Filmtipps | Empfehlungen jenseits des Wettbewerbs - Was sonst noch Gutes auf der Berlinale läuft

Mi 16.02.22 | 10:26 Uhr
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Die Berlinale ist natürlich nicht nur der Wettbewerb. Auch in den anderen Sektionen gibt es bis Sonntag noch viel zu entdecken. Filmtipps aus Encounters, Panorama, Forum und Generation. Von Fabian Wallmeier

NOBODY'S HERO (Panorama)

Médéric, ein nicht mehr ganz junger Typ, der sich jeden Tag beim Joggen quält, verliebt sich in eine Sexarbeiterin. Deren Mann ist eifersüchtig. Gleichzeitig hat es in der Stadt einen Terroranschlag gegeben, die Täter sind flüchtig. Da taucht bei Médéric ein junger Mann mit arabischem Aussehen auf.

Klingt nach postmodernem Screwball, ist es im Grunde auch. Und das würde nicht erwarten, wer Alain Guiraudie nur wegen seines hierzulande bekanntesten Films kennt: "Der Fremde am See" ist ein Drama um einsame Cruiser. Sein neuer Film nun dagegen ist tatsächlich ein irrwitziges Vergnügen. "Nobody's Hero" ist ein echter Glücksgriff für das sonst so oft auf erwartbare Arthouse-Sozialdramen abonnierte Panorama. Der Film schlägt einen Haken nach dem anderen und zelebriert es, einfach niemals damit aufzuhören - wenn nicht irgendwann dann doch der Abspann einsetzen müsste.

AXIOM (Encounters)

Dieser Typ nervt. Julius (Moritz von Treuenfels) wirkt immer ein bisschen neben der Spur, immer unnötig überheblich, immer angespannt und in Halbachtstellung. Und stimmt, was er da so alles erzählt? Dass seine Eltern adelig sind und ein Boot besitzen? Ein Trip mit Freund:innen stellt all das in Frage. Danach kommt es zum Bruch.

Die Hauptfigur in Jöns Jönssons "Axiom" kann nicht anders: Er muss Geschichten erfinden, sich und andere damit aufreiben. Selbst wenn die Wahrheit gerade eigentlich auch reichen würde. Man folgt diesem unsympathischen Typen fasziniert, weil Jönsson ihn so herrlich ambivalent in Szene setzt und von Treuenfels ihn gleichzeitig unerträglich und liebenswert erscheinen lässt. Ein für Encounters-Verhältnisse sehr unprätentiöser und sehr unterhaltsamer Film.

MUTZENBACHER (Encounters)

Ruth Beckermann gewann vor vier Jahren für "Waldheims Walzer" den Dokumentarfilmpreis der Berlinale. Dabei ging es um die mutmaßliche Beteiligung des späteren österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim an NS-Kriegsverbrechen. Für ihren neuen Film hat sie sich ein leichteres Thema ausgesucht: Zu einem Casting hat sie Männer ab 16 Jahren eingeladen, die aus dem pornographischen Roman "Josefine Mutzenbacher oder Die Lebensgeschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt" (1906) vorlesen sollen.

Man möchte schreien, wenn man sie da so sitzen sieht und sich durch die schlüpfrigen Textpassagen stammeln und ihre Meinungen dazu kundtun. Breitbeinig und von sich selbst überproportional überzeugt sind die meisten. Ein wahres Cringe-Fest des Mansplaining, auch wenn Beckermann auch ein paar zögerlichere, reflektiertere Typen dazwischen geschnitten hat. Erschwerend kommt dazu: Wer mit Hochdeutsch im Ohr aufgewachsen ist, mag es noch ein bisschen befremdlicher finden, wenn Männer mit österreichischem Einschlag erotische Texte aus der Perspektive einer Frau vorlesen.

POET (Forum)

Ein ehrlich gesagt auch mir bisher unbekannter kasachischer Meister-Regisseur zeigt seinen neuen Film im Forum: Darezhan Omirbayevs "Poet" ist eine schöne Einladung, ein ganzes Werk zu entdecken. Der Film erzählt ruhig und klar inszeniert von einem Dichter in der Daseinskrise. Soll er den gut bezahlten Schreibauftrag eines Geschäftsmanns annehmen?
Omirbayev montiert das mit Rückblicken in das Leben des Dichters Makhambet Otemisuly - und in dessen wechselhafte Rezeptionsgeschichte. Am Ende führt er beide Ebene unaufdringlich zusammen. Eine stilvolle, kluge Reflexion über das Wesen der Kunst und den Auftrag der Künstler:innen.

GIRL PICTURE (Generation)

Drei Mädchen auf der Schwelle zum Erwachsensein sind die Hauptfiguren in "Girl Picture" von der Finnin Alli Haapasalo. Es sind furiose Mädchenfiguren. Lebenslustig, direkt, manchmal derb - und gleichzeitig zart, unsicher und zweifelnd. Rönkkö und Mimmi sind beste Freundinnen, Emma ist eine ehrgeizige Eiskunstläuferin - und in Mimmi verliebt.

Herrlich, wie frisch und witzig hier das Leben auf die Leinwand geknallt wird. An der Verve der drei Darstellerinnen kann man sich kaum satt sehen - und Regisseurin Haapasalo hat ein sicheres Gespür für Teenie-Wirrungen in all ihren Schattierungen.

Eine ähnlich tolle, witzige und moderne, aber ganz andere Geschichte über drei Teenie-Mädchen gibt es übrigens im österreichischen Encounters-Film "Sonne" zu sehen. Dort geht es um Social Media und den Balanceakt zwischen Kopftuch und Twerken.

MEMORIES FROM THE EASTERN FRONT (Shorts)

Der Gewinner des Goldenen Bären aus dem vergangenen Jahr ist auch in diesem Jahr wieder im Wettbewerb - dieses Mal allerdings bei den Shorts, im Programm mit der Nummer V. Der Rumäne Radu Jude hat zusammen mit Adrian Cioflâncă einen knapp halbstündigen Stummfilm gedreht. Zu sehen sind in "Memories from the Eastern Front" Aufnahmen aus einem Fotoalbum, schwarz- weiß, mit umzackten Rändern und handschriftlich darunter notierten Ortsangaben. Die Fotos stammen aus den Jahren 1941/42, vom 6. Regiment der rumänischen Armee, die als Verbündete Deutschlands gegen die Sowjetunion kämpfte.

Landschaftsaufnahmen, Soldaten in Aufstellung, Gruppenfotos von Menschen, die sie unterworfen hatten. Doch erst die zwischendurch eingeblendeten Zitate und Aktenausschnitte machen deutlich, wie barbarisch auch von der rumänischen Armee Juden unterdrückt und ermordet wurden. Das komplette Fehlen einer Tonspur wirft die Zuschauenden ganz unmittelbar auf das, was sie da sehen und lesen. Ein eindrücklicher Film.

Sendung: Inforadio, 15.02.2022, 11:55 Uhr

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  1. 1.

    Nützlicher Artikel. Danke

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