Berlinale 2021 - Tristesse und Geisterstunde am Potsdamer Platz

Der leere Potsdamer Platz während der Berlinale. (Quelle: rbb/Nadine Kreuzahler)
Audio: Inforadio | 01.03.2021 | Nadine Kreuzahler | Bild: rbb/Nadine Kreuzahler

In diesem Jahr trifft die Corona-Pandemie auch die Filmfestspiele in Berlin. Im März kommt eine Woche lang nur die Branche zusammen; Journalisten dürfen mitschauen. Es ist also Berlinale - aber spürt man das? Nadine Kreuzahler ist zum Potsdamer Platz gefahren.

In normalen Berlinale-Jahren ist ein Roter Teppich vorm Berlinale-Palast ausgerollt. Filmfans drängeln sich an den Absperrgittern, um einen Blick auf ihre Lieblingsstars, auf Filmemacher*innen und Schauspieler*innen zu erhaschen. Ein bisschen Glamour liegt dann jedes Jahr über dem Potsdamer Platz, wenn die Wettbewerbsfilme ihre Premieren feiern. Nebenan wird in den Bars und Restaurants über Entdeckungen und Flops des Filmfestivals diskutiert, um danach schnell in die nächste Kino-Vorstellung im Cinemaxx zu hetzen.

Alles dunkel und verrammelt

In diesen Tagen allerdings ist von Glamour und Festivalstimmung nichts zu spüren. Ein Besenfahrzeug der Berliner Stadtreinigung dreht einsam seine Kreise und macht sauber, wo gerade gar kein Dreck entsteht. Die Bars und Restaurants in den Straßen drumherum sind alle geschlossen. Die Geschäfte in den Potsdamer Platz Arkaden waren schon im vergangenen Jahr wegen Umbauarbeiten teilweise geschlossen, aber jetzt ist die Shopping Mall komplett verrammelt. Das Cinemaxx, sonst zentrales Festivalkino, ist ebenfalls dunkel, genauso wie die Hotels. Ein Skatboarder nutzt die leere Fläche vor dem Theater am Marlene-Dietrich-Platz für Sprünge und Manöver.

Berlinale - fehlt sie überhaupt?

Wenige Menschen kommen an diesem Tag an mir vorbei. Eine Anwohnerin geht mit ihrem Hund spazieren, sie erzählt von den Absperrungen, die sonst während der Berlinalezeit ihre Wege verlängern. "Ich vermisse die Berlinale nicht", sagt sie. "Ich gehe sowieso nicht mehr oft ins Kino, seit es Netflix und andere Streamingportale gibt, sie sind ein guter Ersatz, finde ich." Eine andere Anwohnerin sieht das anders. Sie geht jedes Jahr zur Berlinale.

"Letztes Jahr saßen die Leute hier noch dicht an dicht", erinnert sie sich. "Es ist schade, eigentlich gehört sie immer in den Februar rein, das passt immer ganz gut, weil man des Winters müde ist und dann herrscht so eine Art Partystimmung und man kann in der Stadt rumfahren und kommt in Ecken, die man noch nicht so kennt." Ein Pärchen Ende 20 geht spazieren und genießt die gespenstische Leere. "Wir sind extra hierher gefahren, um den Platz so leer zu sehen." Auf die Berlinale gehen sie nie und in Berlin-Neukölln, wo sie wohnen, bekomme man davon auch nichts mit.

Der leere Potsdamer Platz während der Berlinale. (Quelle: rbb/Nadine Kreuzahler)

Ein großer Umsatzfaktor fehlt

Ein hochgewachsener, grauhaariger und elegant gekleideter Mann mit FFP2-Maske deutet auf das Grand Hyatt, als ich ihn anspreche. "Ich bin der Direktor dieses Hotels, was glauben Sie, wie es mir geht?", fragt er. Bei ihm wohne gerade im Zusammenhang mit der Berlinale niemand. Das Grand Hyatt liegt zu Berlinalezeiten direkt am Roten Teppich. "Das Festival ist ein großer Umsatzfaktor, etwas, das uns durch den Großteil des Jahres trägt", erzählt Hoteldirektor Jan Peter van der Ree. "Das fehlt jetzt. Wir haben zwar auf, nur für Geschäftsreisende, aber das ist minimal. Wir sind gerade froh über jeden der kommt."

Wie ein Apokalypse-Drama

Die Szenerie am Potsdamer Platz wirkt wie einem Berlinale-Film entsprungen, einem Apokalypse-Drama. Erst recht, als ich ein übriggebliebenes Hinweisschild aus dem letzten Jahr entdecke: "Berlinale Palast Tageskasse" prangt da hinter Glas. Auch ein roter Bär mit goldenem Berlinale-Schriftzug wartet wie eingefroren hinter der Scheibe des leerstehenden Glaspalastes.

Zeichen setzen fürs Kino

Die Berlinale will ein Zeichen setzen fürs Kinojahr 2021, den Filmemacher*innen im März eine Plattform geben und ihren Filmen dabei helfen, ins Kino und auf andere Festivals zu kommen. Die Kinos selbst haben mit der Aktion "Kino leuchtet" am Wochenende das Licht angemacht, um kurz vor den neuen Beratungen von Bund und Ländern für die baldige Wiedereröffnung zu werben. Bis dahin bleibt allen Berlinale-Fans erst mal nur, in Erinnerungen zu schwelgen und sich auf den Sommer zu freuen.

Sendung: Inforadio, 01.03.2021, 06:55 Uhr

Beitrag von Nadine Kreuzahler

2 Kommentare

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  1. 2.

    Wir müssen aufpassen das es nicht bald der ganzen Stadt so ergeht. Aber Diestleistung undTouritum und dessen Auswüchse ist eben nicht alles. Diese Einseitigkeit fällt Berlin jetzt auf die Füße, was Arbeitsplätze in Gastronomie, Hotellerie, Unterhaltung, etc. angeht. Fallen jetzt auch noch die wenigen Industriearbeitspaetze weg
    und kommen die kruden Vorstellungen der Gruenen, was den Verkehr angeht, zum tragen gute Nacht.

  2. 1.

    Ich bin neulich auch zum Potsdamer Platz um das zu sehen, was es nicht zu sehen gibt. Bereits im letzten Jahr wirkte der Platz schon ein wenig verlorener, denn die Arcaden hatten so gut wie geschlossen so das irgendwie schon was zum flanieren fehlte nachdem man erfolgreich (oder ohne Erfolg) neue Tickets ergattert hatte. Doch dieses Jahr nochmal eine Steigerung zu „nichts ist los“, das hab ich mir nicht erträumen lassen. Gähnende leere, verloren wirkende Schilder der Berlinale, das für immer geschlossene Cinestar und ein leeres Cinemaxx... Ja das hat was apokalyptisches. Als sei man einer der wenigen überlebenden die an längst vergessene Orte zurückkehren. Mir fehlt die Berlinale. Seit über 10 Jahren ist sie auch für mich ein wichtiger Begleiter geworden um Filme ganz anders zu erleben, um Menschen zu treffen die man sonst jedes Jahr sieht und der Applaus und die damit verbundene Wertschätzung der Filmschaffenden.
    Das kann kein Streaming liefern, kein Zoom und auch kein Fernsehprogramm oder Radio.

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