Fazit | Berlinale-Wettbewerb - Weiblicher als je zuvor, frankophil wie nie - und leerer denn je

Mi 16.02.22 | 22:22 Uhr
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Meltem Kaptan und Laila Stieler (Quelle: Imago, Kern)
Audio: Radioeins | 17.02.2022 | Julia Vismann | Bild: Imago/Kern

Die Jury-Entscheidungen zeigen vor allem: Die Berlinale 2022 ist eine Berlinale der starken Frauen. Das von der Leitung beschworene Gemeinschaftserlebnis Kino inmitten der Omikron-Welle bleibt derweil ein nur halb eingelöstes Versprechen. Von Fabian Wallmeier

Damit war eher nicht zu rechnen: Der Goldene Bär geht an "Alcarràs" von der katalanischen Regisseurin Carla Simón. Ein Film, den die wenigsten als Favoriten auf dem Zettel hatten, und der auch in der Gunst der rbb-Kritiker:innen nur im oberen Mittelfeld landete.

Eine Entscheidung, die die Gemüter erhitzen wird, dürfte die Vergabe des Goldenen Bären aber nicht sein. "Alcarràs" ist lebenssattes und gekonnt eingefangenes Sommerkino. Der Film erzählt von einer Familie, die Pfirsiche anbaut - ihr Land wegen nie offiziell geklärter Besitzverhältnisse verlieren soll. Die formalen Eigentümer:innen wollen dort Solaranlagen bauen und bieten der Familie an, für sie gegen gute Bezahlung zu arbeiten. Doch vor allem das Familienoberhaupt ist strikt dagegen. So bleibt ihnen nur ein letzter Sommer mit der Pfirsichernte.

Berlinale-Jury-Präsident M. Night Shyamalan (L) und Regisseurin Carla Simon mit dem golenen Bären. (Quelle: dpa/R. Hartmann)
Jury-Präsident M. Night Shyamalan und Goldener-Bär-Gewinnerin Carla Simón | Bild: dpa/R. Hartmann

"Vielleicht ziehe ich hierher"

Der politisch-gesellschaftliche Hintergrund, der für Berlinale-Jurys so oft ein besonders wichtiges Kriterium ist, bleibt in "Alcarràs" diffus. Eigentlich geht es um etwas anderes: Cala Simón fängt einfach Miniaturen eines Sommers ein: Alltag im Paradies in der Gewissheit, dass das Ende naht. Sie schaut dabei gleichberechtigt den Erwachsenen und den Kindern zu - eine Stärke, die sie schon in ihrem Debütfilm gezeigt hat: "Summer 1993" erzählt aus der Perspektive eines Mädchens, das seine Eltern verliert und nun bei Tante und Onkel lebt.

Der Film lief 2017 in der Berlinale-Sektion Generation, gewann dort den Preis für das beste Debüt und ging anschließend um die Welt. Mit der Einladung ihres zweiten Films in den Wettbewerbs klopft sich die Berlinale also auch ein bisschen selbst auf die Schulter - und mit dem Goldenen Bären gehört Carla Simón nun endgültig zur Berlinale-Familie. "Vielleicht sollte ich hierher ziehen", sagte sie bei der Preisverleihung.

And the Winner Is: Die Preisträger der 72. Berlinale

Frankophil wie nie

Zum Stammpersonal der Berlinale gehört erst recht Hong Sangsoo. Der koreanische Regisseur war in diesem Jahr zum sechsten Mal im Wettbewerb - und hat nun in drei aufeinander folgenden Jahren einen Silbernen Bären gewonnen - das dürfte vor ihm noch niemanden geglückt sein. Nach den Preisen für die beste Regie ("The Woman Who Ran", 2020) und das beste Drehbuch ("Introduction", 2021) gab es nun den Großen Preis der Jury für seinen meisterlich selbstreflexiven "The Novelist's Film". Im nächsten Jahr dann aber bitte endlich den Goldenen Bären!

Selten war ein Wettbewerbsjahrgang so frankophil wie dieses Jahr: Mit "Passengers of the Night", "Both Sides of the Blade" und dem Eröffnungsfilm "Peter von Kant" waren gleich drei französische Filme im Rennen, dazu noch je ein französischsprachiger aus Kanada ("That Kind of Summer") und der Schweiz ("The Line") sowie der in Paris spielende Film eines Spaniers ("One Year, One Night") und ein zu einem Drittel an der Côte der Azur spielender deutscher Film ("A E I O U").

Spektakuiäres Set-Design

Gemessen daran ist die Ausbeute für das französische Kino gering: Nur Claire Denis wurde ausgezeichnet, als beste Regisseurin für den bei der rbb-Kritiker:innenschaft klar durchgefallenen Liebesfilm "Both Sides of the Blade". Schade, dass nicht stattdessen Mikhaël Hers für seinen zarten Nachtschwärmerfilm "The Passengers of the Night" geehrt wurde.

Mit "Everything Will Be Ok" wurde aber immerhin noch eine französische Koproduktion ausgezeichnet. Der kambodschanische Regisseur Rithy Panh bekam den Silbernen Bären für die beste künstlerische Leistung - zusammen mit seinem Szenenbildner Sarit Mang. Das ist entscheidend, denn das spektakuläre Set-Design aus handgemachten Figuren ist das mit Abstand beste an dem viel zu vollgepackten Dokumentarfilm.

Erfreulich ist aber: In den Filmen im Wettbewerb dominierten in diesem Jahr besonders starke Frauenfiguren - und Frauen dominieren nun auch die Preisverleihung. Goldener Bär, Regie, Drehbuch, Preis der Jury und beide Schauspielpreise gingen an Frauen. Das sind sechs von acht Bären. Ein starkes Signal.

Fülle an starken Frauen-Rollen

Bei den Schauspiel-Bären hatte die Jury dann auch eine besonders große Auswahl. So viele preiswürdige Leistungen gibt es selten zu bestaunen - und fast alle sind von Frauen: Das perfekt harmonierende Duo aus Lee Hyeyoung und Kim Minhee in "The Novelist's Film", Sophie Rois' ungewohnt zarte Darstellung in "A E I O U", die indonesische Kino-Entdeckung Happy Salma ("Nana") und der feinfühlige Auftritt von Charlotte Gainsbourg in "The Passengers of the Night" sind nur vier Beispiele.

Trotz dieser starken Konkurrenz ist nicht überraschend, dass die Comedienne Meltem Kaptan für den Silbernen Bären für die beste Hauptrolle bekam. In Andreas Dresens "Rabiye Kurnaz vs. George W. Bush"* spielt sie die Mutter des deutschen Guantánamo-Häftlings Murat Kurnaz, die mit ihrem Anwalt jahrelang für die Freilassung ihres Sohnes kämpft. Kaptan macht das so laut, so kraftvoll, so stark, dass die Jury sie kaum übersehen konnte.

Dass Dresens gar nicht mal so guter Film gleich noch einen zweiten Bären bekam (Laila Stieler für das beste Drehbuch), ist dann aber doch zu viel des Guten. Nicht zuletzt, wenn man bedenkt, dass der viel gewagtere und einfallsreichere deutsche Wettbewerbsbeitrag, "A E I O U" von Nicolette Krebitz, leer ausging.

Vollgestopfte Wettbewerbstage

Das Niveau der ersten beiden Jahre unter Carlo Chatrians künstlerischer Leitung konnte der Wettbewerb in diesem Jahr nicht ganz halten. Er brauchte in diesem Jahr ein paar Tage, bis es im Kino mehrheitlich richtig Gutes zu sehen gab. Das spiegelte sich auch in der Preisverleihung wieder: Mit "Alcarràs" und "The Novelist's Film" lagen am Ende zwei Filme vorn, die gerade erst ihre Premiere gefeiert hatten.

Es war ein vollgestopfter Wettbewerb. Mit 18 Filmen umfasste er zwar weniger Filme als in den meisten anderen Jahrgängen. Aber sonst streckte er sich über neun der elf Berlinale-Tage - in diesem Jahr wurde er in sechs Tagen durchgepeitscht, weil es statt des letzten Sonntags auch Mittwoch bis Freitag zu Publikumstagen erklärt wurden.

Das hatte zum einen zur Folge, dass die Premiere von Hong Sangsoos "The Novelist's Film" noch eilig am Mittwochmittag stattfinden musste, also am Tag der vorgezogenen Bärenverleihung. Ein unwürdiges Gehetze, das man keiner:m Filmemacher:in wünscht.

Zum anderen aber war das Arbeitspensum der Journalist:innen, die über den Wettbewerb berichteten, in dieser kurzen Zeit enorm. Die Berlinale weigerte sich bekanntlich trotz Omikron beharrlich, Online-Sichtungen in Wettbewerb und Encounters möglich zu machen. Mein großer Dank geht an dieser Stelle deshalb an die Pressebetreuer:innen, die mir das Streaming einiger Filme ermöglicht haben. Ohne sie wäre es schwierig geworden, alles zu sehen und vieles zu rezensieren.

Sicherheitskonzept scheint aufzugehen

Mit nur zwei roten Warn-Kacheln in der Corona-App und sechs negativen Schnelltests in Folge ist der Wettbewerb für mich überstanden. Ob die Tests weiter negativ bleiben, wird sich zeigen. Das Sicherheitskonzept der Berlinale scheint zumindest funktioniert zu haben. Es wurde vor Ort konsequent, unaufgeregt und freundlich durchgesetzt, die allermeisten Kolleg:innen in den Pressevorführungen behielten auch nach Erlöschen des Saallichts ihre Masken über Mund und Nase - man konnte sich zumindest in den Kinos recht sicher fühlen.

Das Mantra vom Gemeinschaftserlebnis Kino, das Chatrian und Rissenbeek als Rechtfertigung für das reine Präsenz-Festival, löste sich im Festival-Alltag kaum ein. Mit Masken und Abstand - und wegen der automatisierten Platzvergabe bei der Ticketbuchung auch selten in der Nähe von Kolleg:innen und anderen Bekannten - saß jede:r für sich ziemlich allein im Saal.

Alle prämierten Filme noch mal zu sehen

Auch ansonsten war der Potsdamer Platz so wenig belebt wie nie. Nicht nur blieben viele der Pressevorführungen weit unter der erlaubten Auslastung von 50 Prozent, sondern auch kaum internationale Stars waren zugegen. Die große Feierstimmung kam am Potsdamer Platz trotz des ungewohnt guten Wetters nicht auf. Da ist es dann auch gar nicht weiter schlimm, dass die Potsdamer-Platz-Arkaden weiter wegen Umbaus verrammelt waren - wo niemand ist, geht auch niemand einkaufen.

Vielleicht füllt es sich ja noch in den kommenden Tagen. Noch bis Sonntag geht die Berlinale weiter - und auch alle Preisträgerfilme stehen noch mal auf dem Programm. Der Sieger des Goldenen Bären wird sogar noch viermal regulär gezeigt. Die Vorführungen von "Alcarràs" am Donnerstag und Freitag sind aktuell ausgebucht. Aber wer am Donnerstag um 10 Uhr pünktlich online ist, hat Chancen, Karten für die zwei Screenings am Sonntagmorgen zu ergattern.

 

*Offenlegung: "Rabiye Kurnaz vs. George W. Bush" wurde vom rbb koproduziert. Außerdem stiftete der rbb den Dokumentarfilmpreis. Auf die Jury-Entscheidungen hatte der rbb keinerlei Einfluss.

Sendung: Berlinale-Studio, 16.02.2022, 22:15 Uhr

5 Kommentare

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  1. 5.

    Die Flüchtigkeitsfehler habe ich korrigiert. Ich habe über alle genannten Filme auf den jeweiligen Berlinalen geschrieben, kenne sie also gut. Trotzdem ist mir da gestern Abend beim Schreiben etwas durcheinander geraten. Von Hong-Fan zu Hong-Fan: Danke fürs aufmerksame Lesen!

  2. 4.

    Es ist eine Konvention in der Berichterstattung über internationale Festivals, die englischen Titel zu verwenden statt der einzelnen anderen Sprachen. Deutsche Titel gibt es (außer bei den deutschen Filmen natürlich) oft noch nicht - und statt die Titel in den einzelnen Sprachen (bei dieser Berlinale zum Beispiel Französisch, Koreanisch, Mandarin, Spanisch...). Ich finde, dass es das verständlicher macht. Das macht aber das Festival nicht weniger frankophil. Wenn, dann höchstens mich als den Autoren des Textes. ;-)

  3. 3.

    Ein paar Anmerkungen zu Hong Sangsoo:

    Der diesjährige Film heißt "The Novelist's Film", nicht The Novelist's Wife.

    2020 war er außerdem mit "The Woman Who Ran" zu Gast und wurde für diesen Film mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet.

    2017 wiederum lief "On the Beach at Night Alone" im Wettbewerb, wofür Kim Minhee den Silbernen Bären für die Beste Darstellerin bekam.

  4. 2.

    "Selten war ein Wettbewerbsjahrgang so frankophil wie dieses Jahr", schreibt der RBB. Und dann sind die Autoren diesen Textes so clever, lauter englische Titel zu bringen. Beispiele gefällig? "Passengers of the Night", "Both Sides of the Blade", "That Kind of Summer", "The Line".
    Nicht euer Ernst, oder? Die haben alle einen französischen Titel oder halt ne deutsche Entsprechung ;-) why sis inglisch taitels?

  5. 1.

    Rabiye vs George W. Bush, ein zu Herzen gehendes Zeugnis unerschütterlicher Liebe und und unbändiger Energie im Kampf gegen Willkür und Unrecht. Rabiye Kurnaz und Bernhard Docke, im Film Meltem Kaptan und Alexander Scheer, haben Geschichte geschrieben, der Film wird seinen Weg durch die Welt und durch die Herzen machen.
    Und die Drahtzieher des Unrechts werden für immer an den Pranger gestellt.

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