Pro und Contra - Ist die Berlinale in Präsenz "das richtige Zeichen" oder "russisches Roulette"?

Mo 07.02.22 | 14:29 Uhr | Von Anna Pataczek (Pro), Anna Wollner (Kontra)
  3
Fahnen der 72. Internationalen Filmfestspiele mit dem Berlinale-Bär wehen vor dem Haus der Kulturen der Welt. Die Berlinale findet trotz steigender Coronainfektionen vom 10. bis 20. Februar 2022 statt. (Quelle: dpa/Jens Kalaene/Grafik:rbb)
Video: Abendschau | 07.02.2022 | Marcel Trocoli Castro | Bild: dpa/Jens Kalaene/Grafik:rbb

Der Ticketverkauf läuft, die Berlinale öffnet nach der Pandemie-Ausgabe im letzten Jahr die Kinotüren - trotz steigender Inzidenzen. Das finden nicht alle gut. "Das richtige Zeichen", sagt Anna Pataczek. "Russisches Roulette", findet dagegen Anna Wollner.

Pro von Kulturjournalistin Anna Pataczek: "Die Berlinale setzt das richtige Zeichen"

Ich werde mit gemischten Gefühlen auf die Berlinale gehen - das schon. Aber ich steige auch mit gemischten Gefühlen in die U-Bahn - so ist es eben zurzeit, wenn man sich nicht zu Hause einschließen will. Der Festival-Besuch ist eine Entscheidung, die jede:r für sich trifft. Es wird sich zeigen, wie groß die Nachfrage nach den Berlinale-Tickets sein wird.

Aber hinter jedem Film steckt jahrelange Arbeit meist vieler vieler Menschen. Sie haben die Aufmerksamkeit verdient, die große Leinwand - auch wenn der Saal nur zu 50 Prozent besetzt sein darf.

Und warum sollte sich die Berlinale hinten anstellen, wenn währenddessen die Berliner Kultur unter 2G Plus stattfinden kann? Wenn alle Kinos neue Filme zeigen und Matineen veranstalten? Der Regelbetrieb, sofern man in diesen Zeiten davon sprechen kann, darf sein - ein Festival aber nicht? Ich sehe darin keinen Unterschied und finde es richtig, dass die Filme und Sprechtheater, Opernhäuser und Konzertsäle offen sind fürs Publikum und für die Künstlerinnen und Künstler. Wie lange haben sie dafür gekämpft, dass Kultureinrichtungen nicht mit Spielcasinos gleichgestellt werden? Sie sind eben keine Freizeiteinrichtung. Sie sind vielleicht nicht systemrelevant, aber lebensrelevant, wie es zu Beginn der Pandemie mal jemand so schön ausgedrückt hat.

Und deshalb setzt die Berlinale das richtige Zeichen. Mit einem umfänglichen Hygiene-Konzept schützt sie die Festivalbesucher und die Einwohner der Stadt. Während der letzten Winterferienwoche war sicher mehr Reiseverkehr, als es zur Berlinale sein wird. Partys, Empfänge und Galas fallen aus, aber die Kultur findet statt.

Contra von Filmkritikerin Anna Wollner: "Auf die Berlinale zu gehen, ist wie Russisch Roulette spielen"

Ein Filmfestival, vor allem ein Publikumsfilm-Festival, lebt von Begegnungen: den Begegnungen auf der Leinwand cineastischer Art, aber auch von den Begegnungen außerhalb. In Zeiten von Kontaktbeschränkungen, auf dem Peak der hochansteckenden Omikron-Welle, ist genau das grob fahrlässig - trotz eines hohen Sicherheits- und Hygienekonzeptes. Das Kino an sich ist ein sicherer Ort mit Masken, Schachbrettmuster, Platzierung der 2G-Plus-Regel und 50-prozentiger Auslastung. Aber die Begegnungen außerhalb, mit dem Nadelöhr der Anreise, dem Anstehen, den Gesprächen und Interviews nach dem Film, den Terminen drumherum, servieren Omikron die nächsten potenziell zu Infizierenden auf dem Silbertablett.

Die Berlinale verweist immer wieder darauf, dass es keine online Sichtungsmöglichkeiten gibt, auch nicht für berichtende Journalist:innen, die während des Festivals positiv getestet werden. Die Macher:innen haben es versäumt, rechtzeitig auf ein Hybrid- beziehungsweise ein Online-Festival umzusteigen. Die Filmfestivals in Sundance und Rotterdam haben es jüngst vorgemacht: Es wäre gegangen, wenn man denn gewollt hätte. Aber man wollte wohl nicht.

Für eine Absage ist es nun zu spät, auch wenn das oder zumindest die Umstellung auf ein Hybrid-Festival vernünftig gewesen wäre. Als Journalist:in auf die Berlinale zu gehen, ist wie Russisch Roulette spielen. Die Kolleginnen, die am letzten Tag noch einen negativen Test vorweisen können, sollten mit einem Ehrenbären ausgezeichnet werden.

Ja, das Kino und die Kultur brauchen starke Zeichen. Aber kein Film - vor allem kein Filmfestival der Welt - ist es wert, die eigene Gesundheit und die der anderen leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Sendung: Inforadio, 07.02.2022, 09:55 Uhr

Beitrag von Anna Pataczek (Pro), Anna Wollner (Kontra)

3 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 3.

    Ich verstehe es nicht, kann den Trubel darum auch nicht nachvollziehen..

  2. 2.

    Die Pro Argumente sind schon nachvollziehbar, aber wirklich Spaß macht es mit den ganzen Einschränkungen und Vorkehrungen nicht. Online Angebot wäre super gewesen. Aber das gilt auch für nicht Pandemie Zeiten.

  3. 1.

    Ich empfinde es einfach als Hohn, dass immerwieder bestimmte Veranstaltungen, die ein gewisses Risiko bergen, stattfinden dürfen - während andere risikoarme Freizeitgestaltungen nicht oder unter nur unter nicht nachvollziehbaren Auflagen möglich sind. Es ist eine Zweiklassengesellschaft entstanden und die Coronaregeln werden so gestrickt, wie sie einer kleinen Klientel passen.

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren