Die Corona-Pandemie in den Filmen - Von rosa Masken und dem Abgeschnittensein

Di 15.02.22 | 18:33 Uhr | Von Andrea Handels
Audio: rbb Kultur | 14.02.2022 | Andrea Handels

Für diese Berlinale wurden die meisten Filme während der Corona-Pandemie gedreht. Und das macht sich bemerkbar - indirekt, ganz nebenbei oder auch als zentrales Thema. Von Andrea Handels

Wie erotisch eine Maske sein kann, zeigt sich in dem portugiesischen Kurzfilm "By Flavio", in dem sich eine junge Frau mit dem von ihr hofierten Gangsta Rapper in einem Einkaufszentrum trifft. Irgendwann nimmt sie ihre rosa Maske mit solch einer Sinnlichkeit ab, dass man automatisch an einen Striptease denken muss.

In den Kurzfilmen, den Berlinale Shorts, wird Corona an vielen Stellen sichtbar, durch Masken, aber auch inhaltlich. Anna Henckel-Donnersmark leitet die Sektion und hat die 21 Filme dieses Jahrgangs ausgewählt. Ihr ist aufgefallen, dass viele Filme in der Realität beginnen und dann ins Surreale, Traumhafte kippen. "Vielleicht ist das auch eine Auswirkung der Pandemie, dass man so nach Innen und in seine eigene Fantasie geht mit den Geschichten, die man erzählen möchte."

Ein gutes Beispiel hierfür ist Maria Estela Paisos philippinischer Kurzfilm "It’s raining frogs outside", der das beklemmende Gefühl der Vereinzelung, das Abgeschnittensein von der Außenwelt in teils surreale Bilder umsetzt: Eine Frau schaut mit dem Rücken zu uns aus einem vergitterten Fenster nach draußen, wo es Frösche regnet. Sie sagt: es war schwer in der letzten Zeit, Freude am Leben zu finden, die Monotonie der Tage, der Mangel an körperlichem Kontakt, man fühlt sich weniger menschlich. Am Ende verwandelt sie sich in einen Alien, treibt unter Wasser, verliert ihre menschliche Identität.

Viele Kammerspiele im Wettbewerb

Im Hauptwettbewerb der Berlinale kommt Corona so gut wie nicht vor. In zwei von 18 Filmen, einem koreanischen und einem französischen, tragen die Schauspieler Masken, ohne dass dies zum Thema würde. Sie gehören einfach schon dazu. Ansonsten habe die Situation Auswirkungen auf die Machart der Filme, sagt der künstlerische Leiter der Berlinale, Carlo Chatrian, indem sie mit wenigen Locations und wenigen Charakteren auskommen. Und sie würden auch verstärkt in den Fokus rücken, was uns fehlt: "Wir haben so viele Filme über Liebe zugeschickt bekommen dieses Jahr und viele Filme, in denen es um Familienbande geht."

La Ligne © 2022 BANDITA FILMS / LES FILMS DE PIERRE / LES FILMS DU FLEUVE / ARTE FRANCE CINEMA / RTS / RTBF (Télévision belge) / VOO et BE TVFilmszene aus "La Ligne"

Wie in "La Ligne", dem Schweizer Wettbewerbsbeitrag von Ursula Meier, in dem eine egozentrische Mutter ihre gewalttätige Tochter per Gerichtbeschluss verbannen lässt. Eine blaue Linie von 100 Metern, von der Schwester in die Landschaft gemalt, hält sie vom Zuhause und der Familie fern.

In der Berlinale Sektion Forum, in der kleinere und experimentellere Filme laufen, hat die Leiterin Cristina Nord bei der Sichtung zunächst einen wenig befriedigenden Trend ausgemacht. "Es gibt so eine Art von Genre, das Filmemacherinnen bei sich zu Haus Tagebuchfilme machen, das ist nicht immer überzeugend", erzählt sie. Aber sie hätten dann doch auch eine ganze Menge Filme erhalten, "die ästhetisch interessante Strategien entwickelt haben, sich mit der Pandemie auseinanderzusetzen". Ästhetisch und auch inhaltlich.

Pandemie-Komödie im Forum

Ganz besonders sticht hier ein Film aus Argentinien heraus: "La edad media/The Middle Ages" von Alejo Moguillansky und Luciana Acuña. Das Paar, er Regisseur, sie Tänzerin und Dozentin, sitzt zusammen mit der achtjährigen Tochter Cleo in seinem verschachtelten Haus fest. Die Rechnungen stapeln sich, der Vater versucht, über Zoom Regieanweisungen für einen Dreh zu geben, die Mutter, Tanz zu unterrichten und Choreographien zu entwickeln. Sie hoffen auf die Zeit nach der Pandemie, wenn es bestimmt Festivaleinladungen aus Europa hageln wird und die Rechnungen bezahlt werden können.

Tochter Cleo, der Star dieses Films, hat eine geniale und pragmatische Idee, wie sie an das von ihr erträumte Teleskop kommt, mit dem sie der klaustrophobischen Situation im Haus entkommen und sich auf den Mond träumen kann. Sie verkauft Stück für Stück den Hausrat. Die Eltern merken erstmal nichts.

"La edad media/The Middle Ages" ist ein wunderbarer Film, der die Tragik der Lage besonders auch für Künstlerinnen und Künstler abbildet und doch als überaus unterhaltsame und leichtfüßige Lockdown-Komödie daherkommt.

Sendung: rbb Kultur, 14.02.2022, 18:45 Uhr

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