Filmtipps | Berlinale Summer Special - Diese Forum-Filme sind besonders sehenswert

Doch rybaka von Tzarevna Scaling (Quelle: Berlinale/Uldus Bakhtiozina)
Bild: Berlinale/Uldus Bakhtiozina

Filmtipps aus dem Berlinale-Forum: ein bezugsreiches russisches Märchen. Ein unerschütterlicher Antiheld mit Elvis-Tolle. Ein Puppenfilm über einen Frauenmörder. Und ein Porträt der für immer mit Corona verbundenen Stadt Wuhan. Von Fabian Wallmeier

 

"Doch rybaka" (Forum)

Die Fischverkäuferin Polina trinkt eine Tasse Tee, die ihr eine alte Frau verabreicht hat, und taucht im Schlaf ab in eine Welt der Mythen und Wirrnisse. Figuren aus russischen Märchen treten auf, es hagelt Querverweise zu russischen Mythen, zum Zarenreich und zum sowjetischen Sozialismus, die ein nicht-russisches Publikum nur ansatzweise entschlüsseln kann. Das ist aber auch gar nicht schlimm, denn das Wichtigste erklärt sich auch so - und der Film ist von einer Gewitzt- und vor allem Ausgelassenheit wie nur wenige im Programm des Forums.

Regisseurin Uldus Bakhtiozina, die "Doch rybaka" auch geschrieben und geschnitten sowie Ausstattung, Kostüme und Maske entworfen hat, lässt hier eine visuelle beeindruckende Welt entstehen. Sie erinnert in ihrer so detaillierten wie einfach gehaltenen Ausstattung an osteuropäische Märchenfilme der 1970er Jahre - inklusive der leicht schmutzigen Patina, die sich auf dem Glanz und Glitzer abgesetzt hat. Ganz sicher ein Film, der auf der großen Leinwand noch einmal erheblich besser wirkt als auf dem Bildschirm zu Hause.

Vorstellungen:
Freitag, 18.06., 21:30 Uhr, Atelier Gardens Freiluftkino @ BUFA
Samstag, 19.06., 21:30 Uhr, silent green

Jack’s Ride von Susana Nobre (Quelle: Berlinale/Terratreme Filmes)
Setfoto: "No táxi do Jack" von Susana NobreBild: Berlinale/Terratreme Filmes

"No táxi do Jack" (Forum)

Joaquim hat seinen Job verloren und muss noch ein paar Monate überbrücken bis zur Frührente. Der Deal: Er fährt zu Unternehmen, die ihm seine Bewerbung bescheinigen - und alle Beteiligten akzeptieren dabei stillschweigend, dass ihn niemand mehr einstellen wird. Nun fährt er durch Portugal, schaut sich interessiert die unterschiedlichsten Arbeiten an, kommt mit Menschen ins Gespräch.

Der eigentliche Clou des Films ist aber, wie elegant Regisseurin Susana Nobre Joaquims Vergangenheit erzählt: Portugal hat er einst verlassen, weil es keine Jobs gab, und 20 Jahre in den USA gelebt, als Taxifahrer und Chauffeur viel gesehen. Hauptfigur und Schauspieler Joaquim erzählt seine Geschichte aus dem Off, während er stets elegant gekleidet durch Stadt- und Industrieszenerien schreitet. Und manchmal spielt er die Szenen nach. Er wirkt dabei mit seiner schwarzen Elvis-Presley-Tolle und seiner Unerschütterlichkeit wie der Held eines New-Hollywood-Films. Ein ruhig fließendes, die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit klug verwischendes Porträt eines ziemlich unvergesslichen Unikums.

Vorstellung:
Freitag, 18.06., 21:30 Uhr, Open Air Kino HKW

Anmaßung | Anamnesis von Chris Wright, Stefan Kolbe (Quelle: Berlinale/ma.ja.de. Filmproduktions GmbH)
Setfoto: "Anmaßung" von Chris Wright und Stefan KolbeBild: Berlinale/ma.ja.de. Filmproduktions GmbH

"Anmaßung" (Forum)

In dieser Tat ist dieser Film eine Anmaßung, und eine Zumutung obendrein - aber eine ziemlich clevere, die sich beim Zusehen tief ins Gedächtnis und in die Magengrube gräbt: Chris Wright und Stefan Kolbe porträtieren den Mörder Stefan S., der dem Abspann zufolge wie alle Beteiligten in Wirklichkeit anders heißt. Stefan S. tötete und verscharrte eine Kollegin, nachdem diese ihn nachts in ihrer Wohnung erwischt hatte. Nun sitzt er in einem Brandenburger Gefängnis und hat trotz der Schwere seiner Tat realistische Aussichten auf eine baldige Haftentlassung auf Bewährung.

Stefan S. will im Film nicht erkennbar sein, aber er erklärt sich einverstanden damit, eine Puppe nach seinem Abbild anfertigen zu lassen. Zwei Puppenspielerinnen spielen im Film nun Gesprächsszenen mit S. nach, die starren Gesichtszüge der Puppe passen zum einen gut zur Eiseskälte, die S. in seinen Erzählungen an den Tag legt. Zum anderen bilden sie einen positiv irritierenden Kontrast zur Unbedarftheit, zur fast kindlichen Naivität, die in ihm immer wieder hervorscheint.

Wright und Kolbe schichten in "Anmaßung" klug mehrere Ebenen übereinander. Es geht um die Frage nach Schuld und Strafe, nach der Sinnhaftigkeit des Justizvollzugs, nach der Rehabilitierbarkeit des Bösen. Und sie reflektieren, ohne sich selbst zu schonen, die Möglichkeiten, Gefahrlinien und Grenzen des dokumentarischen Filmemachens, wenn man einen Mörder in den Mittelpunkt stellt und dabei Nähe und Distanz ausbalanciert.

Vorstellungen:
Samstag, 12.06., 21:30 Uhr, Open Air Kino HKW
Sonntag, 13.06., 21:30 Uhr, Frischluftkino@Studentendorf

Geplanter Kinostart: 22. Juli

A River Runs, Turns, Erases, Replaces von Shengze Zhu (Quelle: Berlinale/BURN THE FILM)Setfoto: "A River Runs, Turns, Erases, Replaces" von Shengze Zhu

"A River Runs, Turns, Erases, Replaces" (Forum)

Es ist der 8. Februar 2020, eine Überwachungskamera zeigt eine menschenleere Einkaufsstraße. Die Stadt ist Wuhan, in der es zum ersten großen Corona-Ausbruch kam. Aufnahmen weiterer Tage zeigen, wie vereinzelt maskierte Menschen vorbeigehen, im April ist dann der Lockdown beendet, das Leben kehrt zaghaft zurück.

Shengze Zhus dialoglose Doku "A River Runs, Turns, Erases, Replaces" ist kein Film über Corona, sondern über die Leerstellen, die das Virus hinterlassen hat - und es ist das Porträt einer Stadt und des Flusses, der sie bestimmt, des Yangtze. In statischen Kameraeinstellungen aus der Zeit vor der Pandemie zeigt er Baggerarbeiten und Promenaden-Cafés, überflutetet Straßen und einen grasenden Wasserbüffel.. Einen Mann, der im Fluss badet und singt, einen Pavillon, der erst gefährlich nah am und später im Wasser steht. Dazwischen sind vier herzzerreißende Briefe eingeblendet - an Menschen, die während der Pandemie in Wuhan gestorben sind. Es entstehen so Skizzen einer Stadt, die viel mehr ist als die Pandemie, mit der sie in der internationalen Wahrnehmung für immer verknüpft sein wird.

Vorstellungen:
Donnerstag, 17.06., 21:30 Uhr, Atelier Gardens Freiluftkino @ BUFA
Sonntag, 20.06., 21:30 Uhr, silent green

Sendung: Abendschau, 03.06.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

1 Kommentar

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 1.

    Es ist etwas verwirrend wenn der originale Titel des russischen Films in englischen Schreibweise angegeben wird. Da wäre die einfache Übersetzung (Tochter des Fischer) verständlicher.
    LG

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren