"Tina" und "Per Lucio" im Berlinale Special - Zwei Ikonen der Rock- und Pop-Musik auf der Berlinale

Berlinale 2021 | Tina © Rhonda Graam
Rhonda Graam
Audio: rbbKultur | 04.03.2021 | Andrea Handels | Bild: Rhonda Graam Download (mp3, 4 MB)

Der eine Film ist ein Bildfeuerwerk, der andere eher für Insider: Die Berlinale würdigt zwei Größen der Rock- und Popmusik mit Dokumentarfilmen: die US-Sängerin Tina Turner und den italienischen Singer-Songwriter Lucio Dalla. Von Andrea Handels

Dieser Text wurde zuerst am 04.03.2021 während des digitalen Branchen-Events der Berlinale veröffentlicht.

TINA von Dan Lindsay und T.J. Martin

Viel hat man schon erfahren über Tina Turners Leben, im Spielfilm, in ihrer Autobiografie, in Interviews und Artikeln. Doch dieser Dokumentarfilm ist durch die Vielfalt an Archivmaterial, Fotos, Konzertmitschnitten und privaten Videoaufnahmen ein Erlebnis. Fast zwei Stunden lang führen die Regisseure Dan Lindsay und T.J. Martin das Publikum durch Tina Turners Leben, ein Bilderfeuerwerk, aufgeteilt in fünf Kapiteln, wovon die ersten beiden, vor allem ihre Ehe mit Ike Turner eher unerfreulich sind.

Schlimme Zeiten mit Ehemann Ike Turner

Wie sie, die junge begabte Sängerin mit Namen Anna Mae Bullock ihn kennenlernt, sich in ihn verliebt und von ihm ausgebeutet wird. Den Namen Tina Turner hat er ihr verpasst, ohne sie zu fragen. Schlimmer noch: Er schlägt sie, missbraucht sie, und sie schafft es nicht, sich von ihm zu lösen.

Solche Szenen, in denen sie im O-Ton über diese Zeit spricht, bebildern die Regisseure sensibel mit dem Bild des leeren Schlafzimmers ihres früheren Wohnhauses in Los Angeles. Doch Tina Turner befreit sich schließlich von diesem gewalttätigen Ehemann, nimmt ihren Namen mit und sonst nichts, landet erst in Las Vegas in billigen Fernsehshows, bis sie es schließlich schafft, die erste erfolgreiche schwarze Rocksängerin zu werden.

Umjubelte Konzertauftritte und Happy End

Der Dokumentarfilm "Tina" begleitet die Sängerin durch die Jahrzehnte. Dazu gibt es viele Interviews mit ihr selbst, aber auch mit ihren Wegbegleitern, Managern, Freundinnen. Der Film zeigt Tina Turner bei ihren energiegeladenen Auftritten vor zehntausenden jubelnden Menschen und in leisen, sehr persönlichen Momenten. Sie spricht darüber, wie ihre Mutter sie als Kind verlassen hat und wie sie Zeit ihres Lebens auf der Suche nach Liebe war.

Äußerst charmant muten die alten, teils sehr verpixelten Superachtsequenzen und Kontaktbildstreifen an, die die Regisseure zu poppigen Kunstwerken überblendet haben.

Dass Tina Turner über ihre schlimme Ehe geredet und auch in ihrem Buch geschrieben hat, hat viele Frauen und Mädchen ermutigt. Jetzt hat sie damit abgeschlossen, denn am Ende steht ein Happy End. Sie hat die Liebe gefunden bei dem deutschen Musikmanager Erwin Bach, ihrem zweiten Ehemann, und bei ihrem Publikum. Das letzte Kapitel des Films heißt dann auch: "Love"

PER LUCIO von Pietro Marcello

Auch Lucio Dalla ist ein Vorbild für viele, vor allem in seiner Heimat Italien, wo er Kultstatus hat. Über 50 Jahre lang war der Liedermacher, der Cantautore, in der Musikbranche unterwegs, schrieb unzählige, teilweise sozialkritische Songs, war auch international höchst erfolgreich. Am 1. März 2012 starb er im Hotelzimmer in Montreux an einem Herzinfarkt.

Freunde erzählen von den Anfängen

All das erfährt man in dem Dokumentarfilm von Pietro Marcello nur ganz am Rande. Die tragenden Figuren hier sind zwei Männer, die in langen, immer gleichen Frontaleinstellungen über Lucio Dalla reden, sein langjähriger Manager und ein Kindheitsfreund. Darüber wie er schon als junger Mann immer das Ungewöhnliche, das Besondere gesucht hat, niemals Mainstream war. Wie er lange kämpfen musste um Anerkennung, wie er sich für die Menschen am Rande der Gesellschaft eingesetzt hat. Angereichert ist das mit eingespielten historischen Filmsequenzen, die zu den Liedern passen, manche assoziativ, manche dokumentarisch: Bergleute auf dem Weg zu ihrem Einsatzort, Fiat-Arbeiter, die aus dem Süden Italiens nach Turin gekommen sind, Demonstrationen in Lucio Dallas Heimatstadt Bologna, aber auch Szenen vom berühmten Autorennen Mille Miglia, wo die Oldtimer durch die Stadt rasen.

Der Film "Per Lucio" ist eher etwas für Insider, für Menschen, die Lucio Dalla schon gut kennen und mehr über ihn und seinen Charakter erfahren wollen. Denjenigen, die ihn erst kennen lernen möchten, bietet er allerdings zu wenig Orientierung

Beitrag von Andrea Handels

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