Festivalstart am 9. Juni - Vielleicht erlebt die Berlinale jetzt ihr Sommermärchen

Symbolbild: Freiluftkino Kreuzberg (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
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Audio: Inforadio | 09.06.2021 | M. Rissenbeek | Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka

Open-Air-Kino in der ganzen Stadt: Am Mittwoch startet die Sommerausgabe der diesjährigen Berlinale. Mit dem Publikum stellt sich endlich auch wieder das Festivalgefühl ein, sagt rbb-Filmkrtiker Knut Elstermann - und verrät seine ganz persönlichen Highlights.

Die Zweiteilung der Filmfestspiele 2021 war eine risikoreiche Idee der Berlinale-Leitung. Niemand wusste zu Jahresbeginn, wie sich die Corona-Zahlen entwickeln würden, ob eine Sommerberlinale wirklich stattfinden könnte. Doch jetzt steht dieses Ereignis ins Haus, ein großes, sommerliches Filmfest für Berlin.

Die Internationalen Filmfestspiele kehren damit im gewissen Sinne zu ihrem Ursprung zurück. Erst 1978 verlegte der damalige Festivalchef Wolf Donner die Berlinale vom Sommer in den Winter, eine unpopuläre, heftig umstrittene Entscheidung, die sich aber als richtig erwies. Die deutliche Entfernung von Cannes und Venedig tat der Berlinale letztlich gut.

Doch dieses Sommer-Ereignis im Juni 2021 wird eine Ausnahme bleiben.

Sehen und senden im luftleeren Raum

Als im März der erste Teil der Corona-Berlinale stattfand, nur online für das Fachpublikum, fühlte ich mich als akkreditierter Filmjournalist etwas seltsam. Ich sah mir zu Hause das Filmprogramm an, Abends sprach ich dann im Studio mit den Regisseurinnen und Regisseuren, die aus aller Welt zugeschaltet wurden: mit Denis Coté aus Kanada über seinen, Corona aufgreifenden Film "Hygiène sociale" aus dem Encounters-Wettbewerb, mit Avi Mograbi aus Israel über seinen provokanten Dokumentarfilm "The First 54 Years" im Forum und mit Radu Jude aus Rumänien, der für sein wildes Sittenbild "Bad Luck Banging or Loony Porn" am Ende den Goldenen Bären erhielt.

Es war ein Sehen und Senden im luftleeren Raum, eine privilegierte, aber sehr einsame Position, ohne den lebendigen Austausch mit Filmschaffenden und Publikum.

Nun gibt es eine Öffentlichkeit für die Filme

Nun endlich können die Zuschauerinnen und Zuschauer das vielfältige, wenn auch stark reduzierte Programm der diesjährigen Berlinale sehen. Werden bei der Berlinale normalerweise etwa 300.000 Karten verkauft, sind es diesmal nur rund 60.000. Aber nun gibt es eine Öffentlichkeit für die Filme, kann es Gespräche mit Filmemachern geben. Für den Künstlerischen Leiter Carlo Chatrian ist das jetzt erst das eigentliche Festival. Er ist glücklich darüber, "dem Publikum in die Augen sehen zu können. Zusammensein ist das schönste Geschenk", meint er.

Festival an 16 unterschiedlichen Orten der Stadt

Chatrian, der den Lockdown zum Deutsch lernen genutzt hat, freut sich vor allem darüber, dass er die Berlinale-Filme an sehr verschiedenen Orten der Stadt zeigen kann. Er will die besondere Stimmung des Berliner Sommers in das Festival einfließen lassen. In 16 Open-air-Kinos in ganz Berlin, darunter Hellersdorf, Friedrichshagen, das Radioeins-Freiluftkino im Friedrichshain und das Schloss Charlottenburg ist sein Programm zu sehen.

Als magischer Kino-Ort wird sich sicher die Museumsinsel erweisen. Wer dort schon einmal die alljährlichen UFA-Stummfilm-Nächte erlebt hat, weiß, welche wunderbare Kulisse die prachtvollen Bauten bilden, wie einmalig die romantische, abendliche Stimmung dort ist. Eine Schlüsselszene in Maria Schraders Wettbewerbsfilm "Ich bin dein Mensch" spielt genau dort, nachts im Pergamon-Museum vor dem eindrucksvollen Markttor von Milet.

Die Hauptdarstellerin Maren Eggert wurde für ihr Spiel in diesem klugen, charmanten und auch komischen Science-Fiction-Film mit einem Silbernen Bären geehrt. Die Berlinale macht übrigens keinen Unterschied mehr zwischen männlichen und weiblichen Darstellern, es gibt einfach den Schauspielerpreis.

Chatrian, der zuvor Leiter des Filmfestivals im Schweizer Locarno war, sagt, dort hätte er ein großes Festival in einem kleinen Dorf gehabt. "Hier habe ich ein großes Festival in einer großen Stadt", die er immer besser kennenlerne. Sein Deutsch sei noch nicht gut genug, um Berlin ganz zu verstehen, darum sei er dankbar für Daniel Brühls Wettbewerbsbeitrag "Nebenan", der für ihn ein sehr aktueller Film über die heutige Stadt sei. Daniel Brühl, der neben Peter Kurth auch eine der Hauptrollen spielt, inszenierte ein unterhaltsames und wendungsreiches Kammerspiel, das die sozialen Gegensätze der Stadt, die Folgen der Gentrifizierung auf engstem Raum verdichtet.

Kann diese Berlinale nicht ein Zukunftsmodell sein?

Das Filmfestival 2021 ist mit seinen beiden Teilen vermutlich eine große Ausnahme. Und doch: Könnte diese Berlinale nicht ein Zukunftsmodell sein, auch nach der Pandemie. Sind eingeflogene Stars, angereistes riesiges Fachpublikum und Massenaufläufe überhaupt noch zeitgemäß? Berlinale-Chef Chatrian hofft hier auf neue Visionen: "Die Ökologe ist ein sehr wichtiges Thema. Es stimmt, angereiste Stars sorgen für C02 und andere Folgen – aber sie bringen auch etwas sehr Wertvolles für den Geist des Festivals. Wir müssen da etwas in der Mitte finden."

Die Jury hat ihre Arbeit schon im März erledigt, ihre Bären sind längst bekanntgegeben. Dennoch bleibt es auch im Sommer spannend. "Die neue Jury dieser Sommerberlinale ist das Publikum", sagt Chatrian. Erstmals wird es, in Kooperation mit dem rbb, einen Publikumspreis im Wettbewerb geben. Radioeins und das rbb-Fernsehen verleihen wieder den traditionsreichen Zuschauer-Preis im Panorama. Beide Publikumspreise werden bis zum Schluss ausgezählt und am 20. Juni, dem letzten Berlinale-Sonntag, verkündet.

"Nous" gewinnt Dokumentarfilmpreis

Der Gewinner des vom rbb gestifteten Dokumentarfilm-Preises wurde bereits am Vorabend der Sommer-Berlinale verkündet. Aus allen Sektionen waren 16 Kandidaten nominiert worden aus einem besonders starkes Feld mit herausragenden Filmen, darunter Maria Speths berührende Beobachtung eines engagierten Lehrers "Herr Bachmann und seine Klasse". Sehr zurecht hatte sie für diesen ermutigenden Film über die Chancen und den Wert von Bildung bereits den Silbernen Bären im Wettbewerb erhalten. Einen so guten Lehrer wie Herrn Bachmann, gerecht, anregend, zutiefst menschlich, herausfordernd, manchmal auch streng, hätte ich mir gewünscht.

Salar Ghazis "In Bewegung bleiben" über das frühere Tanzensemble der Komischen Oper entstand ganz ohne Filmfördermittel oder Sender-Unterstützung. Ghazi, der zwölf Jahre an diesem Film arbeitete, schildert genau die Biografien der Tänzer, von denen viele in den Westen gingen und bietet einen Blick auf die deutsch-deutsche Vergangenheit von einer seltenen Differenziertheit und Eindringlichkeit.

Tief beeindruckt hat mich auch der Film "Courage" über die Massenproteste in Belarus. Regisseur Aliaksei Paluyan begleitet in seinem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm eine Theatertruppen bei der Suche nach wirksamen Mittel des Widerstands, er zeigt Angst und Verzweiflung und den anwachsenden Mut der Bevölkerung. Es ist auch der erste der erste weißrussische Film auf der Berlinale.

Die Jury hat sich für den französischen Film "Nous" von Alice Diop entschieden, der bereits als bester Film im Wettbewerb Encounters ausgezeichnet worden war, eine Reise zu den Menschen in den Pariser Vorstädten, eine Erkundung ihrer Lebensweisen, ihrer Träume und Geschichten.

Der 2017 ins Leben gerufene Dokumentarfilm-Preis wird am 13. Juni auf der Museumsinsel verliehen.

Spielt dann das Wetter noch mit, kann es für Berlin ein so "entspanntes Festival werden", wie es sich auch Carlo Chatrian wünscht. Abend für Abend werden sich die Freiluftkinos füllen, werden die Filme unter dem Berliner Sternenhimmel ihr Publikum finden - ein Fest des Kinos nach dieser endlos langen Zeit der leeren Leinwände. Vielleicht erlebt die Berlinale in dieser 71. Ausgabe ihr Sommermärchen.

Sendung: Abendschau, 08.06.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Knut Elstermann

2 Kommentare

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  1. 2.

    Toll, ich finde sowas immer hinsichtlich der Atmosphäre sehr angenehm. Ich wünsche allen "Standwetter". Keine Unwetter am Abend. Vielleicht erschafft man so eine neue Sommer-Tradition..

  2. 1.

    Ich freue mich, heute den ersten Berlinale Film anschauen zu können. Allerdings sollte erwähnt werden, dass die Ticketbuchung unnötig kompliziert war. Es fehlte meiner Meinung nach eine aussagekräftige Info auf der Berlinale Website, dass man sich für den Ticketkauf in einigen Fällen auch nochmal auf den Seiten einzelner teilnehmender Kinos registrieren musste. Schade - mehr Transparenz hätte diese tolle Veranstaltungsreihe wirklich lobenswert gemacht!

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