Produzentin des Goldenen-Bären-Gewinners "Bad Luck Banging or Looney Porn" ins Publikum: "Long live Cinema!" und Regisseur Radu Jude feierte die Berlinale als hochgehaltene Flamme.

Selbst die Fußball- Europameisterschaft, die sonst Kinos und Straßen leerfegt, konnte diese Kinobegeisterung nicht bremsen.

Euphorie im Publikum

Nachdem die Kinos mehr als sieben Monate geschlossen waren, ist diese Sommer-Berlinale nicht nur ein Pilotprojekt für den Neustart Kultur, sondern auch ein Testballon für die Zukunft des Kinos.

Sie solle "das Feuer der Filmleidenschaft beim Publikum neu entfachen", hatte Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der feierlichen Eröffnung im Interimskino auf der Museumsinsel gesagt. Und Meriette Rissenbeek legte nach: "Wir wollten, Leute wieder für Kino begeistern."

Und es hat sich gezeigt, das Kino als gesellschaftlicher und kultureller Raum für Gefühle und Gedanken lebt! An zwölf Tagen gab es für 16 Spielorte 60.000 Tickets für 126 Filme aus 56 Ländern, die schnell ausverkauft waren, und mehr noch als im unwirtlichen Februar ließen sich da auch Menschen mitreißen, die nicht unbedingt Hardcore-Cineasten sind. Schon der Funkenregen des Festival-Trailers und der Sound des Jingles provozierte euphorischen Beifall. Und das Team von Maria Schraders Science-Fiction-Screwball Komödie "Ich bin dein Mensch" wurde am Samstag schon während des Abspanns leidenschaftlich gefeiert. Die Shootings-Stars erlebten auf der Museumsinsel erstmals eine wirkliche, eine reale Begegnung.

Ein neuer Publikumspreis, einmalig wie diese funkelnde Sommer-Berlinale

Keine Frage, der enorme logistische Aufwand und das Bangen haben sich gelohnt. Das sei die schönste Berlinale, die sie je erlebt habe, sagt die PR-Agentin Petra Schwuchow. Einerseits prickelndes Glückserlebnis nach den vielen Monaten Kinoentzug, andererseits als Filmfestival auch ein bisschen entspannter, sommerlich leicht, ohne den sonst üblichen Überdruck.

 

Und dann wurde bei den allerletzten Vorstellungen dieser funkelnden Sommer-Berlinale noch die Publikumspreise vergeben, die rbb und radio eins bei dieser Ausnahme-Sommer-Berlinale einmalig angeregt haben. Unter den Wettbewerbsfilmen haben die Zuschauer "Herr Bachmann und seine Klasse" von Maria Speth zum Favoriten erklärt. In der dreieinhalbstündige Langzeitdokumentation, die schon im März mit dem silbernen Bären, Preis der Jury ausgezeichnet wurde, begleitet sie die geduldige, einfühlsame und inspirierende Arbeit eines Lehrers, der seine besondere Strahlkraft an einer hessischen Integrationsschule zum Leuchten bringt.

Auch der Panorama-Publikumspreis ging an eine Dokumentation, "A Última Floresta" (The Last Forest) von Luiz Bolognesi über den indigenen Stamm der Yanomami im brasilianischen Amazonas-Regenwald.

Bleibt die Sehnsucht, es könnte so ein Sommermärchen-Berlinale-Nachspiel auch in Zukunft geben.

Sendung: Inforadio, 21.06.2021, 07:00 Uhr

Beitrag von Anke Sterneborg

3 Kommentare

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  1. 3.

    Hallo,
    bringe hier mal eine Gegenmeinung ein - ich finde es trotzdem gut und das ist wirklich ersntgemeint, dass die Berlinale im Februar stattfindet.
    War dies Jahr -Open Air- nicht mit dabei - aber Februar 2022 ist vorgemerkt !!
    Mal sehen, ob's dann wieder geht !

  2. 1.

    Ein wunderschöner Abschlussbeitrag zur diesjährigen Berlinale. Es war wirklich schön, endlich wieder ins Kino gehen zu können und dann auch noch Berlinale. Das Wetter war traumhaft gewesen und es gab viele schöne Filmbeiträge.
    Was fehlte waren nur die schicken Berlinaletickets und ein wenig vermisste ich auch das gemeinsame warten und austauschen über die bereits gesehenen Filme bzw. Filmplanung bis es endlich in die Vorstellung ging.

    Das alles Open Air war, ist auch was ganz besonderes gewesen. Es wäre toll, wenn dieses Konzept nicht völlig verloren geht. Vorstellbar wäre eine klassische Berlinale im Februar und dann eine art best of im Sommer. Dann kommen auch ganz andere Menschen mal dazu, etwas Kinolkulturluft zu schnuppern und man bekommt eine zweite Chance Filme zu schauen, die man vielleicht verpasst hat in all der Vielfalt.

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