Alexander Gerst, "Wer wir waren", Berlinale Special 2021 (Quelle: X Verleih AG)
Audio: rbb Kultur | 02.03.2021 | Interview mit Michael Stütz | Bild: X Verleih AG

Programm in der Panorama-Sektion - "Es geht sehr stark um das Hinterfragen auch von Identität"

Auf der Berlinale erfreut sich das Panorama sonst großen Publikumszuspruchs. In dieser Sektion laufen immer viele politische und queere Filme aus der ganzen Welt. Wie die Filmauswahl in diesem Jahr aussieht, erzählt Leiter Michael Stütz im Interview.

rbb: Herr Stütz, was für ein Programm konnten Sie diesmal zusammenstellen?

Michael Stütz: Das Programm ist in diesem Jahr natürlich ein bisschen kleiner als in den Jahren zuvor. Natürlich pandemiebedingt. Wir haben 19 Filme auswählen können, worüber ich mich sehr freue – aus 19 Ländern in 13 Sprachen. Sechs davon sind Dokumentarfilme. Wir haben neun Regisseurinnen, neun Regisseure und einen transmaskulinen Regisseur im Programm. Das ist also eine schöne Aufteilung dieses Jahr - auf jeden Fall sogar besser als in den Vorjahren. Die Frauenquote ist wirklich sehr gut, und das hat sich alles schön schön organisch ergeben.

Gibt es Themen, die in diesem Jahr besonders im Vordergrund stehen?

Es finden sich rote Fäden, die man immer wieder aufnehmen kann. Es geht sehr stark um das Infragestellen von Machtverhältnissen, und zwar im privaten wie im politischen. Es geht sehr stark um das Hinterfragen auch von Identität, die wir auch von einer Gesellschaft zugeschrieben bekommen, und wie man diese bricht, wie man auch mit unterschiedlichen Identitäten jonglieren muss im alltäglichen Leben, auch in Bezug auf Social Media. Es ist also ein sehr starkes politisches, junges Kino, das in diesem Jahr sehr international ist. Wir haben beispielsweise vier Titel aus dem Nahen Osten, was ein starkes Zeichen ist.

Können Sie Beispiele nennen?

Das libanesische Kino ist bemerkenswert und gibt ein großes Lebenszeichen – es ist nicht nur im Panorama mit einem Dokumentar- und einem Spielfilm, sondern auch im Wettbewerb mit einem Titel vertreten. Wir zeigen beispielsweise den Dokumentarfilm "Miguel’s War" [berlinale.de] von Eliane Raheb, ein Porträt über eben diesen titelgebenden Mann Miguel, der vor 37 Jahren aus dem Libanon geflohen ist. Er konnte seine Sexualität nicht ausleben und hatte ein konfliktreiches Familienleben, das zusätzlich von religiösen und politischen Konflikten und von Konflikten mit der eigenen Identität geprägt war. Er ist nach Spanien geflohen, hat sich dort ausgelebt und sich selbst verloren.

Und jetzt - 37 Jahre später - geht diese Regisseurin mit ihm auf eine Reise zurück. Es geht hier darum, diese Identitäten alle aufzuzählen und sich diesen Konflikten zu stellen. Dieser Blick zurück ist sehr stark - auch ins Private, aber auch ins Politische, weil es auch sehr stark um den Krieg im Libanon geht, wo er auch aktiv teilgenommen hat. Und es geht um diese individuellen Konflikte und um diese politischen, kollektiven Traumata. Das bringt es sehr gut zusammen.

Ist dieser Blick auf Machtverhältnisse, Identitätspolitik, auf Politiken des Widerstands im Fokus der diesjährigen Panorama-Ausgabe?

Auf jeden Fall. Das zieht sich durch sehr viele Filme, natürlich auf unterschiedliche Art und Weise und vor allem auch Formen. Es gibt sehr viele Filme, die beispielsweise mit kleinen Teams gedreht wurden, zum Teil sogar nur mit Handkamera und sehr dynamischen Aufnahmen. Und dann gibt es natürlich auch einen Film wie "Censor" [berlinale.de] aus Großbritannien, der unser großer Genrefilm ist, in dem es aber auch um diese individuellen Konflikte und Traumata, aber auch um ein politisch größeres Thema geht.

Zum Panorama gehören natürlich auch immer die großen Preise und die großen Partys – wie zum Beispiel der Panorama-Publikums-Preis oder der Teddy Award. Werden diese Preise vergeben? Und: Partys wird es nicht geben?

Partys wird es definitiv nicht geben. Beide Preise wird es voraussichtlich nach jetziger Planung und nach jetzigen Möglichkeiten im Sommer geben. Der Panorama-Publikums-Preis wird vergeben werden. Das haben wir eigentlich schon fix beschlossen mit unseren Partnern. Der Teddy Award wird auch vergeben. Es gibt ein gutes und sehr breit gefächertes queeres Kino auch dieses Jahr in allen Sektionen - auch im Panorama. Auch während der virtuellen Berlinale sendet der Teddy jeden Tag live und für alle zugänglich, die interessiert sind. Es gibt Talks zum Filmfestival, aber auch zum queeren Leben im urbanen Raum und zur Visibilität von queeren Schauspielerinnen und Schauspielern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Michael Stütz führte Frank Schmid, rbb Kultur.

Der Text ist eine redigierte und leicht gekürzte Fassung. Das komplette Gespräch können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: rbb Kultur, 02.03.2021, 18:30 Uhr

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