71. Internationale Filmfestspiele Berlin - Eine Berlinale, die Lust auf das Sommerfestival machen kann

Filmstill: "Memory Box" von Joana Hadjithomas und Khalil Joreige, Wettbewerb Berlinale 2021. (Quelle: Haut et Court/Abbout Productions/Micro_Scope)
Bild: Haut et Court/Abbout Productions/Micro_Scope

Am Montag startet die Berlinale - aber es fühlt sich nicht so an. Keine Stars, keine Fans, und was filmisch läuft, erfährt das Publikum durch die Presse. rbb-Filmkritiker Knut Elstermann geht mit einem seltsamen Gefühl in diese Berlinale - und freut sich doch.

An diesem Montag startet die Berlinale: digital. Und ich kann es kaum noch glauben, dass wir vor einem Jahr ein ganz normales Festival hatten, über dem zwar schon der Schatten der Pandemie schwebte, die aber noch als ferne Bedrohung empfunden wurde.

Wir Filmkritikerinnen und Filmkritiker saßen zusammen im Kino, interviewten die Filmleute aus aller Welt und diskutierten heftig die Entscheidungen der neuen Leitung, beurteilten diesen ersten Jahrgang. Danach war die Welt plötzlich eine andere.

Wer weiß eine bessere Lösung?

Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, die beiden Leiter der Berlinale, sind ein Jahr später wahrlich nicht zu beneiden. Für das erste große Filmfestival 2021 mussten sie einen Weg finden. Sie haben sich für eine Lösung entschlossen, mit der niemand wirklich glücklich sein kann.

Aber wer weiß eine bessere?

Nun gibt es also ein Branchen-Event, mit Online-Vorführungen der kräftig abgespeckten Sektionen, mit Pressekonferenzen im Netz. Berlinale Talents, diese wichtige Startrampe für junge Leute, findet statt, auch der Filmmarkt, der immer ein wichtiges Zeichen am Anfang des Kinojahres setzt. Der Wettbewerb, den Carlo Chatrian in zwei Schienen aufgeteilt hat – in den Hauptstrang und in die Sektion für das experimentelle Kino "Encounters" – wird nur Online und ausschließlich für ein akkreditiertes Fachpublikum zu sehen sein.

Dazu gehöre auch ich.

Berlinale auf dem Sofa

Diese Berlinale werde ich also mit meinem Laptop auf dem Sofa verbringen und versuchen, das Angebot, das auf nur fünf Tage zusammengedrängt wird, möglichst vollständig zu sehen.
Wie andere meiner Kolleginnen und Kollegen empfinde ich dabei ein Unbehagen: Als seien wir in einen angesagten Club eingelassen worden, während die Freunde, also das Publikum, draußen stehen.

Sicher: Wir berichten auch regelmäßig aus Cannes oder Venedig, obwohl die meisten unserer Zuschauer, Hörer und Leser nicht dabei sein können. Doch diese Festivals sind ohnehin eher Arbeitstreffen der Branche. Berlin aber ist ein großes Publikumsfestival. Und wir verstehen unsere Arbeit so, dass wir diese breite Öffentlichkeit befördern und dazu anregen wollten, den großen Dialog über Filmkunst zu führen. Jetzt werden wir berichten und einen Einblick in das kreative Filmschaffen während und trotz der Pandemie geben. Das ist immerhin schon etwas.

Die Jury verkündet die Preisträger im März

Doch es fehlt der lebendige Austausch, fehlen die Debatten, die spontanen Reaktionen des Publikums bei den Premieren, der Jubel am Roten Teppich.

Das wird auch der Jury so gehen. Eingeladen sind ausschließlich frühere Bärengewinnerinnen und -gewinner. Wohl auch, weil die Festivalleitung annimmt, Regisseure könnten mit dieser merkwürdigen Situation am besten umgehen – was sicher richtig ist. Die sechsköpfige Jury ist nach Berlin eingeladen. Allerdings darf Mohammad Rasoulof, der Vorjahressieger ("There Is No Evil"), den Iran nicht verlassen. Kurzfristig gab es Reiseschwierigkeiten für den israelischen Regisseur Nadav Lapid ("Synonymes"), der nun ebenfalls nur zugeschaltet werden kann. Doch die Kolleginnen und Kollegen Ildikó Enyedi, Adina Pintilie, Jasmila Žbanić und Gianfranco Rosi leibhaftig im Berliner Kino sitzen sollen. Die Jury verkündet die Preisträger im März. Im Sommer sollen die Bären den Gewinnern persönlich übergeben werden – wenn es denn die Pandemie zulässt.

Vielleicht wäre es besser gewesen, die gesamte Juryarbeit auf den Sommer zu verlegen, aber das wäre wohl ein zu hohes Risiko gewesen. Wer weiß schon, wie dieser Sommer wird ...

Berlinale der guten Bekannten

Das diesjährige Programm bietet viele vertraute Namen. Der Ungar Bence Fliegauf ("Forest – I See You Everywhere"), der oft Geschichten der Sinti und Roma erzählt, war schon in Berlin, ebenso Dominik Graf, der seine Kästner-Verfilmung "Fabian" ins Rennen schickt. Der Rumäne Radu Jude (“Bad Luck Banging or Looney Porn“) kam 2015 zu Bären-Ehren für seinen Film "Aferim!". Auch in den "Encouters" zeigen bekannte Berlinale-Regisseure ihre neuen Arbeiten, darunter der Kanadier Denis Côté ("Social Hygiene") und der junge deutsche Filmemacher Julian Radlmaier mit "Blutsauger".

Es entsteht ein eigenartiges Bild: Trotz neuer Leitung wird das eine Berlinale der guten Bekannten, ein Festival des anspruchsvollen Arthouse-Kinos, abzüglich der US-amerikanischen Independent-Filme, die sonst einen wichtigen Teil der Berlinale-Filme bilden. Aber: Es wird derzeit in den USA praktisch nichts produziert.

Auch so ist es zu erklären, dass allein im Wettbewerb vier deutsche Filme und zwei Koproduktionen mit deutscher Beteiligung laufen. Dazu gehören auch die rbb-Koproduktion "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" des georgischen Regisseurs Alexandre Koberidze und Daniel Brühls persönlich geprägter Berlinfilm "Nebenan", in dem er auch die Hauptrolle spielt. Beides sind übrigens Debüts.

Die bedauerliche Abwesenheit der Amerikaner ist aber auch eine Chance für die deutschen und die europäischen Produktionen insgesamt, noch mehr Aufmerksamkeit als sonst zu finden.

Wir finden für unser Publikum wichtige Filme und Gesprächspartner

Dennoch werden nicht alle Regisseure in diesen Tagen medial präsent sein. Viele bekannte Filmemacherinnen und Filmemacher, Schauspielerinnen und Schauspieler lehnen Interviews ab, verweisen auf den zweiten, öffentlichen Teil der Berlinale im Sommer.

Das ist durchaus verständlich, erschwert aber unsere Arbeit zusätzlich. Aber: Wir finden für unser Publikum dennoch wichtige Filme und Gesprächspartner, auch wenn sie nicht persönlich in unser Studio kommen können.

Ich freue mich etwa schon auf Interviews mit Maria Speth, die ihren über dreistündigen Dokumentarfilm "Herr Bachmann und seine Klasse" über einen engagierten Lehrer im Wettbewerb zeigt, und mit Maria Schrader. Sie wird gerade für ihre Serie "Unorthodox" weltweit gefeiert und ist mit ihrem Sci-Fi-Film "Ich bin dein Mensch" mit Maren Eggert und Sandra Hüller im Bärenrennen.

Was diese März-Berlinale also hoffentlich erreichen kann, ist Lust auf das Sommerfestival zu machen. Die Berlinale verhandelt schon mit den Berliner Filmtheatern, nicht zuletzt mit den Freiluftkinos, über die geplante Sommerberlinale, die vom 9. bis 20. Juni stattfinden soll.

Die soll dann ein Fest für das Publikum werden, mit Stars, vielen Gesprächen mit Gästen – eine Art Wiedergeburt der Kinokultur. Wir freuen uns darauf.

Sendung: Radioeins, 01.03.2021, 19:00 Uhr

Beitrag von Knut Elstermann

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