Start der Berlinale - "Eine einzige Ermutigung zum Durchhalten"

Do 10.02.22 | 06:12 Uhr | Von Knut Elstermann
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Archivbild: Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert bei einer Berlinale Pressekonferenz. (Quelle: dpa/M. Gambarini)
Audio: Inforadio | 10.02.2022 | Silke Mehring | Bild: dpa/M. Gambarini

Zweifel blieben bis zuletzt, doch nun geht es los: Die Berlinale rollt den roten Teppich aus. Mit Weltstars wie Isabelle Huppert kommen bekannte Gesichter zurück. Das Kino lebt. Knut Elstermann über ein Festival, das in Ausnahmezeiten auf Beständigkeit setzt.

Ballung und Entzerrung – so lässt sich das diesjährige Berlinale-Programm beschreiben. Der Wettbewerb mit seinen 18 Filmen wird in der ersten Woche durchgezogen, die Preisverleihung findet bereits am Festival-Mittwoch statt. Der traditionelle Publikumssonntag wird dagegen auf vier Tage ausgedehnt. Das schafft zusätzliche Plätze in den Kinos, die nur zu 50 Prozent ausgelastet werden dürfen.

Es war immer klar, dass eine Zweiteilung wie im Vorjahr, mit Online-Festival für die Filmbranche im Winter und Publikumsfestival im Sommer, nicht noch einmal möglich sein würde. Ich denke mit etwas wehmütigen Gefühlen an die herrlich entspannte, sommerliche Volksfeststimmung in den Freiluftkinos zurück, die vielleicht auch deshalb so schön war, weil man ahnte, dass sie eine Ausnahme bleiben würde: Zu nah an diesem Termin liegen die Filmfestivals in Cannes (Mai) und Venedig (September).

Auch in diesem problematischen Jahr 2022 präsentiert der Künstlerische Leiter Carlo Chatrian seinen neuen Parallelwettbewerb, die Sektion "Encounters". Sein Lieblingskind entzieht den anderen Reihen, dem Forum, dem Panorama und nicht zuletzt dem Hauptwettbewerb, aufregende, experimentelle Arbeiten. Jetzt kommt erschwerend hinzu, dass bei der engen Taktung der Vorführungen in den ersten Tagen für die Filmjournalistinnen und Filmjournalisten kaum Zeit bleiben dürfte, beide Wettbewerbe gebührend zu würdigen. Die Sektion "Encounters" wird darunter zu leiden haben.

Wichtige Entdeckungen der "Encounters"

Dabei bietet gerade dieser neue Wettbewerb wichtige cineastische Entdeckungen und innovatives Kino wie Jöns Jönnsons Porträt eines chronischen Lügners im deutschen Film "Axiom". Die renommierte österreichische Regisseurin Ruth Beckermann liest in "Mutzenbacher" mit Männern unterschiedlichen Alters und aus sehr verschiedenen Schichten den klassischen pornografischen Roman "Josefine Mutzenbacher" und kommt auf diesem Weg zu einem intensiven Gespräch mit ihnen über männliche Sexualität. Auf persönliche Weise nähert sich Jessica Krummacher dem schwierigen Thema des selbstbestimmten Sterbens in ihrem Film "Zum Tod meiner Mutter"

Wettbewerb: hier dominiert das europäische und asiatische Kino

Im eigentlichen Wettbewerb, den Carlo Chatrian zum dritten Mal verantwortet, herrscht wie in den Vorjahren das Prinzip der Kontinuität. Ein Bruch mit seinem Vorgänger Dieter Kosslick fand im Grunde nicht statt. Es dominiert europäisches und asiatisches Arthouse-Kino, Hollywood bleibt außen vor.

Produktionen aus 15 Ländern konkurrieren um den Goldenen und die Silbernen Bären. Elf Regisseurinnen und Regisseure haben ihre Werke schon einmal auf der Berlinale präsentiert, acht von ihnen im Wettbewerb und fünf sind ehemalige Bären-Gewinner: Andreas Dresen etwa, der mit "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" nach Berlin zurückkehrt. Er erzählt die wahre Geschichte des Murat Kurnaz, der fünf Jahre ohne Beweise oder Prozess in Guantanamo saß. Aber eigentlich ist es Geschichte seiner Mutter Rabiya, eine einfache Hausfrau, die den Sohn freigekämpft hat und dabei über sich hinauswuchs. Gespielt wird dieses Feuerwerk an mütterlicher Energie von der Komödiantin Meltem Kaptan. Alexander Scheer ("Gundermann") ist in diesem Film über die Kraft der Schwachen als Menschenrechtsanwalt Docke zu sehen.

Nur ein zweiter deutscher Film hat es in den Wettbewerb geschafft "A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe" von Nicolette Krebitz. Die bekannte deutsche Schauspielerin hat sich längst auch als wunderbar eigenwillige Regisseurin ("Wild") einen Namen gemacht. Ihre vierte Regiearbeit, eine Komödie um eine Schauspielerin, ist eine Liebeserklärung an einen Berliner Theaterstar: Sophie Rois.

Der Eröffnungsfilm: Innenansicht zerstörerischer Beziehungen

In diesen unsicheren Zeiten wirken die vielen guten Bekannten im Berlinale-Wettbewerb geradezu beruhigend und erzeugen ein Gefühl von schöner Vertrautheit und Beständigkeit. Gerade die starke Präsenz französischer Filme in Berlin gehört, trotz der Konkurrenz von Cannes, zu den Traditionen der Berlinale, die Chatrian nun fortsetzt. Der Eröffnungsfilm schlägt sogar einen deutlichen Bogen zwischen deutscher und französischer Filmkunst. In "Peter von Kant" nähert sich Regisseur Francoise Ozon (2019 Silberner Bär für "Gelobt sei Gott") seinem großen Idol R.W. Fassbinder an. Es ist eine Variation des berühmten Fassbinder-Films "Die bitteren Tränen der Petra von Kant", eine Innenansicht zerstörerischer Beziehungen. Ozon bietet einen großartigen Cast auf: Denis Ménochet als ausbeuterischer, diktatorischer Regisseur, Isabelle Adjani und die Fassbinder-Ikone Hanna Schygulla.

Französische Weltstars: Charlotte Gainsbourg, Juliette Binoche, Isabelle Huppert

Die große französische Autorenfilmerin Claire Denis tritt zum ersten Mal im Berlinale-Wettbewerb an. In "Avec Amour et acharnement" (Both Sides of the Blade) führt sie zwei französische Superstars als stabiles, später tief erschüttertes Paar zusammen – Juliette Binoche und Vincent Lindon.

Spätestens mit seinem anrührenden Drama über die Folgen der Terroranschläge in Paris ("Mein Leben mit Amanda") wurde Mikaël Hers in Frankreich zum Regiestar. Jetzt schaut er mit "Les passagers de la nuit" (The Passangers of the Night) im Wettbewerb der Berlinale auf die 80er-Jahre zurück, auch eine Zeit der tiefen Umbrüche. Charlotte Gainsbourg, ebenfalls ein großer Star des französischen Kinos, spielt die Hauptrolle einer tastenden, suchenden Frau.

Vom sorgsamen Umgang der Franzosen mit ihren Stars können wir Deutschen viel lernen. Umso schöner ist es, dass Isabelle Huppert, eine der überragenden französischen Schauspielerinnen, nun gerade in Berlin für ihr Lebenswerk mit einem Ehrenbären und einer Retrospektive geehrt wird. Ein neuer Film mit ihr wird in Berlin seine Gala-Premiere erleben: "À propos de Joan" (About Joan), Laurent Larivières geradezu surreales Werk über eine erfolgreiche Verlegerin, die durch eine Regennacht fährt und dabei ihre Lebensgeschichte erzählt. Dabei ist schwer auszumachen, wo die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit verläuft - eine ideale Rolle für Isabelle Huppert.

Isabelle Huppert wird ebenso nach Berlin kommen wie viele andere Filmemacher, die für das sorgen werden, was das unentbehrliche Wesen eines Filmfestivals ist: den lebendigen, direkten Austausch, das Gespräch, die Auseinandersetzung mit dem Werk und seinen Schöpferinnen und Schöpfern.

Das Unbehagen, das manche angesichts dieser Präsenz-Berlinale in Tagen ständig steigender Inzidenz empfinden, ist völlig verständlich, es muss ernst genommen und respektiert werden. Letztlich bleibt es jedem überlassen, wie er sich entscheidet. Doch die Botschaft, die mit diesen Festspielen an die Filmbranche gesandt wird und stärker noch an die ums Überleben kämpfenden Kinos, ist eine einzige Ermutigung zum Durchhalten.

Sendung: Berlinale-Studio, 10.02.2022, 22:15 Uhr

Beitrag von Knut Elstermann

2 Kommentare

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  1. 2.

    Nu mach ma halblang. Cafes, Kneipen, Theater sind schon lange geöffnet. Man kann aber sicherlich über Sinn und Zweck der einzelen Maßnahmen streiten.

  2. 1.

    Diese Veranstaltung ist keine Ermutigung sondern ein Schlag ins Gesicht derer, die den derzeitigen Restriktionen unterliegen.

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